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Theater muss immer kraftvoll und gegen etwas sein

Es war nie so schwer wie heute zu sagen, gegen wen das Theater vorgehen soll, sagt der Berliner Autor Michel Decar, der beim Theatertreffen Stückemarkt, einem renommierten Wettbewerb für den dramatischen Nachwuchs, mit dem Förderpreis für Neue Dramatik ausgezeichnet wurde.

Von Anke Schaefer | 15.05.2012
    Markus & Markus aus Hildesheim durften ihr Projektkonzept während des Theatertreffens mit Mentor René Pollesch entwickeln. Sie hatten sich als Aliens an die Jury gewandt und wollten jetzt vor dem Stückemarkt Publikum herausfinden, ob die Menschen dem Bild entsprechen, das sie in den 70er-Jahren ins All schickten, um Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen. Darunter auch Musik. Zum Beispiel aus Mozarts Zauberflöte die Arie der Königin der Nacht.

    Nein, die Erdlinge können es nicht nachsingen. Wenigstens in diesem einen Moment hatte diese Performance etwas Heiteres. Ansonsten kam die Erkenntnis, dass die Erdlinge leider in keiner Weise dem Bild entsprechen, das sie im All von sich zeichnen, recht humorlos und erstaunlich langatmig über die Rampe. Dennoch hatte der Abend etwas Programmatisches. Der Stückemarkt reagiert hier auf eine ganz wichtige Strömung: Theaterkollektive sind derzeit sehr erfolgreich, im vergangenen Jahr war zum Theatertreffen etwa She She Pop eingeladen (mit "Testament", einer Lear-Variation mit den eigenen Vätern der siebenköpfigen Truppe). Dieses Jahr ist Gob Squad dabei (ein deutsch britisches Performer-Kollektiv, das in "Bevor your very eyes" Kinder in den Mittelpunkt stellt).

    She She Pop oder Gob Squad arbeiten teilweise Jahre an ihren Produktionen, insofern ist es kein Wunder, dass Markus & Markus aus dem Stand heraus erst einmal keinen Erfolg hatten. Sie wurden bei der Preisverleihung nicht bedacht. Dafür bekam – sehr verdient – der 25-jährige Berliner Autor Michel Decar den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis für Neue Dramatik. Für sein Stück "Jonas Jagow", das nun nächstes Jahr am Maxim Gorki Theater in Berlin uraufgeführt wird. Michel Decar spiegelt darin auf sehr subtile und kluge Weise das Lebensgefühl seiner Generation. Jonas Jagow will eigentlich das Universum zerstören, weil das aber auf einmal etwas viel ist, wäre er erstmal mit der Zerstörung Berlins zufrieden. Doch er schreitet nicht zur Tat. Auch wenn er wütend ist, sehr wütend. Und das gilt auch für den Autor Michel Decar, der sagt: Theater muss immer kraftvoll sein und gegen etwas sein. Wogegen aber?

    "Gegen unfassbar viele Dinge, die mich aufregen. (..) Die unfassbar vielen Ungerechtigkeiten, die einem selber widerfahren, aber die auch weltweit existieren und von denen wir wissen. Das Internet ist so präsent, wir können uns über alles informieren, was in jedem Land dieser Erde stattfindet. Wir haben diese Macht der Information, und wir nutzen sie aber nicht."

    Es war nie so schwer wie heute, meint Decar, zu sagen, gegen wen genau wir wie vorgehen sollen. Den mit 7000 Euro dotierten Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarkts gewann die Engländerin Pamela Carter. Sie präsentierte auf dem Stückemarkt "Skane" – die Geschichte einer aus den Fugen geratenen Beziehungs- und Familienwelt, in sehr gut geschriebenen Dialogen, dramaturgisch interessant. Pamela Carter erzählt die Geschichte von hinten nach vorne: Alles beginnt mit der reuevollen Wiedervereinigung und endet mit der Affäre, die das Familiendesaster auslöst. Nicht prämiert, dennoch erwähnenswert: Das Stück "Fremde Körper" der polnischen Autorin Julia Holewinska – die von Männern erzählt, die sich in ihren Männerkörpern wie Frauen fühlen und damit ein Bild für ein Polen findet, das zwischen kommunistischer Vergangenheit und kapitalistischer Gegenwart darum kämpft, sich im eigenen "Körper" wohlzufühlen.

    Bei so verschiedenen Themen stellt sich die Frage: Gibt es etwas, was all die Texte des diesjährigen Stückemarkts vereint? Christina Zintl, Leiterin des Stückemarkts:

    "Ich würde sagen, gerade diese Vielfalt, diese Disparatheit, das Auseinanderfallen ist bezeichnend für die Auswahl – und in dem Sinne denke ich, ist es vielleicht auch so etwas wie ein Abbild unserer Gesellschaft, die ja gerade auch dieses Nebeneinander und die Abrufbarkeit von vielen Themen und Materialien und Dokumenten ausmacht."

    Sicher ist, alle Autoren haben eine Haltung zu unserer Welt, sie beobachten, was passiert, sind also sehr wach. Sie reagieren auf die Widersprüche. Auf die Herausforderungen der zerfallenden, postmodernen Gesellschaft. Der Stückemarkt war in dieser Hinsicht in diesem Jahr wirklich erlebenswert – wegen der vielen Bruch-Stücke, die es in sich hatten.