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"The Bagdad Richard" wird zu "An Arab Tragedy"

Shakespeare und die arabische Welt, sind das zwei Kulturen wie Feuer und Wasser? Oder sind sie doch kompatibel? Der Regisseur Sulayman Al-Bassam verlegte in seiner preisgekrönten Shakespeare-Adaption "Der Al-Hamlet-Gipfel" den faulen Staat Dänemark in ein fiktives arabisches Reich. Jetzt hat sich Al-Bassam beim Shakespeare-Marathon von Stratford-upon-Avon mit einer orientalisierten Version Richards III. beteiligt. Das Stück sollte eigentlich "The Bagdad Richard" heißen. Doch die aktuellen Ereignisse wollten es anders.

Von Susanne Lettenbauer | 15.02.2007

Selbst Theatermacher werden manchmal von der Wirklichkeit überrollt. Wenn Sulayman Al-Bassam vor zwei Jahren gewusst hätte, dass ihm sein Hauptprotagonist für das neue Stück abhanden kommen würde, stünde heute statt Richard III. vielleicht Macbeth auf der Bühne des Swan Theaters von Stratford-upon-Avon. Saddam Hussein hätte sicher auch einen guten Macbeth abgegeben, doch Regisseur und Schauspieler Al-Bassam liebt es schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Richard III. bietet dazu die ausgefeiltesten Ingredienzien: Krüppel und Denunzianten, Intrigen, Massenmord und Kindstötung, Hoffnungslosigkeit.

Mangels irakischem Diktator holt Al-Bassam in seinem neuen Projekt zu einem Rundumschlag aus und nennt seine Shakespeare-Adaption An Arab Tragedy, eine "arabische Tragödie". Dieses Mal holt er die gesamte arabische Welt auf die Bühne, samt dem Richard III.-Syndrom - die Ablehnung der eigenen Person.

Angelegt als eine der, übers Jahr verteilten responses, Auftragsarbeiten der Royal Shakespeare Company, die sich vom großen Meister inspirieren lassen sollen, übertragen Sulayman Al-Bassam und seine 12-köpfige Theatergruppe die original englische Szenerie ins Irgendwo der arabischen Scheichtümer und Königshäuser, dorthin, wo man sich Ölfelder zum Dank schenkt, eine Begrüßung an die zehn Minuten braucht und wo Allah, der Gott für alle Fälle, zum rhetorischen Füllsel verkommt.

Hektische Kameraaufnahmen von Treffen der arabischen Liga zeichnen Lokalkolorit auf die Leinwand. Abgelöst von schrillen Fernsehspots über die jüngsten Hinrichtungen im Namen des aufstrebenden Richard III. In Koffia und Kaftan stehen die Männer beieinander, Küsschen hier, Küsschen da. Was auf arabischen Bühnen einem Sakrileg gleich käme, nämlich die gegenseitige Berührung von Menschen - hier in Stratford wird für islamische Maßstäbe provozierend viel gebusselt. Auch von den tief verschleierten Frauen. Pixelgenau aufgezeichnet von Überwachungskameras. Denn in der Löwengrube Arabien herrscht Hochspannung. Kinder sollen Könige werden, Krüppel wie der wortgewandte Emir Gloucester im Geschichtsbuch verrecken. Mit Raffinesse erstickt Gloucester, der spätere Richard III. jeden Widerspruch mit gestenreichem Redeschwall bis auch der letzte Diplomat vertrauensvoll den Kopf in die Schlinge steckt. In der arabischen Welt gewinnt, wer am wortreichsten seine Gegner in Sicherheit wiegt, so ein Resümee der Stratforder Inszenierung. Für das Publikum indes ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, den englischen Übertiteln zu folgen. Der Inhalt war ohnehin klar.

Viel haben die Theatermacher um Al-Bassam nicht am Shakespeareschen Dramainhalt geändert,
setzen ergänzend das eine oder andere arabische Bonmot gegen die britische Kolonialzeit im Nahen Osten und kommen damit bedenklich nah an einen reinen Griff in den arabischen Kostümfundus zur rein formalen Charakterisierung eines Lord Buckingham, Hastings, Catesby, Stanley oder Richmond. Wären da nicht die die lauten GIs samt eines amerikanischen Gouverneurs, die dem zweieinhalbstündigen Abend letztlich doch noch die Bagdad-Note gibt, die Al-Bassam vermeiden versuchte.

Am Ende siegt die Frau, auch bei Al-Bassam in der arabischen Welt des Richard III. Trotz des Tschador, des Ganzkörperschleiers, bleiben die drei starken Frauen des Abends, Elisabeth, Margaret und Anne gefährliche Charaktere für das auf Mord und Verrat basierende Patronat.
Und das ist ein Punkt, weshalb diese Inszenierung auf arabischen Bühnen so nie zu sehen sein wird, weiß auch Sulayman Al-Bassam. Politisches Theater hat derzeit im arabischen Raum keine Chance, geschweige denn ein Richard III. in Bagdad. Die fehlende Infrastruktur für kulturelle Einrichtungen dazu die restriktiven Vorschriften für Theaterstücke in nahezu allen Ländern der arabischen Liga zwingen Schauspieler und Regisseure verstärkt, verharmlosende, wenn nicht gar geschichtsverherrlichende Schauspiele aufzuführen. Potentielle Dramatiker schreiben lieber für Fernsehstationen.

Von ausländischen Einrichtungen finanzierte Projekte wie die von der Royal Shakespeare Company Stratford koproduzierte arabische Version des Richard III. haben hingegen eher eine Chance, nach entsprechenden Änderungen wie sie jährlich auf dem Fadjr-Festival in Teheran zu erleben sind. Das Zentrum arabischer Theaterkultur verortet Al-Bassam deshalb "ganz klar" in London.