Russische Angriffe
Die Ukraine braucht dringend Alternativen zu Patriot-Raketen

In der Ukraine fordern Russlands Angriffe mit ballistischen Raketen immer mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung. Bei der Abwehr könnten US-amerikanische Patriot-Raketen helfen, aber die hat die Ukraine kaum noch, und auch weltweit werden sie knapp.

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj steht bei seinem Besuch auf einem Truppenübungsplatz vor einem Flugabwehrraketensystem vom Typ «Patriot».
    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj steht bei seinem Besuch auf einem Truppenübungsplatz vor einem Flugabwehrraketensystem vom Typ «Patriot». Raketen für diese Abschussgeräte sind derzeit Mangelware. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
    Die Luftabwehr der Ukraine hatte es zuletzt immer schwerer, die russischen Angriffe abzuwehren. Gegen langsam fliegende Drohnen gelingt dies zwar, gegen Marschflugkörper und vor allem ballistische Raketen zuletzt aber nur schlecht oder gar nicht. Da geht der Ukraine schlicht die Munition aus. Und Nachschub ist kaum in Sicht.

    Engpass bei Patriot-Flugabwehrraketen

    Ein effektives Mittel gegen russische Raketen sind die US-amerikanischen Flugabwehrraketen vom Typ Patriot PAC 2 und PAC 3. Jede Rakete kostet aber einige Millionen Dollar und die Hersteller kommen mit der Produktion nicht hinterher.
    Grund ist nicht der Krieg in der Ukraine, sondern vor allem der israelisch-amerikanische Angriff auf den Iran. Zur Abwehr iranischer Raketen und auch Drohnen sollen in der Region mehr Patriot-Raketen verschossen worden sein als in den ganzen viereinhalb Jahren Ukrainekrieg.

    Warum Spanien und Griechenland keine Patriot-Systeme liefern

    Nun befindet sich nicht jedes Land gerade im Krieg und viele der Verbündeten der USA setzten bei ihrer Luftabwehr bislang fast ausschließlich auf das Patriot-System. Aus diesen Beständen hat die Ukraine auch in den vergangenen Jahren immer wieder Raketen erhalten, aber zuletzt taten sich die Unterstützer der Ukraine schwer, ihren Zusagen und dem Drängen der Regierung in Kiew nachzukommen, weitere Patriots zu liefern.
    Auch Bundesaußenminister Wadephul konnte nach eigenem Bekunden in Gesprächen mit Partnerländern über weitere Patriot-Luftabwehrraketen für die Ukraine Ende August keine konkreten Zusicherungen erhalten.
    Griechenland und Spanien könnten aus eigenen Beständen der Ukraine noch Patriot liefern. Griechenland lehnte dies zuletzt unter Verweis auf die Lage im Nahen Osten ab, wo die Patriot-Raketen nicht nur Griechenland, sondern auch Militärstützpunkte schützen müssen, die von den USA genutzt werden.
    Spanien erklärte, man helfe, soweit das möglich sei. Man habe Patriots an die Ukraine geliefert und beteilige sich am gemeinsamen Einkauf der Europäer von Patriots in den Vereinigten Staaten. Bedrohungen für den spanischen Luftraum seien aber etwa aus der Sahelzone möglich, wo Russland seinen Einfluss in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut hat.
    Spanien verweist auch darauf, dass Patriot-Raketen zwar nachbestellt seien, die Hersteller die Liefertermine aber immer weiter und zuletzt bis 2031 verschöben.

    Wenig oder geringe Produktionslizenzen für Patriot-Raketen

    Mit Lizenzen an andere Länder, damit diese Patriot-Raketen selbst herstellen, sind die Hersteller sehr zurückhaltend. Bislang haben nur Japan und Deutschland solche Lizenzen erhalten. Dabei dürfen in Japan aber auch nur etwa 30 Einheiten pro Jahr hergestellt werden und in Deutschland soll die Produktion erst in diesem Jahr beginnen.
    Eine direkte Hilfe für die Ukraine ist das nicht. Zwar sagten die USA auch der Ukraine zu, dass sie eine Lizenz für Patriot-Raketen bekommen könnte, nach dem Veto der Herstellerfirmen Lockheed Martin und RTX liegt das aber zur Zeit auf Eis.

    Europäische Alternativen zur Patriot-Rakete: SAMP/T und IRIS-T

    Europäische Alternativen zu den amerikanischen Patriot-Raketen rücken deshalb verstärkt in den Fokus der Bemühungen, nicht nur um die ukrainische Luftverteidigung zu stärken.
    Ein Flugabwehrsystem wäre dabei das vom europäischen Konsortium Eurosam hergestellte SAMP/T. Es wurde auch schon an die Ukraine geliefert, war aber in der konkreten Gefechtssituation noch nicht so effektiv wie die Patriot-Raketen.
    Das deutsche IRIS-T-System bekämpft nach ukrainischen Angaben gut Drohnen und Marschflugkörper, für die Abwehr ballistischer Raketen ist es aber auch wegen seiner geringen Reichweite nicht geeignet. Eine Version mit größerer Reichweite wird erst 2029 erwartet.

    Auswege der Ukraine: Eigenentwicklung Freyja und passiver Schutz

    Aber die Ukraine sucht auch selbst nach Alternativen. So will das ukrainische Rüstungsunternehmen Fire Point gemeinsam mit europäischen Partnern das selbst entwickelte Flugabwehrsystem Freyja produzieren. Es soll schon im nächsten Jahr einsatzbereit sein.
    Zur Abwehr der russischen ballistischen Raketen greift die Ukraine inzwischen mit Langstreckendrohnen auch die Abschussrampen für die Raketen tief in Russland an.
    Bei all den Bemühungen bleibt aber das grundsätzliche Problem, dass die Abwehr der schnell fliegenden ballistischen Raketen immer schwer bleiben wird. Um sie halbwegs sicher abzuschießen, brauche man zwei Abwehrraketen für jede Angriffsrakete, sagt der norwegische Militärexperte Fabian Hoffmann. Und Russland produziere derzeit wahrscheinlich um die 700 bis 800 ballistische Raketen pro Jahr, Tendenz steigend.
    Die Ukraine bräuchte damit 1.400 bis 1.600 Abfangraketen pro Jahr. „Wenn es um ballistische Raketenabwehr geht, ist der Verteidiger einfach strukturell im Nachteil."
    Für den Schutz in der Ukraine werde der passive Schutz deshalb immer wichtiger, so Hoffmann: Wichtige Industrie- und Energieanlagen müssten unter die Erde verlegt werden.