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Vergessenes Musiktheater von Haydn

Im Mittelpunkt steht heute Johann Michael Haydn. Vermutlich der 200. Todestag des Komponisten in diesem Jahr hat mehrere seiner vergessenen musikalisch-theatralischen Arbeiten auf den CD-Markt gebracht, ich will Ihnen im Folgenden einiges daraus anspielen.

Von Frank Kämpfer | 17.12.2006

" Musikbeispiel: Michael Haydn - aus: "Der Bassgeiger zu Wörgl" "

Freiheitsbegehren klingt anders! Hier geht es um Schadensbegrenzung, nicht um Emanzipation. Denn wenn der betrunkene Bärtl statt Vernunft anzunehmen einen Selbstmord vortäuscht, sich zur Hintertür einschleicht und seiner Gattin, der nun verzweifelten Liesl die Pforte versperrt und sie zur Abbitte zwingt, wird ein Gewohnheitsrecht zelebriert.

In italienischen Intermezzi der 1730er Jahre rebellierte und behauptete sich die listige Magd gegen den behäbigen Herrn. Hier, fast ein halbes Jahrhundert hernach und im Erzbistum Salzburg ist die Konstellation - und das verwundert kaum - spiegelverkehrt. Heiter ist diese Szene schwerlich zu nennen. Das Lachen verkeilt sich im Halse - es wächst aus einer höchst intriganten Verkehrung von Rebellion und Vergehen und dies - kurz gesagt - birgt Betrug.

Johann Michael Haydns gut 20-minütiges Dialektstück "Der Bassgeiger zu Wörgl" entstand um das Jahr 1775 für die studentische Bühne der Salzburger Benediktiner-Universität und ist für zwei Stimmen, fünf Streicher und einen Continuospieler gedacht. Theaterspiel stand seiner Zeit hier hoch im Kurs, es galt als Bestandteil der klassischen Bildung und diente alsda der Vertiefung konservativer moralischer Werte. Der musikalische Anspruch war provinziell - Interpreten von Rang, d.h. mit erweitertem Können waren im studentischen Kreis nicht zu suchen und der Erzbischof als oberster Dienstherr war an ästhetischer Modernität nicht interessiert. Ganz praktisch gesehen - Haydns Bassgeiger hatte die Funktion einer heiteren musikalischen Einlage in einem langen lateinischen Fünfakter und musste von Studierenden zu bewältigen sein.

Ob Johann Michael, der noch immer fast vergessene Bruder Franz Joseph Haydns für Theatermusik zudem der Geeignetste war, sei hier offen gelassen. Leopold Mozart sprach ihm - vermutlich aus Neid - die Tauglichkeit dazu vehement ab. In der Einspielung durch das ambitionierte, auf Originalinstrumenten spielende Ensemble Salzburger Hofmusik mit Wolfgang Brunner am Cembalo klingt die Miniatur immerhin unglaublich deftig und frisch; was Sopranistin Dorothee Mields und Bass Michael Schoppers anbieten, verlangt geradezu nach theatralischem Spiel. Anzumerken ist wie gesagt trotzdem, dass Tonsetzer wie Librettist im Stück die Welt in ihren Angeln belassen und dass die kleine weibliche Rebellion zum Pauschalzweck des Ehe-Erhalts mit brachialer Gewalt kanalisiert werden muss.

Wer auf gleicher CD auch "Die Hochzeit auf der Alm" durchhört, ahnt bald, dass es Methode hat mit solcher Moral. Denn das Singspiel, uraufgeführt 1868 als Intermezzo der Tragödie "Pietes coniugalis in Sigismondo et Maria" kreist um die Treue, die die zu Unrecht verstoßene Ehefrau Galatea dem Landgrafen Roderich hält. Ein eingefangener Wilddieb ist im Stück Anlass, um sich im Familienkreis auszusöhnen und auf allerdings patriarchale Art Frieden zu reinstallieren.

" Musikbeispiel: Michael Haydn - aus: "Die Hochzeit auf der Alm" "Die Hochzeit auf der Alm" und "Der Bassgeiger zu Wörgl" - zwei deutschsprachige Intermezzi von Johann Michael Haydn. Eingespielt im Sommer dieses Jahres mit der von Wolfgang Brunner geleiteten Salzburger Hofmusik.

