Mittwoch, 28. September 2022

Trump-Zitate
Donald, der Dichter

Seit Wochen sorgt Donald Trump mit seinen Wahlkampf-Äußerungen für Aufsehen - und Empörung. Dabei steckt viel Poesie in den Sätzen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, findet der Journalist Hart Seely. Er hat ein Buch mit Trump-Zitaten geschrieben - in Gedichtform. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

von Jana Sinram | 11.12.2015

    Donald Trump sitzt gestikulierend vor einem blauen Hintergrund mit seinem Namen
    "Der Barde des Geschäfts" - so lautet der übersetzte Titel des Buches mit Trump-Zitaten in Gedichtform. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
    Hart Seely hält Donald Trump für einen genialen Mann. Und eigentlich, sagt der Journalist, meint Trump es vermutlich nur gut mit den Amerikanern. "Aber er hat ein riesiges Ego. Und die Verlockung, die wütenden Massen hinter sich zu versammeln, treibt ihn immer weiter an den Rand." Trump berühre etwas Dunkles in der amerikanischen Seele, sagt Heely und klingt ein kleines bisschen pathetisch: "Langsam wird es unheimlich."
    Mehr als bloße Zitate
    Unheimlich, das sind die "Gedichte" in Seelys Buch nicht - eher entlarvend. Über 200 wörtliche Zitate des Präsidentschaftsbewerbers hat Seely zusammengetragen und sie - völlig unverändert, wie er betont - in Gedichtform neu angeordnet. So ist Poesie entstanden, die an den Dadaismus erinnert - und die nach Ansicht von Seely extrem viel über Trump aussagt: "Ich finde, diese 'Gedichte' sind viel mehr als bloße Zitate. Es geht dabei fast nie um Wichtiges, um Politik, Wirtschaft oder Kultur. Die Poesie entsteht meist dann, wenn Trump über irgendwelche Nebensächlichkeiten spricht."
    "Ein perfektes Selbstporträt"
    In einer solchen Situation rede so ziemlich jeder Mensch einfach aus dem Bauch heraus, findet Seely. "Das macht es zwar noch nicht unbedingt zu einem Gedicht. Aber viele meiner Trump-Gedichte stammen aus eben jenen Momenten. Die Worte haben überhaupt keinen Nachrichtenwert - aber wenn man sie genau liest, dann sieht man: Sie sind ein perfektes Selbstporträt."
    Was Seely meint, lässt sich zum Beispiel an einem Gedicht erkennen, das Anfang August in einem Fernseh-Interview entstand. Titel:
    "The Vicious Ones" - zu Deutsch - "Die Bösartigen"
    I was attacked viciously
    By those women,
    Of course, it's very hard for them
    To attack me on looks,
    Because I'm so good looking.
    But I was attacked very viciously
    By those women.
    Ich wurde bösartig angegriffen
    von diesen Frauen,
    es ist natürlich sehr schwer für sie
    mich wegen meines Aussehens anzugreifen,
    weil ich so gut aussehe.
    Aber ich wurde sehr bösartig angegriffen
    von diesen Frauen.
    Donald Trump am 9. August 2015 im NBC-Fernsehen
    Oft handele es sich bei den Trump-Gedichten um einen einzigen, langen Satz, sagt Seely. "Kein Journalist, der noch ganz bei Trost ist, würde einen Nachrichtenwert in so etwas erkennen und Trump zitieren." Aber trotzdem lerne man viel darüber, wie Trump ticke und wie er sich selbst sehe.
    "Die meisten Politiker sprechen in Prosa"
    Für Seely ist die Idee mit den Gedichten ist nicht ganz neu. Das gleiche hat er schon vor Jahren mit einem Baseball-Kommentator gemacht, und vor zwölf Jahren, während des Irak-Krieges, mit dem damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Für sein drittes Buch habe er lange mit verschiedenen berühmten Personen geliebäugelt: "Aber die meisten von ihnen sprechen in Prosa, das gilt vor allem für Politiker." So wäre für Seely etwa ein Buch mit Poesie der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton völlig unmöglich: "Sie ist viel zu diszipliniert, um auf so eine Art und Weise vom Thema abzuweichen."
    Als Trump im vergangene Sommer seine Kandidatur verkündet habe, sei das erst einmal irgendwie lustig gewesen, sagt der Journalist. Er habe aber nie erwartet, dass der Milliardär im Wahlkampf lange genug durchhalten werde, damit ein Buch sich lohne. "Aber dann stiegen seine Umfragewerte immer weiter. Also habe ich drei Monate lang alle seine Reden mitgeschrieben - und in der Zeit kam ich kaum dazu, nach Luft zu schnappen."
    Jeden Tag ein neues "Gedicht"
    Inzwischen twittert der Journalist, der bis zu seinem Ruhestand viele Jahre als Reporter für die Zeitung "Syracuse Post-Standard" gearbeitet hat, fast jeden Tag ein neues Trump-Zitat. Viele der jüngeren sind durchaus politisch, so wie das Gedicht "Syria" - "Syrien", das während eines Radio-Interviews von Trump Anfang Dezember entstand:
    Ich würde sicher
    verschiedene Optionen abwägen.
    Aber ich würde Ihnen nicht sagen wollen
    Welche Optionen es gibt.
    In der gleichen Sendung entstand ein Trump-Gedicht über den 2011 getöteten Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Titel: "Osama".
    Zwei Jahre bevor
    Das World Trade Center einstürzte
    Sagte ich: "Ihr müsst ihn kriegen!"
    Und er war ein Typ,
    ein ganz fieser Typ,
    der über die ganz großen Sachen sprach.
    Und ich sagte: "Ihr müsst ihn kriegen!
    Passt bloß auf den auf!"
    Ich mochte ihn nicht.
    Die "Gedichte" aus den letzten Wochen seien weniger lustig als die früheren, meint Seely, sondern zunehmend dunkel und wütend. In Trumps Forderung nach einem kompletten Einreisestopp für Muslime kann er sogar überhaupt keine Poesie erkennen. Dabei handele es sich natürlich um eine schriftliche Erklärung mit einer sorgfältigen Wortwahl, die vermutlich gar nicht von Trump selbst stamme, sondern von einem Referenten. "Aber in der Äußerung steckt auch so viel Wut, dass ich sie gar nicht poetisch aussehen lassen wollen würde. Solche Sätze sind Nachrichten."
    Die Schwester als Orakel: Keine Chance auf Präsidentschaft
    Dass Trump am Ende tatsächlich Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, glaubt Seely übrigens nicht. "Nein, keine Chance", sagt er, und fügt dann, nicht ganz ernst hinzu, sein persönlicher Lackmustest für Politik sei seine ältere Schwester. "Die guckt den ganzen Tag Fox-News und lebt die Parteilinie der Republikaner." Diese Schwester habe er vor Kurzem gefragt, was sie von Trump halte, und sie habe nur den Kopf geschüttelt. "Mehr brauche ich nicht zu wissen", sagt Seely. "Wenn Trump meine Schwester nicht überzeugen kann, dann kann er das auch nicht mit New Hampshire."
    Hart Seelys Buch "Bard of the Deal. The Poetry of Donald Trump" erscheint in den USA am 15. Dezember. Das gesamte Interview mit dem Journalisten in englischer Sprache können Sie hier nachlesen.