Dienstag, 04. Oktober 2022

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Tobias Bamborschke von Isolation Berlin
"Ich bin ja nicht beim Psychologengespräch"

Die Stadt Berlin, Liebeskummer und eigene Despressionen – diese Themen finden sich auch auf dem zweiten Album der gefeierten Indie-Band Isolation Berlin. Diese Offenheit zog neugierige Journalistenfragen an. "Teilweise ging es mir ein bisschen zu weit", sagte Frontmann Tobias Bamborschke im DLF.

Tobias Bamborschke im Corsogespräch mit Christoph Reimann | 19.02.2018

    Tobias Bamborschke von Isolation Berlin bei der Veranstaltung "Pop & Depression" des Pop-Kultur-Festivals 2016 in Berlin
    Tobias Bamborschke von Isolation Berlin bei der Veranstaltung "Pop & Depression" des Pop-Kultur-Festivals 2016 in Berlin (Pop-Kultur/Annett Bonkowski)
    Sören Brinkmann: Wenn sich Serotonin auf Berlin reimt, dann ist Tobias Bamborschke nicht weit weg. Vor zwei Jahren erschien das Debüt seiner Band, die das Große und Schreckliche schon im Namen trägt: Isolation Berlin. Nicht die Party-Hauptstadt besingen die vier Musiker, Isolation Berlin fühlen sich wohl in den verqualmten Eckkneipen und Spelunken der Alteingesessenen, von denen es immer weniger gibt. Feuilletonisten und Pop-Liebhaber verfielen den tief-schwerminütigen Songs, die Namen wie "Alles grau" oder "Verschließe Dein Herz" hießen. Bamborschke sprach öffentlich über Depressionen, Liebeskummer und die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen.

