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Ursprünglich nur für die Bühne gedacht

Er gehört sicherlich zu den meistgespielten Werken der Orchesterliteratur, vom Sinfonieorchester Aachen über die Münchner Philharmoniker bis zu den Wiener Philharmonikern haben ihn alle im Repertoire: den "Boléro" von Maurice Ravel. Auch Musikfans, die sonst mit klassischer Musik wenig anfangen können, kennen diese Melodie, die sich ständig wiederholt und in einem langsamen Crescendo in die Gehörgänge schraubt. Der Boléro, der heute meist im Konzertsaal erklingt, war ursprünglich als Ballett gedacht und für die Bühne konzipiert. Uraufgeführt wurde er an der Pariser Opéra am 22. November 1928 - heute vor 80 Jahren.

Von Renate Hellwig-Unruh | 22.11.2008
    "Mein Meisterwerk? Der 'Boléro' natürlich. Schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält", "

    pflegte Maurice Ravel auf die entsprechende Frage ironisch-sarkastisch zu antworten.

    Eine spanisch-arabische Melodie wiederholt sich 17 Minuten lang auf den Rhythmus eines Boléro, eines spanischen Paartanzes, und versetzt den Hörer in eine Art Trance. Am erotischen Element der Musik, an der langsamen Steigerung der Intensität zu einem Höhepunkt, hat sich die Fantasie von Dirigenten, Choreographen, Bearbeitern und Filmemachern immer wieder entzündet. Dabei ist der Aufbau als fast dürftig, ja karg, zu bezeichnen. Ravel:

    " "Keine Form im eigentlichen Sinne des Wortes, keine Entwicklung, keine oder so gut wie keine Modulation, ein Thema nach der Art von Padilla (dieses reichlich gewöhnlichen Komponisten von Valencia), zusammen mit Rhythmus und Orchestrierung."

    Maurice Ravel stand auf dem Gipfelpunkt seiner Künstlerkarriere, als er 1928 den Boléro komponierte. Der 53jährige war seit Anfang der 1920er Jahre viel unterwegs auf Konzerttourneen, auf denen er überwiegend eigene Werke spielte und dirigierte: Ma Mère l'Oye, Daphnis et Cloé, La Valse, Rapsodie espagnole. Überall wurde der exzentrische, nur 1, 58 Meter große Komponist, der die Pose und die Selbstinszenierung liebte, gefeiert, überall gab er Interviews und nahm Auszeichnungen entgegen. Als die Tänzerin, Schauspielerin und reiche Mäzenin Ida Rubinstein den wandlungsfähigen Komponisten um ein "spanisches Ballett" für sich und ihre Tanzkompanie bat, willigte Ravel ein. Ida Rubinstein, für die bereits Claude Debussy und Igor Strawinsky komponiert hatten, verkörperte im Paris der 20er und 30er Jahre einen neuen Frauentyp. Ihre Auftritte waren ein Mix aus expressivem Tanz, exotischer Ausstattung und Bewegungstheater. Ravel wollte für sie zuerst nur einige Stücke aus Isaac Albéniz Klavierzyklus Ibéria orchestrieren. Doch rechtliche Probleme zwangen ihn, über ein neues, eigenes Werk nachzudenken. Er machte aus der Not eine Tugend und hatte die zündende Idee:

    "Ein einsätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters."

    Die Uraufführung des Boléro fand am 22. November 1928 an der Pariser Opéra in der Choreographie von Bronislawa Nijinska statt. Die damals 43jährige Ida Rubinstein tanzte als einzige Frau in einem Kreis von 20 jungen Tänzern. Mit ihren erotischen, lasziven Bewegungen schockierte und faszinierte sie gleichermaßen das Pariser Publikum. Auf den Ausruf einer Zuschauerin "Hilfe, ein Verrückter", soll Ravel nur trocken erwidert haben: "Die hat's kapiert". Der katalanische Pianist Ricardo Viñes, ein Jugendfreund Ravels:
    "Ravel gab sich als Ästhet, wollte unverstanden bleiben und hätte die ungeheure Popularität, die ihm später zuteil wurde, zweifellos als schlimmste Beleidigung seines Raffinements betrachtet."

    Der Boléro wurde bald nicht nur zu Ravels meistgespieltem Werk, sondern zu einem der populärsten Musikstücke der Orchesterliteratur überhaupt. Ein Phänomen, dass sich der Komponist nicht erklären konnte, denn:

    "Es handelt sich um ein Experiment in einer ganz eigenen Richtung, und man darf nicht meinen, es ziele darauf ab, etwas anderes oder mehr zu erreichen, als es tatsächlich erreicht."

    Mit dem Boléro hat Maurice Ravel ein Meisterwerk der musikalischen Erotik, eine "getanzte Orgie" komponiert - möglicherweise eine musikalische Sublimierung seiner, soweit bekannt ist, nicht ausgelebten Homosexualität.