Freitag, 03. Februar 2023

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Theresia Walser
Zickenkrieg unter Herrinnen

Von Cornelie Ueding | 30.10.2014

    Fünf Schauspielerinnen spielen fünf Schauspielerinnen und proben ganz ohne Regisseur das fiktive Stück einer fiktiven Autorin: "Die Tür" von Gloria Wolf. Ein Stück, das aus der backstage-Perspektive die Vorbereitungen von fünf Frauen, genauer: Rivalinnen vor ihrem Auftritt zur Staatspreisverleihung für herausragende weibliche Lebensleistungen schildert - denn nur eine kann gewinnen.
    Zur Wahl stehen eine disziplingestählte, höchsthackig daher stöckelnde Instantsuppen-Vertriebsmanagerin und Mutter von vier Kindern; eine schwärmerisch entflammte Inklusionskindergarten-Erfinderin; die rasiermesserscharfe Gerichtspräsidentin am Krückstock, seit 165 Jahren die erste Frau in diesem Amt; die robuste, rabiat anti-akademische, weltweit agierende Zementspritzmaschinen-Vertreiberin mit 27.000 Untergebenen; schließlich die ungelenk dahertapsende Mathematikerin, die bis vor Kurzem noch ein Mann war.
    Frauen, wie sie verschiedener nicht sein könnten - und doch allesamt gefangen in der Endlosschleife eines ebenso peinlichen wie peinigenden Geschlechterdiskurses, in den sie sich wechselweise heraus- und hineinreden: Sie werfen sich alle möglichen Wortfindungen an den Kopf-Geschlechtskerker, Geschlechtsclown und Geschlechtsmuskelkater, witzeln sich vom Geschlechterkampf über den Geschlechterkrampf bis zum Geschlechterkränzchen. Jede Frau laboriert bissig, zynisch, vorwurfsvoll und diffamierend, verächtlich oder frivol an der Sprache und der Sache mit den Rollen, den Zuschreibungen und Zwängen herum.
    Eingefrorene Eizellen für Kinder in spe - oder das Leben einer polyfunktionierenden Dauer-Performerin in Dauer-Präsenz-Zwangsjacken - das ist hier die Frage. Das ist schon kompliziert genug. In diesem virtuosen Theater-Theater-Stück verdoppelt sich die Problematik nun freilich dadurch, dass hinter jeder dieser Vorbild-Frauen ja auch noch ihre jeweilige Darstellerin bzw. ihr Darsteller steckt - und hervortritt. Und diese zweite Ebene macht den Reiz des neuen Stückes von Theresia Walser aus, das sonst in Gefahr wäre, zu einer Revue der Gender-Klischees zu verkommen.
    Der durch das Spielen einer Transsexuellen in seiner Männlichkeit total verstörte Malte rebelliert mit schreiend komischem Potenz-Geprotze gegen diese Irritation. Iris wird vor ihrer Kindergärtnerinnen-Folie zur theatralischen Barrikadenstürmerin. Die "Zement-Luzi"-Darstellerin sondert plötzlich seltsame Machtfantasien in Richtung der drei großen Hauptrollen mit M ab: Macbeth, Medea und Maria Stuart - und ahnt nicht, dass sie, nicht nur wegen ihrer alkoholischen Eskapaden, längst auf der Abschussliste steht.
    Eifersüchteleien, Rivalitäten, Intrigen, Bösartigkeiten - kaum ein Wort, das ohne hämische, oft gehässige Kommentare durch die anderen bliebe, kaum eine sogenannte Texterweiterung, die nicht den Identitätsverlust der Frauen zwischen Person, Darstellerin und Text, zwischen Karrierewahn und aufgezwungener Frauen-Rolle spiegelte. Sie alle gehorchen auf den herrschsüchtigen Ordnungsruf durch eine Kollegin: Zurück zur Probe, zurück zum Text!
    Werden für ein paar Minuten wieder zu professionellen Schauspielautomaten. Dabei lässt ihre Lust oder Unlust an der Rollenfigur die dick aufgetragene Schminkschicht der Erfolgsdamen abblättern. In diesen Augenblicken werden aus professionellen Performerinnen von Rollen ganz einfach anrührende, zerbrechliche Menschen, Frauen, die hilflos auf die Bruchstücke ihrer Traumkarrieren schauen und sich dennoch gegen jeden Anflug von Hilfe verwahren. Dieser Zickenkrieg unter Herrinnen bestätigt also nicht nur die gängige Vorstellung, dass Theater immer dann am unterhaltsamsten ist, wenn es sich mit sich selbst beschäftigt.
    Theresia Walsers jüngstes, in seinen Abgründen von Regisseur Burkhard Kosminski eher noch zu vorsichtig ausgelotetes Stück ist darüber hinaus ein perfekter Stresstest, eine Simulation für Theoreme und ihre Belastbarkeit im wirklichen Leben. Am Ende steht eine todtraurige, immer noch stolze, entzauberte und entlassene Theaterruine, die eben noch von Hauptrollen schwärmte, nun stille Lähmung hinterlassend, im Kreis ihrer Kolleginnen, denen es gleichfalls die Sprache und die Hoffnung verschlagen hat.