    Am 23. Februar erscheint das neue Album von Isolation Berlin, der Name: "Vergifte Dich". Tatsächlich hätten einige der Songs darauf musikalisch als auch textlich ebenso auf das Debüt gepasst, fand Christoph Reimann, und hat Tobias Bamborschke gefragt, ob die Songs eventuell sogar zur selben Zeit entstanden sind.
    Tobias Bamborschke: Bei mir - textlich und songwritermäßig - entstehen Songs eigentlich die ganze Zeit. Das ist ein Prozess, der jeden Tag abläuft, der sich jeden Tag entwickelt. Wir arbeiten nicht so, dass wir sagen, wir gehen jetzt zwei Monate ins Studio und da machen wir jetzt ein Album und gucken mal, was passiert. Sondern ich bin eigentlich permanent auf der Suche nach neuen Texten, und wenn genug Texte da sind, dann gucken wir, was damit passiert.
    Christoph Reimann: Bei dem neuen Album "Vergifte Dich" da - habe ich schon gesagt - die Themen sind ungefähr ähnlich wie auf dem Debüt, ich habe aber das Gefühl, sie spielen noch ein bisschen besser zusammen in der Band und ich habe das Gefühl, die Texte sind noch ein bisschen geschliffener. Was meinen Sie, hat sich auch die Haltung ein bisschen verändert zu diesen Themen Depression, Liebe, die Stadt Berlin?
    Songs im Dialog
    Bamborschke: Das ist wenn dann ein unterbewusster Prozess, ich schreibe nicht sehr bewusst Songs. Was mir aufgefallen ist, dass auf dem neuen Album so eine Art Dialog entsteht. Es gibt Songs, die sich sehr krass widersprechen, zum Beispiel "Vergeben heißt nicht vergessen" und danach kommt "Marie". Das sind so Songs, die fast aufeinander antworten und fast in Dialog treten.
    Reimann: Müssen wir vielleicht kurz erklären. "Vergeben heißt nicht vergessen"...
    Bamborschke: Da geht es darum, dass es jemand nicht schafft weiterzukommen und immer an der alten Liebe festhängt. Und bei "Marie", das ist eigentlich so ein versöhnliches Trennungslied, in dem es darum geht, weiterzukommen und neues Glück anzunehmen.
    Wir haben noch länger mit Tobias Bamborschke gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs
    Reimann: Sind es denn nach wie vor autobiografische Songs?
    Bamborschke: Teilweise ja. Das war schon immer so, dass mehrere Schicksale oder Geschichten einfließen, und manchmal erzähle ich auch Geschichten anderer, um eigene Geschichten zu erzählen. Also ich erzähle die eigene Geschichte durch die Geschichten anderer. Es fließen viele Dinge mit ein. Vieles ist autobiografisch, anderes auch gar nicht.
    Reimann: Das Debüt war ja sehr geprägt von Ihren Depressionen. Ich habe das Gefühl, jetzt ist die Distanz zum Schmerz, zu den Depressionen, ein bißchen größer geworden. Stimmt das oder ist das ein falscher Eindruck?
    Bamborschke: Ja. Es gibt eine andere Distanz. Das sieht man sicher durch Textzeilen wie: "Ich tu mir selber weh und schrecklich leid". So Textzeilen, die schon von einer anderen Distanz berichten.
    "Ich spüre nach, welchen Song brauche ich"
    Reimann: Erleben Sie denn noch so diese depressiven Episoden?
    Bamborschke: Schon, ja. Aber ich kann damit besser umgehen mittlerweile und das ist nicht mehr so akut.
    Reimann: Depressionen und die Stadt Berlin. Warum waren diese Themen noch nicht auserzählt für dieses zweite Album?
    Bamborschke: Wie gesagt, das war kein bewusster Prozess. Also ich fühle nach, was kommt und das schreibe ich auf und mit dem muss ich arbeiten. Ich überlege gar nicht viel, was würde ich gerne weitererzählen, sondern ich spüre dem nach, welcher Song ist noch da, oder welcher Song will gerade noch kommen, oder welchen Song brauche ich, oder welchen Song will ich singen? Und dann warte ich, ob was kommt. Es können auch ganz andere Worte kommen, aber die sind halt gekommen.
    Reimann: Und was kommt zuerst, die Musik oder die Texte?
    Bamborschke: Das ist unterschiedlich. Bei mir, also in meinem Zimmer, sag ich mal, kommen zuerst die Texte. Und von denen gehe ich dann aus. Während ich einen Text schreibe, ist meistens schon eine Stimmung da und eine Richtung. Ein Sound im Kopf, irgendwo.
    "Ich spüre, dass der Text Musik braucht"
    Reimann: Sie haben auch einen Gedichtband veröffentlicht: "Mir platzt der Kotzkragen". Und wie entscheiden Sie, was wird ein Gedicht und was wird dann doch lieber ein Song?
    Bamborschke: Wie gesagt, ich habe Notizblöcke und dann schreib ich auf, schreib ich auf, schreib ich auf. Meistens ist es schon nach den ersten zwei Sätzen, dass ich merke, da braucht es Musik, oder ich höre schon eine Musik, ich spüre schon, dass Musik kommt. Dass der Text Musik braucht. Dann gibt es Texte, bei denen ich von Anfang an das Gefühl habe, die müssen gelesen oder gesprochen werden. Da würde eine Musik eher stören erstmal. Und dann lass ich das zu.
    Reimann: Ein Song, der bei mir Fragen aufgeworfen hat, ist der Song - der titelgebende Song - "Vergifte Dich". Es geht darum, dass es Ihnen nicht gut geht und sie Rauschgift nehmen, Drogen könnte man auch sagen. Haben Sie diese autodistruktive Seite wirklich an sich?
    Bamborschke: Habe ich sicherlich auch an mir. "Vergifte Dich" war ein sehr beobachtender Song, also den Text habe ich schon geschrieben - das war tatsächlich der erste Text, den ich für die Band Isolation Berlin geschrieben habe. Das war schon 2012 oder so - und das war eine Zeit, in der ich das Gefühl hatte, ich müsste mich jetzt diesem ganzen Berliner Nachtleben irgendwie hingeben und habe halt viele Leute kennengelernt, mich mit vielen Leuten umgeben, die die ganze Zeit sich - auch dadurch, dass sie Probleme hatten - weggeknallt haben wie die Bekloppten und sich alles reingepfiffen haben. Und das war so eine gemeinschaftliche Euphorie, die ich eher beobachtend wahrgenommen habe, ich habe da nicht mitgemacht, ich habe es eher beobachtet. Dieses Gruppengefüge, dieses gemeinsame, freundschaftliche Vergiften, das fand ich irgendwie spannend. Und dann habe ich darüber geschrieben.
    Reimann: Aber es ist ja nicht dieses Berlin - das Sie auf dem Album erleben - das Party-Berghain-Berlin, oder war es das doch damals für Sie?
    Bamborschke: Beim "Vergifte Dich", bei dem Song, habe ich das schon beobachtet. Das ging schon in diese Richtung damals, ja. Aber das war nicht meine Richtung. Das hat mir nicht gefallen.
    Reimann: Und dann sind Sie übergegangen zum spelunkigen Berlin?
    Bamborschke: Das ist schon eher mein Ding, ja.
    Reimann: In den Kneipen abzuhängen. Entstehen da auch die Texte?
    Bamborschke: Da entstehen auch einige Texte, ja. Mittlerweile sind ja Kneipen fast unser Berufsumfeld. Dadurch, dass wir so viel auf Tour waren, hat man, weiß ich nicht, 100 Tage des Jahres in Clubs oder Kneipen verbracht.
    "Schwierig, Distanz zu finden"
    Reimann: Ein Song auf dem Debüt heißt "Produkt", und da singen Sie davon, konsumiert werden zu wollen, und eine Zeile in dem Song lautet: "Ich lebe für Applaus". Das hat ja im Grunde geklappt, kann man sagen. Sie sind mit Ihrem Debüt, das ist gut angekommen in der Presse, Sie waren auf Tour, Sie waren recht präsent und haben auch öffentlich gesprochen über Depressionen und haben sich sozusagen nackt gemacht auf der Bühne. War das vielleicht auch zu viel Applaus, zu viel Öffentlichkeit, dass man sich dann doch wieder die Isolation zurückwünscht?
    Bamborschke: Teilweise ging's mir schon ein bisschen zu weit, was so psychologische Fragen und so anging. Depression ist halt ein Thema. Das war halt Thema in meinem Leben und auch in den Texten. Deshalb war es mir teilweise auch zu intim irgendwann. Wo ich dann gemerkt habe: Jetzt stellen mir alle solche Fragen und das wird dann im Radio gesendet oder online gestellt. Und dann bin ich schon irgendwann ein bisschen nervös geworden. Dachte, oh Gott ... ich bin ja nicht beim Psychologengespräch. Schwierig, da die Distanz zu finden und zu sagen, wie weit gehe ich, wie viel sage ich und so.
    Reimann: Sind Sie dabei, noch? Oder haben Sie die Grenze gefunden?
    Bamborschke: Ich bin noch dabei, ja.
    Reimann: Vor zwei Jahren haben wir uns schon mal getroffen für ein Interview und da zitierten Sie Hermann Hesse und haben gesagt: "Etwas zu schaffen, auch inmitten von Leid, ist immer Glück." Sie sagten dann, das ist wohl das einzige, wofür ich mich eigne, sinngemäß. Ist das immer noch so?
    Bamborschke: Ich denke ja.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.