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Turner-Preis auf russisch

Eine international besetzte Jury, Ausstellungen in drei Ländern, die Unterstützung einer großen Deutschen Bank und ein hohes Preisgeld von umgerechnet 40.000 Euro: Die Stifter des Kandinsky-Preises für zeitgenössische russische Kunst kleckern nicht. Am Dienstagabend wurde der Preis erstmals verliehen - zeitgleich mit dem etablierten Londoner Turner Prize. Glücklicher Gewinner ist der 38-jährige Anatolij Osmolowskij.

Von Uli Hufen | 05.12.2007

" Der Kandinsky-Preis wurde gestiftet, um zwei Versionen der Geschichte der russischen Kunst zusammenzuführen: die Version, die im Westen existiert und die von hier, "

sagt, Andrej Jerofejew, Mitglied der Kandinsky-Preis-Jury und im Hauptberuf Chefkurator für Gegenwartskunst an der Staatlichen Tretjakow Galerie. Es ist ein eisiger Nachmittag in Moskau, der erste Schnee ist gefallen und das Gelände der ehemaligen Weinfabrik im Herzen der Stadt ist in zartes Weiß getaucht.
" Die Kommunisten bestanden immer darauf, dass Russland einen eigenen Weg geht, seine eigene Kunst hat, eigene Werte und eigene Hierarchien. Nun sollen diese Hierarchien zusammengeführt werden und dafür wurde mit Kandinsky eine Figur ausgewählt, die nicht nur lokale, sondern internationale Bedeutung hat. Kandinsky war ja gleichzeitig ein russischer, ein deutscher und ein französischer Künstler. "

Sowohl die Preisverleihung als auch die Präsentation der Werke aller Kandidaten fanden im neuen Zentrum für Gegenwartskunst Winzavod statt. Zu sozialistischen Zeiten produzierte die im 19. Jahrhundert in rotem Backstein errichtete Weinfabrik den berüchtigten sowjetischen Portwein. Im Jahr 2000 kam der Bankrott, es drohte der Abriss: Die Verwandlung stillgelegter Fabriken in Kulturzentren mag im Westen ein gut eingeführtes Prinzip sein, in Moskau aber fasst diese Idee gerade erst Fuß. Darum kam es einer Sensation gleich, als bekannt wurde, dass der neue Besitzer beabsichtigte, im Winzavod ein Zentrum für Gegenwartskunst zu etablieren.

" Im Bewusstsein der Gesellschaft setzt sich der Begriff "Gegenwartskunst" erst heute durch: das ist modisch, es hat Prestige, die Leute gehen auf Ausstellungen. Noch vor ein paar Jahren kannte man Musiker und Schriftsteller - aber keinen einzigen Künstler. Heute muss man wissen, wer Kulik ist oder AES oder Anatolij Osmolowskij. Das ist ein zwingender Bestandteil kultureller Bildung. Man geht auf Ausstellungen, und es wird auch gekauft: Die Kunst hat die Unterstützung der eigenen Gesellschaft gewonnen. "

Osmolowskij:
" Der Kandinsky Preis - das ist eine gute Sache, natürlich. "

Anatolij Osmolowskij wurde gestern Abend als erster russischer Gegenwartskünstler mit dem Kandinsky-Preis ausgezeichnet. Osmolowskij ist heute 38 Jahre alt und gehört seit Ende der 80er Jahre zu den führenden Köpfen der Moskauer Kunstszene. In den 90er Jahren wurde er durch spektakuläre linksradikale Aktionskunst berühmt: So initiierte er etwa die Kampagne "Gegen alle Parteien" und organisierte eine Straßenblockade zu Ehren der Pariser Mairevolution von 1968. Osmolowskij:

