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Verletzt und stigmatisiert

Seit 1984 veranstaltet die Union Islamischer Organisationen in Frankreich (UOIF) jedes Jahr über Ostern einen Kongress. 100.000 Muslime haben über religiöse und gesellschaftliche Themen unserer Zeit diskutiert. Überschattet wurde das Treffen von den Anschlägen von Montauban und Toulouse, bei denen sich der Attentäter auf den Islam berufen hatte.

Von Bettina Kaps | 10.04.2012
    Die Messehalle im Norden von Paris gleicht einem orientalischen Bazar: Neben Kaftanen, Tuniken und islamischen Kopftüchern werden religiöse Bücher, marokkanische Möbel und Datteln aus Algerien angeboten. Iman, eine 20-jährige Studentin aus Paris, sucht ein Kleid für ihre bevorstehende Hochzeit. Aber entspannt ist sie dabei nicht. Seit den Mordanschlägen von Toulouse liegen die Nerven der jungen Frau blank.

    "Die französischen Muslime werden zur Zielscheibe gemacht. Das ängstigt mich. Die Medien wiederholen ununterbrochen, dass der Islam gefährlich und die Muslime Terroristen seien. Das ist absolut falsch."

    Auch Akim beschuldigt die Medien: Ihre Berichterstattung sei tendenziös, sagt der 25-jährige Student mit der schwarzen Designerbrille.

    "Nach den Anschlägen von Oslo hieß es: Der Mörder ist ein Verrückter. Nach den Morden von Toulouse titelte die französische Tageszeitung Le Figaro: 'der Verrückte Allahs' und 'der islamistische Mörder'. Warum schreiben sie nicht einfach: 'der Verbrecher'? "

    Akim ist aus Straßburg angereist, auf dem Kongress will er sich vor allem Vorträge und Debatten anhören. Aus einer Halle dringt die Stimme eines Sängers, der eine Sure aus dem Koran vorträgt. Die Atmosphäre des Muslim-Treffens beflügle ihn, sagt der junge Mann. Umso mehr empört es ihn, dass die französische Regierung dem bekannten Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan signalisiert hat, dass er unerwünscht sei. Der Student hat auch nicht vergessen, dass sich Staatspräsident Nicolas Sarkozy kürzlich an einer Debatte über rituell geschlachtetes Fleisch beteiligt hat.

    "Die Politiker spielen ein gefährliches Spiel. Aus rein wahltaktischen Gründen hetzen sie die verschiedenen Teile der Bevölkerung gegeneinander auf. Das ist schamlos und vor allem vollkommen verantwortungslos."

    Das große Muslim-Treffen bei Paris wird seit 29 Jahren von der Union islamischer Organisationen in Frankreich veranstaltet. Die Vereinigung ist extrem konservativ und unterhält enge Bindungen zur Muslimbruderschaft. Ausgerechnet Nicolas Sarkozy hat die Union in seiner Zeit als Innenminister hoffähig gemacht. Er band sie 2003 in den neu gegründeten Muslimrat ein.

    Jetzt aber ließ er sie demonstrativ fallen: Der Staatspräsident erklärte in einem scharf formulierten Brief, er dulde nicht, dass es bei dem Treffen Aufrufe zu Gewalt, Hass und Antisemitismus gebe. Ahmed Jaballah, Vorsitzender der Vereinigung, weist die Warnung zurück.

    "Die UOIF existiert seit vielen Jahren. Durch unsere Vereine und Moscheen sind wir in ganz Frankreich verankert, dabei arbeiten wir eng mit den örtlichen Autoritäten zusammen. Wir sind also bekannt. Unser Kongress ist immer ruhig verlaufen. Das gehört zu unseren Prinzipien."

    Dass Frankreich akute Gefahr durch radikale Muslime drohe, dieser Eindruck wurde in den vergangenen Tagen auch durch die Festnahme von mehr als 20 mutmaßlichen Islamisten hervorgerufen. Viele der Verdächtigten sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.

    Dabei gibt es Forschungsergebnisse, die ein ganz anderes Bild von den französischen Muslimen zeichnen. Francois Héran vom Nationalen Institut für Bevölkerungsforschung verweist auf eine Studie des amerikanischen Pew-Center.

    "Wir haben allen Grund zur Annahme, dass die französischen Muslime ein überwiegend positives Verhältnis zur französischen Nation haben. Wie die übrigen Franzosen sind sie von der Idee durchdrungen, dass die Zugehörigkeit zu einer Religion nicht Teil der nationalen Identität ist und in den Bereich der Privatsphäre gehört."

    Der Demograf betont, dass die religiöse Praxis unter den Einwanderern der zweiten Generation vielfach abnimmt. Bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren beobachtet er allerdings auch Zeichen einer Re-Islamisierung.

    "Unsere jüngste Studie kommt zu dem Schluss, dass es sich dabei um eine Reaktion auf die Tatsache handelt, dass junge Muslime von der französischen Gesellschaft als Minderheit betrachtet und vor allem im Berufsleben stark diskriminiert werden. Der Rückzug in eine Parallelgesellschaft, über die Religion, ist ihre Antwort darauf."

    Mit seinem scharfen Kurs gegenüber der Union islamischer Organisationen in Frankreich erhofft sich Nicolas Sarkozy offenbar Stimmen für die anstehende Präsidentschaftswahl. Denn bei den französischen Muslimen hat er ohnehin nicht viel zu verlieren: Bisher haben die meisten von ihnen entweder gar nicht gewählt, oder aber links.