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Süße Medizin

Medizin. - Zuckerstrukturen spielen eine wichtige Rolle im menschlichen Organismus. Denn jede Zelle im Körper ist von einer Art Zuckerguss umgeben, der zahlreiche Signale an die Umgebung sendet. Ob Krebs, Infektionen oder Blutgerinnsel - immer mehr Krankheiten lassen sich inzwischen vermeiden oder therapieren, wenn die Mediziner diese Zuckerstruktur der Zellen verändern.

    Krebszellen vermehren sich in der Regel unkontrolliert und ihr aggressives Wachstum zerstört schließlich das umgebende Gewebe. Doch Tumorzellen sind wie jede gesunde Zelle auch von einem Mantel aus Zuckermolekülen umgeben. Diese so genannten Glykane bilden zusammen den Zuckercode, in dem etliche Informationen gespeichert sind, um die Kommunikation der Zelle mit ihrer Umgebung zu steuern. Bei Krebszellen verursacht der Code eine explosionsartige Vermehrung. Damit bietet er aber auch einen Angriffpunkt, um das Wachstum der Tumorzellen zu bremsen, indem man die die Zuckernetze der Krebszellen gezielt verändert.

    Die gefährlichen Zuckermoleküle der Krebszellen könnten auch für einen anderen Ansatz in der Krebstherapie wichtig werden. Professor Werner Reuter von der Berliner Charité: "Man weiß jetzt, dass dieser Kohlenhydratpelz bei Tumoren geschädigt ist. Bei Tumoren bildet er eine regelrechte Tarnkappe, die nicht mehr durchdrungen werden kann, sodass sich diese Tumorzellen der immunologischen Überwachung entziehen." Er schätzt, dass moderne Therapien versuchen werden, diese Tarnkappe zu durchlöchern, damit das Immunsystem die Tumorzellen wieder aufspüren und bekämpfen kann.

    Vermutlich spielen Zuckermoleküle auch bei der Metastasenbildung eine entscheidende Rolle. Sie sorgen dafür, dass sich die Krebszellen ablösen, mit dem Blut wandern und anschließend an anderen Stellen des Körpers ansiedeln. Nun wollen die Wissenschaftler Medikamente entwickeln, die größere Mengen der Zucker verändernden Wirksubstanzen direkt zu den Tumorzellen dirigieren. Dabei dienen die Glykane als nützliche Postboten: Sie können diverse Wirkstoffe zu genau definierten Zielen bringen, und das zu ganz bestimmten Zeiten.

    Konkret interessieren sich die Forscher beispielsweise für das Insulin. Nach einer Injektion soll der Körper länger darüber verfügen können. Professor Hans-Joachim Gabius von der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Wir können also sozusagen die Adresse, die in den Zuckern geschrieben ist, für solche Pharmaproteine umschreiben. Das heißt also: Beförderung nicht am nächsten Tag, sondern erst in einer Woche." Insulin auf Vorrat - ständig Blutzucker messen und Insulin pumpen wäre dann nicht mehr nötig.

    Während Diabetes- und Krebstherapien aber noch erforscht werden, sind erste Medikamente mit Glykanen schon auf dem Markt. Sie schützen zum Beispiel vor Thrombosen bei Langzeitflügen oder unterstützen neuere Grippemedikamente. Kurz nach dem Krankheitsausbruch eingenommen, blockiert der Zucker ein Protein am Virus, mit dem dieses an die Zelloberfläche andocken kann. Die Grippe wird dadurch abgemildert und verkürzt sich um ein bis zwei Tage. Veränderte Glykane werden künftig mehr und mehr Krankheiten heilen: Ob Magengeschwüre, Entzündungen oder vielleicht sogar Aids.

    [Quelle: William Vorsatz]