" Alles, worüber wir jetzt reden: Winzavod, Kandinsky-Preis - das sind alles formalisierte Dinge, das Establishment, ernsthafte Leute, die Geld investieren. Die sind alle gebildet und sehr reich und zivilisiert und in den 90ern gab es das nicht. Aber dafür gab es ein spannendes subkulturelles Leben, obwohl es kein Geld gab, keinen Ruhm, nichts. Ich habe kürzlich einen Film von Michael Winterbottom gesehen: 24 Hour Party People, über die Manchester-Musikszene der 80er Jahre. Da wird ein bestimmter Geist gezeigt, wie es ihn hier in den 90ern auch gab. Heute ist das weg. "

Für den Kandinsky-Preis bewarb Anatolij Osmolowskij sich mit zwei aktuellen Werken, die im Sommer auch auf der documenta zu sehen waren. Beide zeigen, das Osmolowskij älter und ruhiger geworden ist, aber keineswegs langweiliger. Unter dem Titel "Isdelija" präsentiert er elf glänzende Messing-Objekte, die sich bei näherem Hinsehen als Nachbildungen von Geschütztürmen erweisen.

" "Isdelia" ist ein Begriff, der in der Militärtechnik für Produkte angewandt wird, die noch nicht in Serie produziert werden. Die westlichen Panzertürme sind alle rechteckig, der russische ist rund. Warum ist das so? Oder schauen sie sich die den französischen Turm an: der hat eine weichere Form, als die deutschen, weniger gerade Linien, raffinierter. Und hier der israelische: er unterscheidet sich sehr stark von allen anderen: er erinnert sogar auf eine Art an einen hebräischen Buchstaben. Sehen sie? Ich glaube, diese Formen drücken bestimmte nationale Archetypen aus. "

Der Kandinsky-Preis ist als direktes Analog zum englischen Turner-Preis und zum spanischen Miro-Preis konzipiert und nicht zufällig mit einer vergleichbaren Summe dotiert. Doch ein schöner Preis allein macht noch keinen Frühling: Die Begleit-Ausstellung im Moskauer Kulturzentrum Winzawod bot zwar viele Höhepunkte, war als ganzes aber unprofessionell gestaltet. Bis Russland wieder eine Rolle in der Weltkunst einnimmt wie vor 80 oder 100 Jahren, könnte es noch ein langer Weg sein. Was aber sagt Vater Staat zu all dem? Vor einigen Wochen witterten in- und ausländische Medien die Rückkehr sowjetischer Zensurverhältnisse, als Kulturminister Sokolow behauptete, die Ausstellung Soz-Art, die in Paris gezeigt werden sollte, sei eine Schande für Russland. Dem Herrn Minister missfielen insbesondere zwei küssende Milizionäre in einem Birkenhain. Andrej Jerofejew, Kurator der zensierten Ausstellung:

" Die Macht war immer sehr konservativ und das ist auch heute so. Und trotzdem kann man nicht sagen, dass sie in Opposition zur Kunst steht, nein. Sicher, die bekannten Gegenwartskünstler dekorieren keine Metrostationen oder entwerfen Städte, wie früher. Aber sie nehmen an Kunstfestivals teil, die vom Staat finanziert werden. Der Staat tut beides: er finanziert konservative Kräfte, die gegen die moderne Kunst kämpfen und gleichzeitig jene, die die moderne Kunst fördern. "

Unterdessen wehrt sich die Kunstwelt gegen den Druck von oben mit ihren Mitteln. Den Namen des ersten Kandinskypreisträgers verkündeten gestern jene beiden professionellen Kunst-Provokateure, die vor einigen Wochen dank der dusseligen Zensurversuche des Ministers zu Weltruhm kamen und inzwischen gutes Geld mit ihren küssenden Milizionären verdient haben: Alexander Schaburow und Wjatscheslaw Misin; besser bekannt unter dem Namen Die Blaue Nasen.

Informationen zu den Künstlern finden sich auf:
www.kandinsky-prize.org

Informationen zum Winzavod, auf Englisch unter www.winzavod.com