Sonntag, 03. Juli 2022

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Uraufführung in Berlin
"Trauermarsch" im Dialog mit der Tradition

Der 41-jährige Komponist und Klarinettist Jörg Widmann bringt ganz altmodisch seine Werke mit Bleistift und Radiergummi zu Papier. Durch das mehrmalige eigenhändige Schreiben beginnt er nämlich zu variieren. Manchmal kommt was ganz anderes heraus als gedacht. So war es auch bei seinem neuesten Klavierkonzert, das in Berlin uraufgeführt wurde.

Von Julia Spinola | 19.12.2014

Der Komponist Jörg Widmann zeigt seine Trophäe, die Auszeichnung des Deutschen Musikautorenpreises in der Kategorie "Komposition Sinfonik" in Berlin.
Jörg Widmann (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
"Trauermarsch" hat Jörg Widmann sein neuestes Werk genannt. Man denkt bei diesem Titel unwillkürlich an die Kondukte in Gustav Mahlers Symphonien. Und tatsächlich scheint einen der Anfang dieses ungewöhnlichen Klavierkonzerts in diese Klanglandschaften zu entführen. An den Trauermarsch aus Mahlers 9. Symphonie erinnern die Seufzerfiguren, der archaische punktierte Rhythmus und der tragische Tonfall des Hauptthemas. Die Tonalität von Widmanns Werk kreist um cis-Moll, die Tonart von Mahlers 5. Symphonie. Auch das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms und entfernte Anklänge an Alban Bergs "Drei Orchesterstücke" geistern hier und da durch diese Partitur.
Der Trauermarschrhythmus begann sich zu verselbständigen
Widmanns Musik sucht den Dialog mit der Tradition. Und doch hat Widmann eine ganz neue, eigenständige Form geschaffen. Ursprünglich hatte er ein mehrsätziges Werk geplant. Als er aber an einer langsamen Einleitung zum ersten Satz komponierte, begann sich der Trauermarschrhythmus so zu verselbstständigen, dass sich alle weiteren Sätze erübrigten. Das knapp 20 Minuten dauernde Stück gleicht nun eher einem Symphoniesatz mit obligatem Solopart, als der traditionellen Konzertform. Denn der Wechsel zwischen Solo- und Tutti-Passagen ist weitgehend aufgehoben. Stattdessen ist der Pianist - von fünf Takten abgesehen - unentwegt beschäftigt. Yefim Bronfman spielt diesen zum Teil hoch virtuosen Part brillant, mit größter emotionaler Verausgabung. Und die in riesenhafter Besetzung spielenden Berliner Philharmoniker bringen unter Simon Rattles Leitung die eigentümlich düstere, bisweilen aber auch morbide schillernde Klangpracht des Orchestersatzes suggestiv zur Geltung.
Kontrabässe und Celli sind auf B heruntergestimmt und verleihen dem Streicherklang so den lastenden Charakter einer Begräbnismusik. Darüber öffnet sich eine gespenstisch jenseitige Klangsphäre, in der Klangexoten wie die Celesta und das selten eingesetzte Waterphone beheimatet sind. Ein Waterphone ist ein mit Wasser gefüllter Behälter, in dem Metallstäbe stecken, die geschlagen oder mit einem Bogen gestrichen werden: Der so erzeugte pfeifende Klang scheint wie eine Silvesterrakete in die Höhe zu schießen.
Klavier und Orchester sind eins geworden
Es ist ein Kampf gegen den Tod, gegen die Bewegungslosigkeit, den dieses Werk ausficht. Der Pianist versucht in immer manischeren Ausbruchsversuchen gegen die Schwerkraft des Orchesters anzuspielen. Die drei großen Anläufe, die er dabei nimmt, erinnern entfernt noch an die Dreiteiligkeit der Sonatenform. Im dritten großen Formabschnitt gewinnt das Orchester die Oberhand und bringt den Pianisten vorübergehend zum Verstummen. Das Werk schließt mit einem von tiefster Trauer erfüllten Abgesang, in dem Klavier und Orchester eins geworden sind: Sie spielen das gleiche Thema. Diese Ausdrucksidee verleiht Widmanns Musik eine leicht nachvollziehbare, existenzielle Dramatik. Mitunter wirkt sie, zugegeben, ein wenig plakativ in ihren unverhohlenen Traditionsbezügen, ihrer Nostalgie, ihrer teilweise berückend schönen Wehmut. Doch diese Musik ist so aufrichtig, gekonnt und facettenreich komponiert, das sie stets glaubhaft bleibt und dadurch berührt.