Donnerstag, 22. Februar 2024

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Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders

Todesanzeigen in der "Frankfurter Allgemeinen" sind etwas Besonderes: schwarzgerandetes Reservat von Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Die gedruckte Gedenkstätte erweiterte sich auf eigenartige Weise, nachdem Mitte der neunziger Jahre der Streit um die "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung entbrannt war: Als Anbau entstand eine Art kleiner Soldatenfriedhof.

Frank J. Heinemann | 18.08.2003
    Zur Erinnerung / stud. med. Leutnant / Ernst Fresenius / * 28.8.1923 Berka / + 14.1.1945 Brückenkopf Warka an der Weichsel / Er opferte sein Leben für das Vaterland. Das Vaterland jedoch achtet sein Opfer nicht. / Die Geschwister / Selinde Fresenius / Dr. Hansjürgen Fresenius

    Sie starben in den Jahren 1941 bis 45, an Weichsel und Wolga, Dnjepr und Don, bei Stalingrad, Kursk oder Charkow. Das ist sicher auch heute noch ein Grund zur Trauer. Wieso es aber weit weg von Rhein, Elbe und Oder ums "Vaterland" ging, oder gar um die "Verteidigung der Heimat" – wie es in manchen Anzeigen auch hieß -, hätte keiner der Anzeigen-Auftraggeber plausibel erklären können. Der Subtext der Anzeigen war jedoch klar: Aufklärung über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten ist unerwünschte Nestbeschmutzung. Stumme Tote, die ihre Meinung nicht mehr sagen können, wurden noch einmal zum Einsatz gebracht. Trotz Stalingrad-Jubiläum in diesem Jahr ist die Welle der Anzeigen erfreulicherweise verebbt. Warum also an das Ärgernis erinnern? Anlass ist ein in diesen Tagen erscheinendes Buch des Schriftstellers Uwe Timm, das man als kluge Gegen-Anzeige gegen die ja weiterhin verbreiteten Klischees von der Vaterlands-Verteidigung lesen kann. Der schmale Band von 160 Seiten bekommt zusätzliches Gewicht vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Deutschen als Opfer des Krieges. "Am Beispiel meines Bruders", heißt Timms Reflexion über Schuld und Verdrängung.

    Karl Heinz, der Bruder des Schriftstellers Uwe Timm, gehörte zu den zwanziger Jahrgängen, die im Krieg so furchtbar ausbluteten. Karl Heinz Timm, 1924 geboren, war 16 Jahre älter als sein Bruder Uwe. Mit einem Erinnerungsfetzen aus dem Jahr 43 beginnt dessen Buch:

    Ich komme aus dem Garten in die Küche, wo die Erwachsenen stehen .... Sie werden etwas gesagt haben, woran ich mich nicht mehr erinnere ... sie werden zu dem weißen Schrank geblickt haben ... Dort, das hat sich als Bild mir genau eingeprägt, über dem Schrank, sind Haare zu sehen, blonde Haare. Dahinter hat sich jemand versteckt – und dann kommt er hervor, der Bruder, und hebt mich hoch. An sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern ... , aber ganz deutlich ist diese Situation: Wie mich alle ansehen, wie ich das blonde Haar hinter dem Schrank entdecke, und dann dieses Gefühl, ich werde hochgehoben – ich schwebe.

    Ja, er war blond, blauäugig, 1,85 groß, mit rein-"arischem" Stammbaum bis zu den Urgroßeltern. Die "Totenkopf"-Division der Waffen-SS nahm ihn sofort, als er sich Ende 42 freiwillig meldete. Aber war der SS-Panzerpionier Timm nicht ein zeitweise kränkelnder, sich auf sich selbst zurückziehender Junge gewesen, ungern bei der Hitler-Jugend, wo der Fähnlein-Führer ihn sogar strafexerzieren ließ? In den Augen des Vaters, dessen Lieblingskind er war, blieb er immer der Tapfere, der Anständige. So wie in seinem letzten Brief vom September 43 aus der Ukraine:

    Mein lieber Papi, Leider bin ich am 19. schwer verwundet ich bekam einen Panzerbüchsenschuß durch beide Beine ..., die sie mir nun abgenommen haben. Das rechte Bein haben sie unterm Knie abgenommen, und das linke Bein wurde am Oberschenkel abgenommen, sehr große Schmerzen hab ich nicht mehr, tröste die Mutti, es geht alles vorbei, in ein paar Wochen bin ich in Deutschland ...

    Wenig später lag Karl Heinz ohne Beine in ukrainischer Erde. Er hinterließ Tagebuchnotizen vom Februar bis zum August 43. Das Heft wurde der Familie in einer letzten Feldpostsendung zugestellt.

    Ein kleines Pappkästchen mit Briefen, den Orden, ein paar Fotos, einer Zahnpastatube und einem Kamm. Und an diesem Kamm ist das, was von seinem Körper blieb, ein paar blonde Haare. Die Zahnpasta in der Tube ist inzwischen versteinert.

    Timms Buch könnte auch "Mutmaßungen über Karl Heinz" heißen. Gewissheiten geben die kargen Notizen des Bruders übers tägliches Schießen und Beschossenwerden nicht her. Abfällige Bemerkungen über Russen oder Juden finden sich nicht. Aber auch keine Spuren von Mitgefühl für die Leiden der Zivilbevölkerung, allerdings auch nicht von Mitgefühl mit sich selbst. Timm stellt eine "partielle Blindheit" des Bruders fest. Dieser nennt die Bombardierung Hamburgs unmenschlich, hält aber offenbar das Verhalten der SS in der Ukraine für normal. Selbstverständlich scheint es für ihn zu sein, einen feindlichen Soldaten zu töten, den Zigarettenrauch verraten hat.

