Illuminati, Deep State & Co. 
Warum sich Verschwörungstheorien so hartnäckig halten

Ob es um die Mondlandung, die Anschläge vom 11. September oder Aliens geht - das, was wir heute als Verschwörungstheorien bezeichnen, gibt es schon seit Jahrhunderten. Und in Krisenzeiten haben sie besonders Konjunktur.  

    Der "QAnon-Schamane"Jake Angeli wurde bei der Erstürmung des Capitols am 6. Januar 2021 zu einem Symbol des Protests der Anhänger von Präsident Donald Trump gegen die seiner Meinung nach gestohlene Wahl, die er gegen Joe Biden verlor.
    Der "QAnon-Schamane" Jake Angeli wurde bei der Erstürmung des Capitols am 6. Januar 2021 zu einem Symbol des Protests der Anhänger von Donald Trump gegen die seiner Meinung nach gestohlene Wahl. (picture alliance / zz / STRF / STAR MAX / IPx)
    Viele Verschwörungstheorien sind harmlos, so wie die von der gefälschten Mondlandung, einige vielleicht sogar lustig – Stichwort Bielefeld (die Stadt, die es angeblich nicht gibt) – oder Teil der Popkultur: „Elvis lebt“. 
    Heute gibt es nicht unbedingt mehr Verschwörungsgläubige, sie sind durch die sozialen Medien nur lauter und sichtbarer. Gefährlich werden Verschwörungstheorien immer dann, wenn sie sich mit Ideologien wie Antisemitismus, Rassismus oder Faschismus verbinden. Aber warum tauchen sie immer wieder auf? 

    Inhalt

    Was sind eigentlich Verschwörungstheorien?

    Verschwörungstheorien zeichnen sich durch drei Merkmale aus, erklärt Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur und Kulturwissenschaften an der Universität Tübingen.  
    Erstens: Nichts geschieht durch Zufall. Das heißt, es ist alles geplant worden. Da saßen Menschen – die Verschwörer – im Geheimen zusammen und haben sich überlegt: So machen wir das jetzt. 
    Zweitens: Nichts ist so, wie es scheint. Man muss erst einen Vorhang beiseiteschieben. Dann merkt man, was wirklich unter der Oberfläche vor sich geht. Und dann sieht man… 
    Drittens: Alles ist miteinander verbunden. Das heißt, Personen, Institutionen und Ereignisse, die jenseits der Verschwörungstheorie überhaupt nicht zusammenkommen, haben tatsächlich zusammengearbeitet, um ihren geheimen Plan durchzusetzen. 
    Corona-Impfungen, Klimawand, Ukraine-Krieg, Einwanderung. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung wirft ein Schlaglicht auf das Ausmaß von Verschwörungsglauben in Deutschland.
    Corona-Impfungen, Klimawand, Ukraine-Krieg: die großen Krisen scheinen die Entstehung von Verschwörungstheorien zu begünstigen (dpa-infografik GmbH / dpa-infografik GmbH)
    Ein Beispiel wäre eine Verschwörungstheorie, wonach die Coronapandemie eine Inszenierung ist, sagt Butter. Das Virus existiert nach dieser Vorstellung entweder gar nicht - oder ist völlig ungefährlich. Alle Regierungen und auch viele Institutionen auf der ganzen Welt haben sich laut dieser Theorie verschworen, um uns etwas vorzugaukeln und irgendwelche perfiden Ziele zu erreichen.
    Ein anderes Beispiel ist die sogenannte HAARP-Verschwörungserzählung. Demnach gibt es den Klimawandel gar nicht, sondern das Klima wird gezielt manipuliert, um Krieg zu führen und die Bevölkerung zu kontrollieren. Dafür soll angeblich eine US-Forschungsanlage in Alaska genutzt werden - die es tatsächlich gibt und die die Abkürzung HAARP (High Frequency Active Auroral Research Program) trägt.  
    Auch hier werden Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, kausal miteinander verknüpft. Und das ist ganz typisch für die verschwörungstheoretische Weltsicht, sagt Kulturwissenschaftler Butter. Die Psychologie spricht auch von einer Verschwörungsmentalität, die dazu führt, dass bestimmte Menschen immer wieder vermeintliche Verschwörungen entdecken.

