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Untergrundkämpfer werden zu Politikern

Vor einem Jahr veröffentlichte die Irisch-Republikanische Armee (IRA) eine denkwürdige Erklärung: Die nordirische Untergrundorganisation schwor der Gewalt ab. Die IRA erklärte sich bereit, alle Waffen abzugeben und für ein politisch vereintes Irland zu kämpfen. Doch politisch ist der tiefe Graben zwischen Protestanten und Katholiken noch lange nicht überwunden. Martin Alioth berichtet.

28.07.2006

Seanna Walsh, ein IRA-Veteran, verkündete damals auf einer DVD, dass die Aktivisten der IRA angehalten worden seien, sich mit ausschließlich friedlichen Methoden am Aufbau der Demokratie zu beteiligen. Der britische Premierminister Tony Blair griff einen bedeutungsvollen Satz der Ankündigung heraus: Das Verbot für IRA-Mitglieder, sich an irgendwelchen Aktivitäten zu beteiligen, werde als Abkehr von der Gewalt und der Kriminalität verstanden. Der irische Premierminister Bertie Ahern sah das Ganze in den größeren Zusammenhängen der irischen Geschichte: Wenn die IRA ihren Worten Taten folgen lasse, sei der Schritt beispiellos und von historischer Bedeutung. Allein, nicht jedermann war begeistert. Pfarrer Ian Paisley, der greise Vorsitzende der größten Protestanten-Partei in Nordirland, nannte die Erklärung sogar verhängnisvoll: Die IRA versuche damit, ihre gesamte Gewaltkampagne seit 1970 nachträglich zu rechtfertigen.

Doch für objektive Beobachter war die Verwandlung der IRA in einen Veteranenverband ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Nordiren endlich ihr eigenes Schicksal in die Hände nehmen könnten und eine Koalitionsregierung nach den Grundsätzen des Karfreitagsabkommens von 1998 bilden würden. Die Optimisten erhielten Oberwasser, als der kanadische General John de Chastellain Ende September verkündete, er habe zugeschaut, wie die IRA ihre Waffenarsenale gebrauchsunfähig gemacht habe.

Doch die Versicherung, dass alle Waffen verschrottet seien, überzeugte Pfarrer Paisley nicht. Er sucht seither nach Gründen, weshalb die Sinn-Fein-Partei, der politische Flügel der IRA, noch nicht genügend geläutert sei, um Teil der vorgeschriebenen Koalitionsregierung zu werden. Die beiden Parteien reden noch nicht einmal direkt mit einander. Dabei meldet eine unabhängige Kommission in periodischen Abständen, dass die IRA als Organisation sichtliche Anstrengungen unternehme, sich auch von ihrer kriminellen Vergangenheit zu entfernen - eine Bewegung, die bei den protestantischen Untergrundverbänden nicht stattfindet.

Immerhin verliefen die diesjährigen Paraden und Umzüge des protestantischen Oranier-Ordens friedlich; das Klima wurde also nicht zusätzlich vergiftet. Eine Hürde allerdings bleibt noch für Sinn Fein und die IRA: Sie müssen das Gewaltmonopol der nordirischen Polizei akzeptieren. Der katholische Priester Alex Reid, der die Entwaffnung als Vertrauensmann bezeugt hatte, unterstreicht die Tragweite dieses Schrittes: Das wäre dann das Ende des Nordirlandkonflikts, wenn Einigkeit über die Polizei bestünde.

Sinn Fein ist dabei, ihre Genossen auf diesen letzten Schritt vorzubereiten. Die Regierungen in London und Dublin haben nun den Parteien eine Frist gesetzt, um die Regierung zu bilden. Wenn das bis am 24. November nicht gelingt, wird das nordirische Parlament aufgelöst und nicht neu bestellt. Der Ire Ahern schilderte das im Mai als letzte Chance: Wenn es jetzt nicht geschieht, wird es auch in den nächsten 20 Jahren nicht gelingen.

Und was sagt der inzwischen 80-jährige Paisley dazu? Seine Ansichten wechseln von Tag zu Tag, aber gelegentlich ist selbst er optimistisch: Es wäre bestimmt nicht einfach, sagt er, ja es wäre wohl täglich die Hölle. Aber möglich ist es.