    75 m[eter] raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.

    Warum er zur SS ging, bleibt letztlich unerklärlich. Uwe Timm weiß nur, dass seine Mutter später sagte, sie sei dagegen gewesen.

    Wobei die Mutter dem Vater nie einen Vorwurf machte. Es hieß, ... der Vater hätte nicht zugeredet. Aber dessen bedurfte es auch nicht. Es war nur die wortlose Ausführung von dem, was der Vater im Einklang mit der Gesellschaft wünschte.

    Eine deutsche Familie im Einklang mit der deutschen Gesellschaft. Man könnte Timms Buch einen "Familienroman" nennen, nicht als literarisches Etikett, sondern im psychologischen und soziologischen Sinn. Timm skizziert in assoziativ gefugten Bruchstücken die soziale und mentale Entwicklung einer vom Vater bestimmten deutschen Familie. Der Vater, 1899 geboren, schaffte es dank seinem Auftreten und dank seiner Intelligenz, mehr zu scheinen als er tatsächlich war. Ohne Berufsausbildung gelang es dem Weltkriegsteilnehmer schließlich, fürsorglich unterstützt von seiner Frau, die aus besseren Verhältnissen stammte, sich als Tierpräparator und nach dem zweiten Krieg als Inhaber einer Kürschnerei durchzuschlagen. Nach seinem frühen Tod 1957, der dem Niedergang des Geschäfts folgte, führte die Witwe die Firma in bescheidenem Rahmen weiter bis ins hohe Alter, unterstützt von ihrer Tochter, dem ältesten Kind, das der Vater niemals beachtet hatte. Uwe Timms Mutter stirbt 1991, die Schwester einige Jahre danach. Timm hat die Mutter immer geliebt. Den Vater, der ihn als Ersatz für den gefallenen Bruder in eine Kürschnerlehre drängte, in seinen Pubertätsjahren, die die letzten des Vaters sind, durchschaut und verachtet. Dieser redete immer noch von deutscher Ehre, wollte keinerlei Mitverantwortung für Nationalsozialismus und Judenverfolgung eingestehen. Timm, der Kürschnergeselle, holte mit 23 das Abitur nach, studierte, promovierte und lebt seit dreißig Jahren als freier Schriftsteller. Über seinen Bruder wollte er immer schon schreiben, aber das hieß ja auch: über die Familie zu schreiben. Erst nach dem Tod von Mutter und Schwester wagte er sich an den Stoff. Auch in ihm wirkte also jene Familienloyalität, die eine so wichtige Rolle bei der Produktion von Geschichtsbildern spielt. "Opa war kein Nazi", heißt der bemerkenswerte sozialpsychologische Bericht eines Forscherteams an der Universität Hannover, das die Tradierung von Geschichtsbildern zwischen den Generationen analysierte. Ergebnis war eine erschreckende Kluft zwischen kognitivem Wissen und Geschichtsvorstellungen, die über emotionale familiäre Zugänge erreicht werden. Zwischen dem offiziellen Lexikon der großen Geschichte und dem historischen Familienalbum liegen Welten. Die Kinder und Enkel der Zeitgenossen des Nationalsozialismus wissen relativ viel über die Schrecken dieser Zeit, gerade deshalb aber können und wollen sie sich nicht vorstellen, dass ihre Eltern beziehungsweise Großeltern aktiv beteiligt waren oder zumindest das Geschehen duldeten. Der nette Opa von heute kann kein Nazi gewesen sein – diese Haltung macht die Enkelgeneration auch empfänglich für das Geschwätz, jetzt werde, dank Büchern wie denen von Günter Grass oder Jörg Friedrich, endlich darüber gesprochen, dass die Deutschen auch Opfer waren. Wer Timms Buch liest, erfährt aber von den endlosen Erzählungen der Kriegsgeneration über Bombennächte, Vertreibung und Vergewaltigungen und über das ständige Palaver der Männer über "Verlorene Siege", wie ein früher Nachkriegsbestseller hieß. War man nicht ein Opfer der verfehlten Strategie des Führers und seiner unfähigen Generäle?

    Uwe Timm, um die Verbindung von Alltäglichem und Allgemeinem bemüht, wie in seinen Romanen, erzählt nicht als doktrinärer Ankläger, sondern als Spurensucher. Ein unzugängliches Geheimnis bis zuletzt bleibt der innerste menschliche Kern des Bruders. Er hat einige Wochen vor seiner tödlichen Verwundung das Tagebuchschreiben abgebrochen, mit einer Eintragung, die Timm am Ende des Buchs zitiert:

    Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.

    Ein offenes Ende, offen für ein wenig Hoffnung und sehr viel Trauer. Vielleicht ermöglicht diese Haltung des Autors gerade jüngeren Lesern den wichtigen emotionalen Zugang zu einer Vergangenheit, von der sie einiges wissen, aber oft nur sehr wenig verstehen. Uwe Timm ist jedenfalls ein im besten Sinn des Wortes politisches Buch gelungen.

    "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm. Das Buch hat 159 Seiten, ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet 16.90 Euro.