Freitag, 27. Mai 2022

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Totengedenken statt Gewerkschaftsparolen

Der 1. Mai ist für die Einwohner eines kleinen Dorfes auf Sizilien nicht der Tag der Arbeit, sondern ein Tag des Gedenkens und der Trauer. Denn vor 60 Jahren, als die Bewohner an der traditionellen Mai-Kundgebung teilnahmen, wurden sie Opfer eines Verbrechens, das bis heute nicht vollends aufgeklärt ist. Anke Pieper berichtet.

30.04.2007

Bei den jährlichen Gedenkfeiern in Portella della Ginestra südlich von Palermo mit dabei ist Salvo Ricco. Der 41-jährige Journalist schreibt für die Regionalzeitung "Giornale di Sicilia". Ricco möchte dazu beitragen, dass nicht in Vergessenheit gerät, was vor 60 Jahren geschah.

"Portella ist zum Symbol geworden. Zum Symbol für eine ganze Reihe unaufgeklärter politischer Verbrechen in Italien. Denn dort ist 1947 ein Attentat verübt worden mit 11 Toten und 27 Verletzten. Es war das erste Verbrechen dieser Art in der gerade gegründeten Italienischen Republik. Wenn man dort ist, denkt man unwillkürlich an all die Kämpfe für Arbeiterrechte und möchte, dass die Welt von diesem schrecklichen Kapitel unserer Geschichte erfährt."

Es ist eine schroffe Bergwelt im Nordwesten Siziliens. Einige Pinienwäldchen, sonst spärlich mit Macchia bewachsene Bergflanken. Portella della Ginestra liegt rund 800 Meter hoch. Es ist eine natürliche Ebene, mehrere hundert Meter im Durchmesser in einer menschenleeren Gegend. Gedenksteine erinnern an das Attentat. Der nächstliegende Ort ist Piana degli Albanesi. Von hier kamen 1947 die meisten Demonstranten. Mario Nicosia war einer von ihnen, 82 Jahre ist er heute alt, hager, stoppelbärtig, mit stechendem Blick aus hellblauen Augen.

"1944, '45, '46, jedes Jahr haben wir den 1. Mai gefeiert. 1947 versammelten wir uns wie immer dort. Ich war damals 22. Plötzlich hörte ich Schüsse. Ich dachte zuerst, das seien Schüsse in die Luft zur Feier des Tages, bis ich in meiner Nähe einen Arbeiter blutend zusammensinken sah. Dann bin ich weggelaufen. Ich hatte verstanden, dass sie uns alle umbringen wollten."

Die Überlebenden sind noch immer wütend, denn auch 60 Jahre nach dem Attentat ist nicht aufgeklärt, wer damals den Befehl gab, auf die Demonstranten zu schießen.

"Wenn ich in diesem Jahr das Glück haben sollte, mit einem unserer Politiker, mit Prodi oder Napolitano oder Fassino zu sprechen, dann werde ich sie darum bitten, die Hintermänner des Attentats zu suchen. Wir wollen endlich verstehen, was in Portella della Ginestra wirklich los war."

Das Blutbad von Portella della Ginestra schwächte die nach Kriegsende im agrarisch geprägten Sizilien entstandene Landarbeiterbewegung. Das Massaker wurde als politische Botschaft verstanden: Wer für seine Rechte eintritt, riskiert sein Leben. Viele hatten nun Angst, sich politisch zu engagieren. Die Linksparteien wurden politisch isoliert. In Palermo kam eine Mitte-Rechts-Regionalregierung an die Macht, die in den 50er Jahren zwar eine Landreform durchführte, allerdings verbesserte sich die Situation der Landarbeiter kaum. Sie erhielten entweder kein oder nur unfruchtbares Land und lebten weiterhin meist in Armut. Landflucht, Auswanderung und Perspektivlosigkeit waren die Folge. Die strukturellen Defizite der Insel bestehen bis heute weiter.

Für den jungen Regionalsekretär der CGIL-Sizilien, Maurizio Calà, ist das Attentat von Portella deshalb ein Schlüssel zum Verständnis der politischen und sozialen Verhältnisse in der südlichsten Region Italiens.

"Die Schwierigkeiten, die Sizilien heute hat, kann man nur verstehen vor dem Hintergrund der Situation vor 60 Jahren. Das größte Problem bleibt die Arbeitslosigkeit. Massen von Jugendlichen finden keine Arbeit. Sie arbeiten unter prekären Bedingungen, schließen sich der Mafia an oder sehen sich gezwungen auszuwandern, so wie es auch in den 50er und 60er Jahren war. Sie gehen zum Beispiel nach Deutschland. Es gibt wieder diese Linienbusse, die sie aus dem Hinterland direkt nach Belgien oder Deutschland bringen."