" Lyrik: Christian Morgenstern: "Die unmögliche Tatsache"

Wir sind im Theater Johann Michael Haydns. Augenfällig ist hier ein bemerkenswertes Moment: der Huldigungs-Aspekt. Obrigkeit - der Gatte, der Landgraf - scheint hier von Fehlern und Anwürfen frei und stets die letzte Instanz von Recht und Moral. Dies verdeutlicht insbesondere ein Opus größeren Umfangs, die im Stil der opera seria gehaltene Arbeit "Andromeda und Perseus". Sie entstand 1787 zum 15. Dienstjubiläum des Salzburger Erzbischofs Colloredo, der sich musikhistorisch die Berühmtheit erwarb, den jungen Wolfgang Amadee Mozart vertrieben zu haben. Colloredo suchte wie schon gesagt Repräsentatives und kein Experiment und versah Autorengespann wie Theater nur mit bescheidenen Mitteln. Mit Gianbattista Varesco dichtete nachweisbar kein zweiter da Ponte und Michael Haydn gelang nicht im Ansatz, was im selben Jahr Mozart Junior in Wien mit seinem Figaro formulierte. Beide Stücke übrigens thematisieren ein Vorrecht, das aus Macht und Konvention resultiert. Im Figaro ist es das fürstliche Recht der ersten Nacht - im Stück als auch historisch kippt dieses Vorrecht sehr bald. In Haydns Andromeda läuft es anders: Phineus, Bruder des Königs, der einzige im Stück, der aufrichtig liebt, verliert das bereits zugestandene Recht, die Verlobte zu freien, denn Perseus, ein politischer Joker, sichert sich, bevor er den Drachen bezwingt, hier Platz Nummer eins.

" Musikbeispiel: Michael Haydn - aus: "Andromeda und Perseus" "

Abgesehen von dieser 20-sekündigen Forcierung, die den kurzen Drachenkampf malt, gibt sich das knapp abendfüllende Werk musikalisch konventionell, konservativ - eine Form der Vergangenheit, die opera seria wird hier - zum deutschen Singspiel verkleinert - zitiert. Michael Haydn, seit 1763 Konzertmeister am Salzburger Hof und somit Hofkomponist, war kein Innovator - dazu fehlte der Spielraum; er verfasste solide Sinfonien und Kirchenmusik und auch diese Oper schrieb er dem vorhandenen Personal auf den Leib. Francisco Ceccarelli, ein Freund Mozarts, war der einzige Kastrat in dem Stück - Haydn komponierte ihm schöne, effektreiche Arien. Kontrastreich und psychologisch plausibel geriet die Partie der Medea, die dem Helden, der sie vom Tode errettet im Stück mit infantiler Liebe entgegenfliegt. Phineus übrigens versucht mit letzter Kraft einen Putsch, scheitert, wird - welche Gnade - nicht aufgeknüpft und darf dem Helden und seiner noch eben Verlobten ein Freund sein. Erniedrigung, das hat Textautor Hofkaplan Varesco in sperrigem Deutsch sehr präzis formuliert - Erniedrigung, die Gewalt produziert, wird hier umgebaut in Unterwerfung, die aus Vernunft resultiert.

Werk-Entdecker Reinhard Goebel übrigens hat für die Plattenaufnahme deutsche Texte verwendet, die in Haydns Original-Noten standen. Auf Secco-Rezitative wurde verzichtet, an ihrer Stelle steht nun von Gunter Cremer gesprochener Text. Heike Porstein, Christine Wolff, Max Ciolek und Raimund Nolte sind als Solisten zweifellos akzeptabel. Das behände Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, das Goebel selbst dirigiert, verweist auf die einzige vielleicht wirkliche Stärke der Oper, dass Michael Haydns Andromeda so etwas wie eine "sinfonische" Oper darstellt.

" Musikbeispiel: Michael Haydn: aus: "Andromeda und Perseus""

CD 1:
Titel: Michael Haydn: Intermezzi
Solisten: Dorothee Mields, Sopran
Michael Schoppers, Bass
Ensemble: Salzburger Hofmusik
Label: Edition Günter Hänssler
Labelcode: LC 13287
Bestellnr.: PH06061

CD 2:
Titel: Michael Haydn: "Andromeda und Perseus"
div. Solisten
Ensemble: Vokalensemble Köln
Orchester: Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken
Leitung: Reinhard Goebel
Label: Oehms Classics
Labelcode: LC 112424
Bestellnr.: OC 911