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UkraineMordserie und Machtkampf

Zwei Morde innerhalb von 24 Stunden erschüttern die Ukraine, ein dritter liegt erst wenige Tage zurück. Erst wurde ein Journalist getötet, dann ein ehemaliger Abgeordneter und schließlich ein umstrittener Blogger. Wer im Verdacht steht, die Regierung nicht zu stützen, wird als Gegner angeprangert. Die Morde jetzt sind eine neue Qualität.

Von Sabine Adler | 16.04.2015

Der ukrainische Publizist Oles Busina (undatiertes Foto) wurde in Kiew erschossen.
Der ukrainische Publizist Oles Busina (undatiertes Foto) wurde in Kiew erschossen. (dpa / picture alliance / Serg Glovny)
Zwei Morde innerhalb von 24 Stunden erschüttern die Ukraine, ein dritter liegt erst wenige Tage zurück. Am Montag wurde ein Journalist getötet, gestern ein ehemaliger Abgeordneter der einstigen Präsidentenpartei von Viktor Janukowitsch, heute erschoss ein Unbekannter einen umstrittenen Internetblogger.
Die Meldung verbreitete sich in Moskau fast noch schneller als in Kiew, der russische Präsident Putin kommentierte sie im russischen Fernsehen, noch ehe etliche ukrainische Nachrichtenprotale sie überhaupt veröffentlicht hatten.
"Das ist nicht der erste politische Mord in der Ukraine, es handelt sich um eine ganze Serie. Der Mord an Boris Nemzow ist eine Schande für unser Land, er muss schnell aufgeklärt werden. Wir wissen, dass die Täter festgenommen worden sind. In der Ukraine, die ein demokratisches Land sein möchte, das in das demokratische Europa strebt, findet dergleichen nicht statt, wo sind die Mörder, die Täter, die Hintermänner? Man zieht vor, das nicht zur Kenntnis zu nehmen. Nicht in Europa und nicht in Nordamerika."
Anderthalb Stunden später rief der ukrainische Präsident Petro Poroschenko auf, die beiden Morden schnell und transparent aufzuklären. Auf seiner Web-Seite bezeichnete er die Verbrechen als Versuche, den Feinden der Ukraine in die Hände zu spielen.
Dass in so kurzer Zeit gleich zwei Journalisten und ein Ex-Abgeordneter ihr Leben verloren, löst in Kiew Besorgnis aus und ist ein Hinweis auf die heftigen Machtkämpfe derzeit in der Ukraine. Illoyalität gilt als großes Problem. Wer im Verdacht steht, die Regierung nicht zu stützen, wurde auch in den zurückliegenden Monaten als Gegner angeprangert. Die Morde jedoch sind eine neue Qualität.
Busina soll "Zwietracht gesät" haben
Der Journalist Oles Busina wurde heute Mittag mitten im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt durch vier Schüsse unmittelbar vor seinem Haus neben einem Spielplatz getötet. Busina war umstritten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, mit seinem Buch "Vampir Taras Schewtschenko" Zwietracht zwischen den Völkern zu säen und ermittelte gegen ihn. Andere kritisierten ihn und bezeichneten ihn gar als Verräter, weil er mehrfach an russischen Talkshows teilgenommen hat.
Gestern wurde der ehemalige Abgeordnete Oles Kalaschnikow erschossen. Ebenfalls in der Nähe seines Hauses in Kiew. Er ist der inzwischen dritte Politiker der ehemaligen Partei der Regionen von Ex-Präsident Janukowitsch, der unter ungeklärten Umständen starb.
Der ukrainische Politologe Vitali Bala schließt nicht aus, dass der Tod des Janukowitsch-Mannes mit einem Wiederbelebungsversuch der Partei zu tun hat.
"Die Partei der Regionen existiert praktisch nicht mehr. Aber vielleicht soll sie neu entstehen, aber ein anderes Image bekommen, bei dem bestimmte Kräfte stören würden."
Der Politologe verwies auf einen weiteren Erklärungsversuch. In der Ukraine seien viele Agenten im Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB unterwegs. Er hielt es für möglich, dass die Morde Bestandteil einer Informationskampagne seien.
Den Spuren des FSB sollte man deshalb ebenfalls nachgehen, empfahl der Politikwissenschaftler Vitali Bala.
Erst vor drei Tagen war der Journalist Sergej Suchobok getötet worden, Er wird morgen beerdigt. Die Gründe auch dieses Mordes in dieser Woche sind unklar.