Sonntag, 19. Mai 2024

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Sure 41 Vers 34
Eine gewaltige Zumutung

Die Feindesliebe ist eigentlich ein klassisches Thema des Neuen Testaments. Aber auch im Koran gibt es einen ähnlich klingenden Vers. Ist das der Beleg für eine schlechthin humane Grundhaltung des Heiligen Buchs der Muslime? Und wie passt das mit den Gewaltversen darin zusammen? Der deutsche Koranübersetzer Hans Zirker geht diesem (vermeintlichen?) Widerspruch nach.

Von Prof. em. Dr. Hans Zirker, Universität Duisburg-Essen | 12.02.2016
    "Nicht gleichen einander die gute Tat und die schlechte. Wehre ab mit der besseren! Da ist der, mit dem du in Feindschaft lebst, wie ein inniger Freund und Beistand."
    Dieser Vers ist im Koran einzigartig, obwohl er mit einer Reihe vertrauter Momente einsetzt.
    Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
    Da ist zunächst der entschiedene Gegensatz des Guten und des Schlechten. Zumeist wird er wie hier nicht weiter erläutert; im Grund sollte jeder selbst schon wissen, was auf die eine Seite gehört und was auf die andere.
    Scharf wird die Grenze gezogen. Die im Koran mehrfach gebrauchte Formel "nicht gleichen einander ..." schließt Übergänge aus, bei Sehenden und Blinden, Lebenden und Toten, Finsternis und Licht. Nichts Vermittelndes mildert die Gegensätze.
    Proträt von Hans Zirker.
    Hans Zirker, Koranübersetzer und emeretierter Theologe an der Universität Duisburg-Essen (priv. )
    Auch die Aufforderung, sich im Streit dadurch zu behaupten, dass man das Bessere tut – man könnte auch übersetzen "das Beste", "das möglichst Gute" –, finden wir im Koran andernorts.
    Nur unser Vers aber bezieht sich dabei ausdrücklich auf wechselseitige Feindschaft, auf den Widersacher in bedrohlicher Lage. Und gerade dabei kommt es zu der überraschenden, ja bestürzend einfachen Wendung. Dem arabischen Wortlaut entsprechend könnte man auch übersetzen: "Und siehe da, dein Feind ist wie ein inniger Freund und Beistand."

    Wie durch ein plötzliches Wunder ist die Situation in ihr äußerstes Gegenteil umgeschlagen.
    Diesen Vers zu begreifen ist ebenso heikel, wie nach ihm zu handeln. Kann das realistisch sein? Ist es nicht eher leichtfertige Utopie? Ist hier der Koran, der doch so oft gewaltsame Maßnahmen fordert, noch mit sich selbst stimmig? Verweist der Satz vielleicht nur ins Private, lässt das Politische außer Acht?
    Im folgenden Vers lesen wir, dass eine solche Überwindung von Feindschaft nur denen gelingen kann, "die standhaft sind", und "nur dem mit mächtigem Glück". Die Versöhnung soll nicht als Leistung begriffen werden, sondern als Gabe. Dennoch bleiben die gestellten Fragen. Gewiss ist unser Vers kein Beleg für eine schlechthin humane Grundhaltung des Koran. Wie die Sätze, die Gewalt rechtfertigen, hat auch diese Forderung ihre eigene Situation. Doch wir kennen sie nicht.
    Nach allgemeiner Einschätzung stammt die Sure aus der späten mekkanischen Zeit; die großen politischen Zerwürfnisse und Aufgaben zeigen sich also schon am Horizont, aber stehen noch aus. Noch hat Mohammed nicht die Verantwortung für ein von Spannungen und Feindschaften betroffenes Gemeinwesen übernommen wie bald darauf in Medina.
    Doch ist mit dieser Datierung dem verheißungsvoll versöhnlichen Aufruf keine Grenze gezogen; er ist nicht für die künftigen Verhältnisse erledigt. Die Sure wurde und wird ja weiterhin rezitiert; der Stachel ist gesetzt und bleibt über seinen ursprünglichen Anlass hinaus erhalten.
    Auch wenn wir den Vers nicht eindeutig verstehen und in seiner Bedeutung festschreiben können, so trägt er doch gerade damit wesentlich zum Verständnis des Koran insgesamt bei. Deutlicher als sonst erkennen wir hier, dass auch das abgeschlossene Buch noch nicht fertig ist.
    Es braucht diejenigen, die es hören und lesen, die sich von ihm berühren lassen, über es verhandeln, die ausmachen, wie sie seinem Anstoß folgen könnten, aber auch, womit es sie vielleicht überfordert.