Montag, 05. Dezember 2022

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Sure 57 Vers 4
Gott ist nah

Die Eigenschaften Gottes haben in vielen Religionen eine große Bedeutung. Im Islam tat man sich mit der Vorstellung von Gott von jeher etwas schwerer als andere. Aus Tora und Bibel ist die Aufforderung, sich kein Bildnis von Gott zu machen, bereits bekannt. Unter Muslimen wird dies häufig besonders stark betont. Dennoch haben auch viele Muslime das Bedürfnis, die Gegenwart Gottes zu spüren.

Von Dr. Milad Karimi, Universität Münster | 11.09.2015

    "Und Er ist mit euch, wo ihr auch seid."
    Ist Gott ein Wesen der Ferne? Gott ist der Name unzähliger Dinge: Manche von diesen Dingen haben sich verloren und andere nie gefunden. Diese sind gedichtet, andere postuliert, und wiederum andere Mensch geworden, geboren und gestorben. Was sagt also Gott aus?
    Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
    Seiner einfachen Bestimmung nach ist Gott transzendent, also der Sinnlichkeit und überhaupt jeder Erfahrung entzogen, nicht von der Welt. Somit scheint auch kein Vergleich und keine Relation das benennen zu können, was Gott ist. Selbst die Frage, was und wie Gott ist, verfehlt die Sache.
    Wenn im Koran die Rede von Gott ist, dann ist diese Rede eigentümlich. Wie kann es Gott geben? Und wenn es ihn gibt, dann müsste er doch unsagbar sein. Doch der Koran überfließt von Bestimmungen und Aussagen über Gott. Die schönsten Namen sind ihm eigen. Er wendet sich explizit dem Menschen zu, teilt ihm mit, dass er ihm Gehör schenkt, ihn trägt und tröstet. Mehr noch, "ihn ergreift weder Schlummer noch Schlaf" wie es im Koran heißt. Seine Gegenwart ergreift vielmehr die gesamte Schöpfung. Denn vor seinem Antlitz kann keine Grenze bestehen, er überschreitet und durchdringt alles; damit ist er keineswegs ein Wesen der Ferne, sondern näher als nahe.
    Der Islamwissenschaftler und Philosoph Milad Karimi
    Der Islamwissenschaftler und Philosoph Milad Karimi (Peter Grewer)
    Wie einmal der islamische Theologe Ahmad al-Ghazzali aus dem 11./12. Jahrhundert feststellte, ist derjenige dem Geheimnis des Ganzen nahe, der in allem die Gegenwart Gottes erblickt, vielleicht in der Bildenden Kunst, vielleicht in der Malerei, vielleicht in der Gestalt der Blumen des Gartens, vielleicht in einer Synagoge oder bei der Betrachtung einer Ikone Mariens, vielleicht im Antlitz einer geliebten Frau, eines geliebten Mannes oder eines schlafenden Kindes, „denn es gibt im Sein nichts als Ihn!". Sich danach zu sehnen, in einem und allem Gott zu erblicken, dürfte die höchste Bestimmung des Islam als eine Religion der Hingabe sein.
    Doch Gott ist nicht bloß da; die Weise seines Daseins ist ein Mitsein: „Und Er ist mit euch, wo ihr auch seid." So kommentiert der große islamische Mystiker Maulana Rumi aus dem 13. Jahrhundert diesen Vers des Korans mit den Worten: „Wenn wir einschlafen, sind wir trunken von Ihm / Und wenn wir erwachen, sind wir in den Händen von Ihm / Wenn wir weinen, sind wir Seine Regenwolke / Und wenn wir lachen, so sind wir Seine Blitze / Wenn wir wütend sind und streiten, sind wir ein Bild Seiner Gewalt / Versöhnen wir uns und vergeben wir, dann sind wir ein Bild Seiner Barmherzigkeit / Wer sind wir in dieser schwierigen Welt?"
    Selbst dann, wenn uns Schmerz und Leid ergreifen, wenn Ungerechtigkeit geschieht und alles Gute sich zu verflüchtigen droht, ist Gott nahe. Vielleicht ist es gerade das, was am meisten schmerzt: Seine Nähe im Angesicht des Bösen. Wenn alles eine Prüfung sein soll, wer könnte sie bestehen?
    Der zitierte Vers lautet: „Und Er ist mit euch, wo ihr auch seid." Wo sind wir denn in dieser schwierigen Welt? Ist es nicht bereits die Hölle, in der wir sind, wenn in Seinem Namen unschuldige Menschen enthauptet werden? Doch es ist unzureichend, sich seinen Namen auf die Stirn zu binden, anstatt Ihn im Herzen zu tragen, also in Verantwortung vor Ihm zu handeln. Vielleicht ist es Zeit, nicht mehr die schützende Hand über Gott zu halten, sondern sich von Ihm beschützen zu lassen.
    Auch dann, wenn wir den klagenden Blick von Ihm abwenden und selbst für das geradestehen, was um uns geschieht, selbst Verantwortung übernehmen, da er uns in Freiheit entlassen hat, so ist Er mit uns.
    Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.