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UNESCO zu IS-Zerstörungen
Ohnmächtiger Zorn

Innerhalb einer Woche hat der "Islamische Staat" zwei Jahrtausende alte Tempel zerstört. Der Baal-Tempel, der am Wochenende massiv beschädigt wurde, war über 2.000 Jahre alt. Die UNESCO wird die Zerstörung wieder verurteilen - damit beugt sie sich allerdings dem Kalkül des IS, meint Kersten Knipp.

Von Kersten Knipp | 31.08.2015
    Der zerstörte syrische Baalschamin-Tempel in der Oasenstadt Palmyra.
    Der zerstörte syrische Baalschamin-Tempel in der Oasenstadt Palmyra. (AFP / Joseph Eid)
    Die Erklärung ist zwar noch nicht veröffentlicht, aber man kann davon ausgehen, dass sie kommt. Auch dieses Mal wird sich UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova zum Zerstörungswerk der Terrorbande "Islamischer Staat" äußern. Nachdem sie in der vergangenen Woche bereits die Zerstörung des Baalshamin-Tempels in Palmyra verurteilt hatte, wird sie auch jetzt um eine Stellungnahme nicht umhinkommen. "Irina Bokova verurteilt in aller Entschiedenheit", wird es darin wohl wieder heißen.
    In diesem Fall wird sie die Zerstörung des Baaltempels verurteilen müssen, den der IS am Wochenende schwer beschädigt hat. Der Tempel ist das zentrale Bauwerk des Baalkults. Maamoun Abdulkarim, der Direktor für antike Denkmäler und Altertümer in Syrien, bezeichnet den Tempel als wichtigstes Bauwerk in ganz Palmyra. Wie kein anderes Gebäude illustriere er die Kombinationen orientalischer und griechisch-römischer Kunst. Zusammen mit dem Tempel von Baalbek im Libanon sei er der bedeutendste Tempel in Nahost.
    Knapp 2.000 Jahre stand das Gebäude, überstand Kriege und dynastische Machtkämpfe, Invasionen und mehrere Imperien. Nichts konnte ihm etwas anhaben. Um ihn zu zerstören, brauchte es den IS.
    Doch so unmöglich die UNESCO auch nun wieder zu dem Vandalismus schweigen kann, so sehr beugt sie sich durch ihre Stellungnahmen doch dem Kalkül des IS. Denn aus dessen Sicht sind die Stellungnahmen hilfloses Gestammel der gesamten Weltgesellschaft. Ihr, so sehen es die IS-Milizen, bleibt nur ohnmächtiger Zorn, ins Leere laufende Bestürzung. Seht her, rufen die Terroristen ihren Brüdern im Geiste zu: Die Welt, einschließlich der angeblichen Supermächte, lamentiert nur. Aber tun kann sie nichts. Die wahren Herren der Welt, das sind wir.
    In dieses Muster passt auch die Enthauptung des Chefarchäologen von Palmyra, Khaled al-Asaad vor knapp zwei Wochen. Im gesamten Habitus verkörperte er den Typus des weltläufigen, akademisch gebildeten Intellektuellen - und damit das exakte Gegenbild jener bärtigen Zeloten, die sich in den Reihen des IS finden. Indem sie ihn enthaupteten, erklären die Dschihadisten auch den säkularen Intellektuellen den Krieg. Alle, die es wagen, ihrem Modell etwas entgegenzustellen, müssen mit dem Tod rechnen.
    Nicht mehr als ein Toten- und Geisterreich
    Seit Monaten zerstört der IS das antike Erbe Syriens und des Irak. Man hat wiederholt darauf hingewiesen, dass er die kulturellen Wurzeln in der Region kappen, alles ausradieren wolle, was als Gegenmodell zu seiner Ideologie noch existiert. Auf diese Weise, so die Befürchtung, könnte er jungen Menschen alle Orientierungspunkte nehmen, Gehirnwäsche zugunsten der eigenen Ideologie in großem Umfang durchführen.
    Zugleich wolle er der Bevölkerung so zu verstehen geben, dass der Westen sich nur dann entsetzt zeigt, wenn das kulturelle Erbe zerstört werde. Die Menschen selbst seien ihm aber gleichgültig.
    Doch es scheint, als ginge dieses Kalkül nicht auf. Europa nimmt derzeit Syrer in nie gekannter Zahl auf, ganz unabhängig davon, ob sie vor dem IS oder dem anderen Großschlächter des Landes, Baschar al-Assad, fliehen. In anderen Worten: Europa stellt das Leben des Menschen über alle Ideologie. Und die Menschen kommen. Und so dürfte der IS absehbar über nicht mehr als ein Toten- und Geisterreich herrschen.
    Und dann könnte bei den Terroristen auch der Unmut der UNESCO wieder Eindruck machen - insbesondere, wenn sie mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeitet.