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Terry Gilliams Film "The Zero Theorem"
Pures Spektakel mit längeren Gedankenspielen

Terry Gilliam gehört zu den legendären Monty-Python-Komödianten, aber er ist auch für legendäre Kinofilme wie "Brazil" oder "12 Monkeys" verantwortlich. Sein neues Werk "The Zero Theorem" ist fast ein Kammerspiel mit ebensowenig Personal wie Handlungsorten - dafür protzt es mit bizarren Wortschöpfungen und überbordender Ausstattung.

Von Josef Schnelle | 22.11.2014

Mitglieder von Monty Python: John Cleese, Terry Gilliam, Terry Jones, Eric Idle und Michael Palin (von links)
Die Komikergruppe Monty Python: John Cleese, Terry Gilliam, Terry Jones, Eric Idle und Michael Palin (von links) (dpa / picture alliance / Facundo Arrizabalaga)
"Und unsere größte Sorge ist: unseren Anruf zu verpassen. Sehen Sie: Wir warten jetzt schon unser ganzes Leben darauf. Inhalt und Ausgangspunkt unseres Anrufs sind uns im Wesentlichen verborgen, aber wir können nicht umhin zu hoffen, dass er uns den Sinn im Leben wiedergibt, auf den wir so lang verzichten mussten."
Solche verschrobenen Sätze, die in der deutschen Synchronisation noch verschrobener klingen, als im englischen Original, kann nur Oscarpreisträger Christoph Waltz fehlerfrei herausbringen. In Terry Gilliams Film "The Zero Theorem" spielt er das Computergenie Qohen Leth. Er soll nicht weniger herausfinden als den ganzen Sinn des Lebens, der sich hinter einer Formel verbirgt, die der arme Wicht in seinem roten Datenanzug mithilfe von höherer Mathematik entschlüsseln soll. Er muss dazu mit rätselhaften Würfeln jonglieren und darf so wenig wie möglich das Haus verlassen. Draußen außerhalb seines höhlenartigen Wohnateliers in einer Kirche jagen ohnehin nur futuristische Werbebanner die wenigen Passanten. Wir befinden uns in einer extrem dystopischen Gesellschaft - beherrscht von einem Superkonzern. Und so heißt der Diktator hier auch "Management" und wird von Matt Damon verkörpert. Der weiß alles, setzt die Regeln und trägt Anzüge die sich wie bei einem Chamäleon mit der Umgebung verändern. Und selbst wenn es in dieser traurigen Welt für deren wichtigsten Arbeitssklaven einmal eine Party gibt, ist sie von kurioser Monstrosität.
"Das ist der Empfangssaal. Die Drinks gibt's gleich da. Erkennen Sie was das ist? Schon gesehen." Es ist Marmor waschechter Marmor. Ist überall im Haus. Gehört meinem Onkel. Es war jedenfalls Mal seins. Alles verloren letzte Woche beim My Facebook-Crash. Die Umzugsleute kommen morgen. Aber heute Nacht gehört uns und Sie machen Party."
1984 dreht Gilliam "Brazil"
Terry Gilliam gehört zum Kreis der legendären Monty-Python-Komödianten. Er war dort ursprünglich für die Trickfilmeinlagen der Fernsehsketchshow zuständig, die schon damals voll aus dem Füllhorn des Geisterbahnkabinetts schöpften. In seinen rund zwei Dutzend Kinofilmen erweiterte er zunächst den Aktionsradius der Komikertruppe. Ausgerechnet 1984 drehte er aber "Brazil" seine Variante der Überwachungsstaatsapokalypse mit Robert de Niro in der Hauptrolle. Aber auch in "12 Monkeys" zeigte er 1995 ein bedrückendes Zukunftsuniversum. Im Vergleich zu diesen beiden Filmen mit ihren bildmächtigen Motiven ist "The Zero Theorem" fast ein Kammerspiel. Im Kern geht es um vier bis fünf Personen die auf Qoens Leben Einfluss nehmen und um einige wenige Handlungsorte, die allerdings in ihrer überbordenden Ausstattung von Produktionsdesigner David Warren, der sich von dem deutschen Maler Neo Rauch inspirieren ließ, den Film fast dominieren. Im Unterschied zu den üblichen eleganten Science-Fiction-Dekors sind Warrens Ausstattungswelten vollgestopft mit grellen überbunten Details die Qoens Lebenswelt in einem alten Kirchenschiff besonders irreal erscheinen lassen. Eine mit bizarren Wortschöpfungen vollgestopfte Sprache, die gleichwohl altmodisch und antiquiert erscheint – das hat die deutsche Synchronisation ausnahmsweise äußerst exakt übertragen – unterstützt noch den Eindruck elementarer Fremdheit. Kino kann Wirklichkeit exakt abbilden oder nachformen oder es zeigt Kunstgebilde, für die es überhaupt keine Referenz in der realen Welt gibt. Mit der Spielart des fantastischen Kinos beschäftigt sich Terry Gilliam. Man kann Vergnügen haben am puren Spektakel sich aber auch an den längeren Gedankenspielen des Films erfreuen und natürlich auch an Christoph Waltz, der diese existenzialistische Komikerrolle entschlossen mit Leben erfüllt.
Man darf sich mit einiger Vorfreude wünschen, dass es Gilliam mit 74 Jahren noch gelingt, sein Lieblingsprojekt einen Don Quixote-Film zu realisieren. Das Element, das jede Diktatur - zumindest im Film – aus den Angeln hebt, ist natürlich die Liebe. Das war schon in George Orwells "1984" so und auch in Francois Truffauts "Fahrenheit 451". Qoen Leth wird von der attraktiven Bainsley erst lästig abgelenkt und dann auf ganz neue Wege geführt.
"Wir gehen irgendwo hin, weit weg. An einen besonderen Ort auf einer tropischen Insel, aber einer wirklichen. Sag doch bitte Ja. Ich weiß wir sind irgendwie verbunden. Du auch? Ich weiß es ist so und ich sehne mich danach, gebraucht zu werden. Komm mit mir mit."