Donnerstag, 07. Juli 2022

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Sure 104 Verse 1-9
Reichtum, Materialismus und sozialrevolutionäre Ideen im Koran

Wie schon die Bibel, setzt sich auch der Koran kritisch mit Reichtum, Vermögen und Prahlerei auseinander. Gedroht wird mit Höllenfeuer. Dem bedeutenden, jüngst verstorbenen indischen Gelehrten Asghar Ali Engineer reicht dies nicht aus.

Von Dr. Tilmann Kulke, Staatliche Ilia-Universität, Tiflis, Georgien | 20.10.2017

"Wehe jedem Stichler und Lästerer,
der Geld und Gut sammelt und immer wieder zählt,
im Glauben, dass sein Vermögen ihn unsterblich mache!
Keineswegs! Er wird in das Zermalmende geworfen.
Doch wie kannst du wissen, was das Zermalmende ist?
Das von Gott entfachte Feuer,
das bis ins Herz dringt.
Es wird über ihnen zusammenschlagen
in langgestreckten Feuersäulen."
Diese ausdrucksstarke Sure gehört zu den frühesten Teilen des Korans. Sie ist wohl schon zwischen dem Jahr 610 und 615 nach Christus in Mekka entstanden. Sie besteht aus nur wenigen Versen und befindet sich, weil die Suren im Koran nach ihrer Länge angeordnet sind, als 104. von insgesamt 114 Suren weit am Ende des Werkes..
Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
Mit dem ersten Vers werden sofort die Adressaten des Wehe-Rufs genannt: die Stichler und Lästerer, die Geld und Gut sammeln und darauf ihre ganze Hoffnung setzen. Gleich zweimal wird dabei das arabische Wort "mâl" verwendet, das hier mit Geld und Gut sowie Vermögen übersetzt wird.
Diese Verbindung, also die negative Ansprache der Adressaten zu Beginn und, darauf folgend, ihr zweimal erwähnter Reichtum, ist für das Verständnis dieser Sure entscheidend: Es geht um vermögende Kritiker, die aus ihrer finanziellen Machtposition heraus Mitmenschen durch boshafte Anspielungen reizen, durch verächtliches Gerede beleidigen und darüber hinaus noch darauf vertrauen, ihr Reichtum würde sie direkt ins Paradies bringen; ihnen wird hier eine klare Absage erteilt. Denn gerade auf sie warte das Feuer Gottes, das "Zermalmende" (arabisch: al-hutama), wie es in den Versen heißt, das stumpfen Materialismus in seinen Flammen verschlinge.
Tilmann Kulke vor gebirgigem Hintergrund in Georgien.
Dr. Tilmann Kulke lehrt als Assistant Professor in Tiflis. (priv.)
Frühere Exegeten stimmen darin überein, dass es sich bei den Attackierten um vermögende Zeitgenossen des Propheten Mohammed handele, also reiche Mekkaner, die sich der Botschaft Mohammeds widersetzten, falsches Wort über ihn redeten und sich ihrer sozialen Verantwortung gegenüber der Gemeinde entzogen.
Der prominente indische Islamgelehrte Asghar Ali Engineer, der 2014 gestorben ist, möchte in seiner Interpretation noch einen Schritt weitergehen: Das zermalmende Urteil über die Lästerer und eine Wiedergutmachung ihres Verhaltens fänden bereits in dieser Welt statt, argumentiert er.
Der auf den ersten Blick erst im Jenseits eingreifende göttliche ‚Zermalmer’, welcher die Reichen verschlinge, müsse durchaus auch im Hinblick auf etwas sehr Reales verstanden werden, führt Engineer aus: Nämlich auf den bevorstehenden sozialen Aufstieg der unterdrückten mekkanischen Gesellschaft zu Beginn des 7. Jahrhunderts. Diese sei im Begriff gewesen, die Stadt-Elite zu stürzen, da diese sich ihrer sozialen Verantwortung gegenüber der Gemeinde entzogen habe. Seit Jahrhunderten hatten die Herrschenden Mekkas ganze Familien unterjocht und versklavt. Jetzt widersetzten sie sich den oftmals sozialrevolutionären Botschaften des Propheten.
Mit dieser in Sure 104 formulierten Warnung wandte sich Mohammad demzufolge direkt an die mekkanische Führung und drohte ihr mit schweren Strafen. Es sei denn, sie bereuten ihren Egoismus und gelobten Besserung.
Der indische Islamgelehrte Engineer argumentiert weiter, dass alle derartigen koranischen Passagen, die von göttlicher Vergeltung sprechen, im Lichte der beiden Welten interpretiert werden müssten. Er vertritt daher einen 'sozio-theologischen' Ansatz, wonach der Text sowohl auf das Diesseits als auch auf das Jenseits zu beziehen sei.
Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen leicht gekürzt werden.