• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 1. Satz (Ausschnitt) aus: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo E-Dur, BWV 1042
Wo das Hauptthema des Bach-Konzertes hier von Dur ins zumindest nachdenklichere Moll wechselt, sei bei allem Optimismus doch ein kurzer Blick zurück gestattet, denn das vergangene Jahr war – wie für so viele andere Branchen – auch für die Schallplattenindustrie von Krisen gekennzeichnet. Auch bei der Kultur saß den Leuten das Geld nicht mehr so locker, verlockend außerdem die inzwischen von vielen genutzte Möglichkeit, CDs selber zu machen, und zwar in einer Klangqualität, die vom Original nicht zu unterscheiden ist. Auch das Internet bietet vielfältige Varianten zum mehr oder weniger legalen Kopieren von Musik – warum also in den Laden gehen und eine CD kaufen? So richtig gut ginge es den Plattenfirmen natürlich erst dann wieder, wenn ein neues technisches System sich durchsetzen würde, das eine Erneuerung der heimischen Musikbestände in neuem Format erforderlich machen würde. Erst dann könnte die vor allem bei den Standard-Werken der Klassik zu verspürende Marktsättigung überwunden und die ganzen Highlights der Musikgeschichte wieder neu produziert werden. Vielleicht bringt ja die Super-Audio-CD im Zusammenhang mit den eigentlich für den Fernseh-Surround-Klang gekauften Anlagen hier einmal das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels, aber noch ist längst nicht gewiss, ob sich selbst bei der Durchsetzung dieser Technik wirklich wieder möglichst jeder Klassik-Fan an diese Erneuerung seiner Bestände macht, so wie er das bei Einführung der Stereophonie oder beim Umstieg von analoger Schallplatte auf CD bereitwillig gemacht hat.
Die Firmen reagierten auf diese Krise mit Umbau ihrer Konzerne, radikalen Kürzungen und grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen, die aufgrund ihrer Größe und marktbeherrschenden Stellung nicht selten zu einem Fall für die Kartell-Aufsichtsbehörden wurden. Auch bei der Klassik erlebte man einen Abbau von gut eingeführten, traditionsreichen Produktlinien und einen früher nicht vorstellbaren ruppigen Umgang mit den einst gehätschelten Exklusiv-Künstlern. Statt teuer Neues zu produzieren, entdeckte man die eigenen oder die mit übernommenen Archive und füllte den alten Wein in neue Schläuche. So kam z.B. der Dirigent Herbert von Karajan zu seinem ja nicht allzu runden 95. Geburtstag wieder zu neuen Ehren. Beim Repertoire setzte man nicht auf entdeckenswertes Neues von gestern oder heute, sondern auf Populäres, auf kurzweilige Zusammenstellungen, Hauptsache, man konnte ein Ereignis, neudeutsch: ein Event daraus machen. Auch klassische Musik wird zunehmend wie Unterhaltungsmusik vermarktet, nicht alte Stiche zieren die Cover, sondern schöne junge Musikerinnen mit freizügigem Dekolleté in gewagten Posen. Ziel ist nicht mehr allein der klassische Klassik-Fan jenseits der 50, sondern zunehmend der Leser bunter Illustrierten-Blätter, der sich für Karajans schnelle Autos, Privatflugzeuge, Segelyachten und (nacheinander) drei Ehefrauen mindestens ebenso interessiert wie für die von ihm dirigierte Musik.
Zum Glück brachte das Jahr aber auch einige bemerkenswerte Produktionen bereits bekannter, vor allem aber auch eine ganze Reihe neuer Einspielungen junger Künstler: Die russische Sängerin Anna Netrebko, die chinesischen Pianisten Yundi Li und Lang Lang, aber auch die inzwischen 24jährige amerikanische Geigerin Hilary Hahn müssen hier genannt werden. Mit 16 hatte sie einen Vertrag bei Sony Classics unterschrieben, wo in der Folge nach und nach auf 5 CDs Bachs Solosonaten, die Serenade von Bernstein sowie Violinkonzerte von Beethoven, Barber, Edgard Meyer, Strawinsky, Brahms, Mendelssohn und Schostakowitsch erschienen. Dann, 2002, wechselte Hilary Hahn zur Deutschen Grammophon Gesellschaft, und das erste gemeinsame Projekt, im Herbst 2003 veröffentlicht, waren diese Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 1. Satz aus: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-moll, BWV 1041
Nachdem die vorklassische Musik lange Zeit weitgehend die Domäne von Spezial-Ensembles mit historischen Instrumenten und entsprechender Spielpraxis war, was soweit ging, dass am Opernhaus bei entsprechendem Repertoire die hauseigenen Musiker solchen Spezialisten Platz machen mussten, kann man inzwischen beobachten, dass auch die auf modernen Instrumenten spielenden Ensembles sich die Alte Musik wieder zurückerobern und dass die Erkenntnisse der Spezialisten dabei durchaus Eingang in die Spielweise finden. Längst werden Musiker wie Harnoncourt oder Norrington auch von "normalen" Sinfonieorchestern zu Gastdirigaten eingeladen und Rundfunk-Orchester treten inzwischen in kleinerer Besetzung mit Cembalo und einigen historischen Zutaten auf, um wieder einmal z.B. Haydn-Sinfonien zu spielen. Auch an Hilary Hahn ist die "historische Aufführungspraxis" nicht spurlos vorüber gegangen: man freut sich über ihre lebhaften Tempi in den Ecksätzen, ihr Gefühl für Bewegung, über die Betonung des Tänzerischen. Im Vergleich zur etwas unterkühlten Sichtweise einer Vikoria Mullova von 1996 oder der auf Dauer bei aller Extravaganz doch eher eintönigen Interpretation eines Nigel Kennedy (veröffentlicht 2001) gelingen Hilary Hahn Deutungen von großer Klangschönheit, Abwechslungsreichtum und Gefühlstiefe. Sie weiß, worauf es bei der Interpretation bekannter Werke ankommt: vor allem im Detail neue Ideen einbringen, um das Interesse des Zuhörers beim Erklingen des ihm ja gut vertrauten Stückes wach zu halten. Dabei kommt ihr zugute, dass sie diese Konzerte vor dem Gang ins Plattenstudio bereits mit einer Vielzahl von Orchestern und Dirigenten aufgeführt hat und so im direkten Kontakt mit anderen Musikern deren Spielweise und Auffassungen mitbekam und für sich entscheiden konnte, welche Variante sie für sich am überzeugendsten findet. Über diese relativ große Bandbreite möglicher Interpretationen ist sich Hilary Hahn im Klaren; fast spielerisch probiert sie aus, was vor großem Publikum, im kleineren Raum eines Kammerkonzertes oder im noch intimeren Rahmen eines Tonstudios die beste Fassung sein könnte. Die technischen Schwierigkeiten eines Musikstückes scheinen dabei für sie keine Rolle zu spielen; dass Virtuosität harte Arbeit ist, vergisst man schon nach den ersten Takten. Und auch die langsamen Sätze meistert sie mit erstaunlicher Reife, mit genau jener Menge an Gefühl, das nötig ist, ohne in Gefühlsduselei und Kitsch abzukippen.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 2. Satz (Ausschnitt) aus: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-moll, BWV 1041
Das war Hilary Hahn mit dem 2. Satz aus dem Violinkonzert a-moll von Johann Sebastian Bach. Begleitet wird diese junge vielversprechende Künstlerin vom Los Angeles Chamber Orchestra unter der Leitung von Jeffrey Kahane; von den ersten Pulten dieses Orchesters kommen auch die Solisten, die beim Doppelkonzert für 2 Violinen und beim Konzert für Oboe und Violine die Soloparts übernehmen.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 3. Satz aus: Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo c-moll, BWV 1060
Die Neue Platte – heute mit den Violinkonzerten von Johann Sebastian Bach in einer äußerst gelungenen Einspielung der jungen amerikanischen Geigerin Hilary Hahn, erschienen bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft.
