Dienstag, 09. August 2022

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Türkische Kinogeschichten

Unter starken Sicherheitskontrollen ist das 31. Internationale Filmfestival in Istanbul verlaufen - der Krieg im Nachbarland Syrien und die unsichere Lage in Iran und anderen Staaten hinterließen seine Spuren. Auch in den Filmen spiegelte sich die Situation wieder.

Das Gespräch führte Burkhard Müller-Ullrich | 16.04.2012

    Burkhard Müller-Ullrich: Das Internationale Filmfestival von Istanbul ist gerade zu Ende gegangen; es fand zum 31. Mal statt - und es fand statt in einer Türkei, die einerseits mit dem zunehmenden Selbstbewusstsein eines politischen Schwergewichts auftritt und andererseits in einer zunehmend brenzligen Weltgegend liegt. Von Syrien über den Iran bis hoch nach Aserbeidschan droht beziehungsweise herrscht Krieg. Hat man davon, Rüdiger Suchsland, auf dem Filmfestival in Istanbul etwas gemerkt?

    Rüdiger Suchsland: Ja, man merkt es tatsächlich. Man merkt es schon mal ganz als Zuschauer, als normaler Zuschauer: es gibt ziemlich starke Sicherheitskontrollen. Es fand ja jetzt am letzten Wochenende des Festivals auch diese Atomkonferenz über den Iran statt, in hoher Besetzung, und der ganze große Platz von Istanbul, der Taksim-Platz, war abgesperrt. Man merkt es auf dem Filmfestival natürlich aber auch in den Diskussionen am Rand der Filme und in dem einen oder anderen Film selbst, weil es ein Sonderprogramm gab - das bietet sich auch an - zur Arabellion, das heißt zu dem ganzen Arabischen Frühling im letzten Jahr. Es wurden ein paar Filme gezeigt, die das unmittelbar widerspiegeln, die direkte Momentaufnahmen zum Beispiel vom Tahrir-Platz in Kairo zeigen, auf der anderen Seite auch ein paar Filme, die in den letzten zehn Jahren entstanden und gewissermaßen aus dem Rückblick das, was sich im letzten Jahr getan hat, was da explodiert ist, eigentlich schon sichtbar gemacht haben. Das heißt, man hat versucht, mit den Mitteln des Kinos das ganze filmisch jetzt aufzuarbeiten mit den Mitteln eines Filmfestivals.

    Ansonsten zeigt sich sicherlich das, was in der Türkei selber los ist, die eben acht Nachbarländer hat, und es sind wie gesagt mehrere Kriegsregionen. Dann hat sie ihre eigenen inneren Probleme: die Armenien-Frage kennen wir, der ungelöste Kurden-Konflikt, vor allem aber auch die inneren Verwerfungen der türkischen Gesellschaft zwischen Moderne und Tradition. Das alles spiegelt sich in diesen Filmen wieder.

    Müller-Ullrich: Und dennoch ist es ein internationales Festival, das heißt das Ausland spielt eine Rolle, und dieses Jahr ganz besonders China.

    Suchsland: Ja. Es gab eine Sonderreihe zum Wuxia-Film, zum Kampfkunst-Film. Da wurden Klassiker aus den letzten 20 Jahren gezeigt, ganz berühmte Filme von Tsui Hark oder von Zhang Yimou oder von Wong Kar-Wai. Das hat dann gewissermaßen auch so eine Bildungsfunktion, die das Festival sowieso hat. Historisch ist es ja entstanden, Sie haben es schon gesagt, vor 31 Jahren, das heißt auf dem Höhepunkt der letzten türkischen Militärdiktatur, 1980 wurde geputscht, und das war eine repressives kulturelles Klima. Viele Künstler waren im Gefängnis und da wurde dieses Festival sozusagen als innere Opposition, als kulturelle Opposition gegen die politischen Verhältnisse gegründet.

    Man hat den europäischen Autorenfilm, man hat Tarkowski, Kieslowski, Antonioni gezeigt, um klarzumachen, erstens es gibt eine andere Türkei, die sich für so was interessiert, und zweitens aber auch, um die eigene Bevölkerung zu bilden und sie nicht so den Militärs zu überlassen. Und aus dieser Bildungsfunktion des Festivals ist eine ganz neue Generation von Regisseuren, türkischen Regisseuren hervorgegangen, die dann in den letzten zehn Jahren ja sehr viele Preise gewonnen haben. Man weiß um den Goldenen Bär für "Honig" vor zwei Jahren auf der Berlinale. Man kennt aber vor allem auch Nuri Bilge Ceylan, der wichtigste Autorenfilmer der Türken, der diesmal der internationalen Jury vorstand. Der hat schon vier Preise in Cannes gewonnen.

    Müller-Ullrich: Was können denn die Türken mit diesen Kampfkunst-Filmen anfangen? Haben die ein Fable für Kung Fu?

    Suchsland: Nein, ich glaube nicht. Sie haben das schon gemocht, sie schauen sich das an, aber es spiegelt sich im türkischen Kino eigentlich nicht wieder, wobei das türkische Kino schon sehr offen ist und vieles aufnimmt von den Anregungen aus West und Ost. Es gab in der Türkei auch mal einige Jahre ein sogenanntes Eurasia-Festival, das fand damals in Antalya statt, wo man quasi diese Brückenfunktion, die der Türkei ja oft von außen zugeschrieben wird, zwischen Asien und Europa - und Istanbul ist ja diese Brückenstadt, die einzige Stadt, die auf zwei Kontinenten existiert -, wo diese Brückenfunktion gewissermaßen dann filmisch und als Filmfestival umgesetzt worden ist.

    Den türkischen Filmen, denke ich, merkt man, wenn man so Genre-Einflüsse anmerkt, am ehesten interessanterweise Einflüsse des Western an, so den jüngeren Filmen. Ich habe zwei jetzt gesehen und einer davon hat auch den türkischen nationalen Wettbewerb gewonnen. Der hieß "Beyond the Hills", und das ist eigentlich so ein Western, der in der Türkei von heute spielt, auf dem Land natürlich, so drei Generationen, starke archaische Väter und die Söhne, die nicht mehr so wollen wie sie sollen.

    Müller-Ullrich: Dieser Film lief also im türkischen Wettbewerb. Vielleicht noch ein letztes Wort zum internationalen Wettbewerb?

    Suchsland: Ja. Im internationalen Wettbewerb, da hat gewonnen eine Dame, sie heißt Julia Loktev. Die lebt in New York, ist aber russischer Herkunft, und sie hat einen Film gemacht, der ein bisschen so in die Geschichte ihrer Familie zurückreist, "The Loneliest Planet" heißt er, das ist auch ein Reisefilm, eine Art Roadmovie, wo mehrere Figuren, zwischen denen sich dann auch eine Liebesgeschichte ereignet, durch Georgien fahren - ein sehr poetischer Film, ein Film, der manchmal die Grenzen zur Abstraktion streift, und so ein Typ Film, den man eher im Museum vermutet als auf der Kinoleinwand, und ganz gewiss eine Entscheidung der Jury für Kino als Kunst, als ein Medium, was uns nachdenken lässt über uns selber, über den Sinn des Lebens und natürlich auch über die Frage, wie eine Gesellschaft zusammengesetzt ist.

    Müller-Ullrich: Wunderbar - und gleich noch so ein grundsätzliches Schlusswort; vielen Dank. Das war der Filmphilosoph Rüdiger Suchsland mit Eindrücken vom 31. Internationalen Filmfestival in Istanbul.