Freitag, 27. Mai 2022

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Tod einer südkoreanischen Triathletin
Schläge, Beleidigungen, psychologische Erniedrigungen

Nach dem Tod der südkoreanischen Triathletin Choi Suk-hyeon stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Choi hatte sich wiederholt darüber beklagt, dass sie von ihrem Trainer und einem Physiotherapeuten über Jahre missbraucht worden sei, berichtet der Journalist Felix Lill. In Südkorea sei die altmodische Haltung, dass wer Erfolg haben will, auch leiden müsse.

Felix Lill im Gespräch mit Maximilian Rieger | 05.07.2020

Die 22 Jahre alte Triathletin Choi wurde von Mitgliedern ihres Teams geschlagen, beleidigt, psychologisch erniedrigt. Ihre Eltern sagen nun, dass Choi außerdem frustriert darüber war, dass die Ermittlungen in ihrem Fall kaum vorangingen. Sie habe sich bei den Sportverbänden und der Polizei gemeldet. Auch Athletenkolleginnen hätten sich nicht auf ihre Seite gestellt und sie durch Aussagen unterstützt.
Diese Tage habe ein koreanischer TV-Sender dann Tonaufnahmen veröffentlicht, die die Vorwürfe von Choi klar erhärten. Darin seien männliche Stimmen zu hören, die eine Person heranzitieren und bedrohen, danach hört man Schläge. Dass Chois Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind, glaube niemand, so Felix Lill. Choi hatte sich vor einer Woche das Leben genommen.
Leiden gehört in Südkorea häufig zum Erfolg
In Südkorea werde das Thema Missbrauch seit einigen Jahren immer wieder öffentlich diskutiert. Die altmodische Haltung sei die, dass wer Erfolg haben will, auch leiden müsse. So würden auch viele Betroffene ihr Leiden als Preis für den Erfolg anerkennen. Und Trainer und Manager, also die Aufsichtspersonen, sähen es oft als ihr Recht oder sogar ihre Pflicht an, ihre Schützlinge zu malträtieren.
Sport und Missbrauch in Südkorea - "Viele denken, das sei der Preis für den Erfolg" Südkoreas Sportlerinnen und Sportlern ist Widerspruch eigentlich fremd. Doch in diesen Tagen ist das anders. Die Ergebnisse eines Berichts zu sexuellem Missbrauch und Gewalt im Sportsystem des Landes schockieren. Kritiker werfen die Frage auf, welchen Preis die Medaillenerfolge fordern.
Der koreanische Triathlonverband, dessen nationaler Auswahl Choi seit fünf Jahren angehört hat, sagt, man wolle die Sache aufarbeiten. Das Nationale Olympische Komitee betonte: "Das Komitee findet es sehr bedauerlich, dass sich solch ein Fall erneut ereignet hat, obwohl wir Vorkehrungen getroffen haben, um Gewalt und sexuellem Missbrauch vorzubeugen und die Menschenrechte unserer Athleten zu schützen." Jetzt soll ein neues Bildungsprogramm aufgelegt werden, mit dem auf allen beteiligten Seiten auf das Problem noch einmal aufmerksam gemacht werden möge.
Seit 2018 Missbrauch von Athleten prominentes Thema in Südkorea
Das Problem des Missbrauchs von Athleten durch Trainerpersonal ist in Südkorea spätestens seit den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang 2018 bekannt. Damals machte die Eisschnellläuferin Shim Suk-hee kurz nach ihren Goldmedaillengewinnen vor heimischem Publikum öffentlich, dass ihr Trainer sie wiederholt misshandelt und vergewaltigt habe. Bald danach kamen noch viel mehr Fälle ans Licht. Die Nationale Menschenrechtskommission startete dann eine Untersuchung des gesamten Sportsystems.
Alle gut 63.000 Leistungssportler des offiziellen Elitesystems wurden befragt. Dabei kam heraus, dass 15 Prozent irgendeine Art von Misshandlung erfahren hatten. Die meisten hätten Angst gehabt, sich gegen Trainer aufzubäumen, weil dann die sportliche Karriere in Gefahr wäre, erläutert Lill. Das sei offenbar nach wie vor der Fall. Denn sonst hätten im Fall von Choi Suk-hyeon wohl mehr Athletenkolleginnen und -kollegen gegen die Trainer ausgesagt.
Durch den Tod von Choi Suk-hyeon fühlten sich jetzt weitere Athleten ermutigt, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Für die kommende Woche ist eine Pressekonferenz anberaumt.