Johann Sebastian Bach - Violinkonzerte
Solistin: Hilary Hahn, Violine
Orchester: Los Angeles Chamber Orchestra
Leitung: Jeffrey Kahane
Label: Deutsche Grammophon
Labelcode: LC 00173
Bestellnr.: 474 199-2
Wo das Hauptthema des Bach-Konzertes hier von Dur ins zumindest nachdenklichere Moll wechselt, sei bei allem Optimismus doch ein kurzer Blick zurück gestattet, denn das vergangene Jahr war – wie für so viele andere Branchen – auch für die Schallplattenindustrie von Krisen gekennzeichnet. Auch bei der Kultur saß den Leuten das Geld nicht mehr so locker, verlockend außerdem die inzwischen von vielen genutzte Möglichkeit, CDs selber zu machen, und zwar in einer Klangqualität, die vom Original nicht zu unterscheiden ist. Auch das Internet bietet vielfältige Varianten zum mehr oder weniger legalen Kopieren von Musik – warum also in den Laden gehen und eine CD kaufen? So richtig gut ginge es den Plattenfirmen natürlich erst dann wieder, wenn ein neues technisches System sich durchsetzen würde, das eine Erneuerung der heimischen Musikbestände in neuem Format erforderlich machen würde. Erst dann könnte die vor allem bei den Standard-Werken der Klassik zu verspürende Marktsättigung überwunden und die ganzen Highlights der Musikgeschichte wieder neu produziert werden. Vielleicht bringt ja die Super-Audio-CD im Zusammenhang mit den eigentlich für den Fernseh-Surround-Klang gekauften Anlagen hier einmal das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels, aber noch ist längst nicht gewiss, ob sich selbst bei der Durchsetzung dieser Technik wirklich wieder möglichst jeder Klassik-Fan an diese Erneuerung seiner Bestände macht, so wie er das bei Einführung der Stereophonie oder beim Umstieg von analoger Schallplatte auf CD bereitwillig gemacht hat.
Die Firmen reagierten auf diese Krise mit Umbau ihrer Konzerne, radikalen Kürzungen und grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen, die aufgrund ihrer Größe und marktbeherrschenden Stellung nicht selten zu einem Fall für die Kartell-Aufsichtsbehörden wurden. Auch bei der Klassik erlebte man einen Abbau von gut eingeführten, traditionsreichen Produktlinien und einen früher nicht vorstellbaren ruppigen Umgang mit den einst gehätschelten Exklusiv-Künstlern. Statt teuer Neues zu produzieren, entdeckte man die eigenen oder die mit übernommenen Archive und füllte den alten Wein in neue Schläuche. So kam z.B. der Dirigent Herbert von Karajan zu seinem ja nicht allzu runden 95. Geburtstag wieder zu neuen Ehren. Beim Repertoire setzte man nicht auf entdeckenswertes Neues von gestern oder heute, sondern auf Populäres, auf kurzweilige Zusammenstellungen, Hauptsache, man konnte ein Ereignis, neudeutsch: ein Event daraus machen. Auch klassische Musik wird zunehmend wie Unterhaltungsmusik vermarktet, nicht alte Stiche zieren die Cover, sondern schöne junge Musikerinnen mit freizügigem Dekolleté in gewagten Posen. Ziel ist nicht mehr allein der klassische Klassik-Fan jenseits der 50, sondern zunehmend der Leser bunter Illustrierten-Blätter, der sich für Karajans schnelle Autos, Privatflugzeuge, Segelyachten und (nacheinander) drei Ehefrauen mindestens ebenso interessiert wie für die von ihm dirigierte Musik.
Zum Glück brachte das Jahr aber auch einige bemerkenswerte Produktionen bereits bekannter, vor allem aber auch eine ganze Reihe neuer Einspielungen junger Künstler: Die russische Sängerin Anna Netrebko, die chinesischen Pianisten Yundi Li und Lang Lang, aber auch die inzwischen 24jährige amerikanische Geigerin Hilary Hahn müssen hier genannt werden. Mit 16 hatte sie einen Vertrag bei Sony Classics unterschrieben, wo in der Folge nach und nach auf 5 CDs Bachs Solosonaten, die Serenade von Bernstein sowie Violinkonzerte von Beethoven, Barber, Edgard Meyer, Strawinsky, Brahms, Mendelssohn und Schostakowitsch erschienen. Dann, 2002, wechselte Hilary Hahn zur Deutschen Grammophon Gesellschaft, und das erste gemeinsame Projekt, im Herbst 2003 veröffentlicht, waren diese Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 1. Satz aus: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-moll, BWV 1041
Nachdem die vorklassische Musik lange Zeit weitgehend die Domäne von Spezial-Ensembles mit historischen Instrumenten und entsprechender Spielpraxis war, was soweit ging, dass am Opernhaus bei entsprechendem Repertoire die hauseigenen Musiker solchen Spezialisten Platz machen mussten, kann man inzwischen beobachten, dass auch die auf modernen Instrumenten spielenden Ensembles sich die Alte Musik wieder zurückerobern und dass die Erkenntnisse der Spezialisten dabei durchaus Eingang in die Spielweise finden. Längst werden Musiker wie Harnoncourt oder Norrington auch von "normalen" Sinfonieorchestern zu Gastdirigaten eingeladen und Rundfunk-Orchester treten inzwischen in kleinerer Besetzung mit Cembalo und einigen historischen Zutaten auf, um wieder einmal z.B. Haydn-Sinfonien zu spielen. Auch an Hilary Hahn ist die "historische Aufführungspraxis" nicht spurlos vorüber gegangen: man freut sich über ihre lebhaften Tempi in den Ecksätzen, ihr Gefühl für Bewegung, über die Betonung des Tänzerischen. Im Vergleich zur etwas unterkühlten Sichtweise einer Vikoria Mullova von 1996 oder der auf Dauer bei aller Extravaganz doch eher eintönigen Interpretation eines Nigel Kennedy (veröffentlicht 2001) gelingen Hilary Hahn Deutungen von großer Klangschönheit, Abwechslungsreichtum und Gefühlstiefe. Sie weiß, worauf es bei der Interpretation bekannter Werke ankommt: vor allem im Detail neue Ideen einbringen, um das Interesse des Zuhörers beim Erklingen des ihm ja gut vertrauten Stückes wach zu halten. Dabei kommt ihr zugute, dass sie diese Konzerte vor dem Gang ins Plattenstudio bereits mit einer Vielzahl von Orchestern und Dirigenten aufgeführt hat und so im direkten Kontakt mit anderen Musikern deren Spielweise und Auffassungen mitbekam und für sich entscheiden konnte, welche Variante sie für sich am überzeugendsten findet. Über diese relativ große Bandbreite möglicher Interpretationen ist sich Hilary Hahn im Klaren; fast spielerisch probiert sie aus, was vor großem Publikum, im kleineren Raum eines Kammerkonzertes oder im noch intimeren Rahmen eines Tonstudios die beste Fassung sein könnte. Die technischen Schwierigkeiten eines Musikstückes scheinen dabei für sie keine Rolle zu spielen; dass Virtuosität harte Arbeit ist, vergisst man schon nach den ersten Takten. Und auch die langsamen Sätze meistert sie mit erstaunlicher Reife, mit genau jener Menge an Gefühl, das nötig ist, ohne in Gefühlsduselei und Kitsch abzukippen.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 2. Satz (Ausschnitt) aus: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-moll, BWV 1041
Das war Hilary Hahn mit dem 2. Satz aus dem Violinkonzert a-moll von Johann Sebastian Bach. Begleitet wird diese junge vielversprechende Künstlerin vom Los Angeles Chamber Orchestra unter der Leitung von Jeffrey Kahane; von den ersten Pulten dieses Orchesters kommen auch die Solisten, die beim Doppelkonzert für 2 Violinen und beim Konzert für Oboe und Violine die Soloparts übernehmen.
• Musikbeispiel: Johann Sebastian Bach - 3. Satz aus: Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo c-moll, BWV 1060
Die Neue Platte – heute mit den Violinkonzerten von Johann Sebastian Bach in einer äußerst gelungenen Einspielung der jungen amerikanischen Geigerin Hilary Hahn, erschienen bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft.
Johann Sebastian Bach - Violinkonzerte
Solistin: Hilary Hahn, Violine
Orchester: Los Angeles Chamber Orchestra
Leitung: Jeffrey Kahane
Label: Deutsche Grammophon
Labelcode: LC 00173
Bestellnr.: 474 199-2