    Seit wann gibt es sie?

    Verschwörungstheorien in ihrer modernen Form gibt es in der westlichen Welt wohl etwa ab dem 16. Jahrhundert, als mit den Religionskriegen Erzählungen und Gedankenfiguren aufkamen, die heutigen Verschwörungstheorien schon nahekommen, sagt Butter. An der Spitze der Verschwörung habe damals immer der Antichrist gestanden.
    Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war es laut dem Experten in der gesamten westlichen Welt völlig normal, an Verschwörungstheorien zu glauben. Verschwörungstheorien seien keine Gegenerzählungen, keine Alternativen zu einer "offiziellen" Version, sondern in den allermeisten Fällen seien sie sogar die offizielle Version gewesen. So glaubte und verbreitete etwa jeder amerikanische Präsident von Washington bis Eisenhower auch aktiv Verschwörungstheorien, erklärt Butter.
    Noch deutlicher wurde es laut Michael Butter in Deutschland, wo eine bestimmte Verschwörungstheorie, die von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung, für zwölf Jahre gewissermaßen zur Staatsreligion wurde - mit all den fürchterlichen Konsequenzen, die dies hatte.
    Auch Intellektuelle waren durchaus Anhänger von Verschwörungstheorie. Der Schriftsteller Thomas Mann etwa schrieb 1918 in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, die Freimaurer und Illuminaten würden sich eines Tages rechtfertigen müssen für ihre Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damit bediente er die unter Konservativen der damaligen Zeit weitverbreitete Vorstellung, dass die Illuminaten den Ausbruch des Krieges geplant hätten, um ihre dunklen Ziele zu erreichen, sagt Kulturwissenschaftler Butter.
    Der Status von Verschwörungstheorien habe sich in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten aber stark geändert. In den 50er-, 60er-Jahren setzte ein Prozess der Stigmatisierung ein, der dazu führte, dass Verschwörungstheorien aus der Mitte der Gesellschaft an deren Ränder wanderten und zu dem "Gegenwissen" werden konnten, dass wir heute fast automatisch mit ihnen verbinden.
    Nach allem, was wir wissen, ist der Status von Verschwörungserzählungen in anderen Regionen der Welt dagegen konstant geblieben, so Butter. Das heißt, die Stigmatisierung findet zum Beispiel in Osteuropa lange nicht in dem Maße statt, wie in West- oder Nordeuropa. In der arabischen Welt seien Verschwörungstheorien, etwa die von der jüdischen Weltverschwörung, oft offizielle Positionen von Politik oder Medien.

    Wer glaubt daran?

    Grundsätzlich sind wohl alle Menschen empfänglich für Verschwörungstheorien. Es gibt allerdings einige Faktoren, die Verschwörungsglauben begünstigen können, sagt Michael Butter. Zum Beispiel der Bildungsgrad. Wenn Menschen viele verschiedene Erklärungsmodelle für die Welt kennenlernen, nicht nur in der Schule, sondern später auch an der Uni oder in der Ausbildung, dann kann dieses analytische Denken vor Verschwörungstheorien schützen.
    Auch ein gefühlter Kontrollverlust kann anfälliger für konspiratives Denken machen. Wer beispielsweise Angst hat, dass das Geld im Alter nicht reiche, sich nicht von der Politik gesehen fühle und in prekären Verhältnissen lebe, der suche vielleicht eher nach anderen Erklärungsansätzen für seine Misere, sagt Butter.
    Auch ältere Menschen neigen Experten zufolge in einer Lebensphase mit vielen Umbrüchen eher zu Verschwörungsglauben und zeigen sich empfänglicher für Esoterik als junge Menschen.
    Dass Esoterik und Verschwörungsglauben eng beieinanderliegen, hat auch die Sozialpsychologin Pia Lamberty gezeigt. Sie verweist darauf, dass der Glaube an esoterische Welterklärungsmodelle durch ähnliche Faktoren befeuert werde wie Verschwörungserzählungen. Das ist oft so ein Kontrollverlust, also eine Situation, in der Menschen versuchen, Strukturen zu finden, beispielsweise nach Lebenskrisen. In solchen Situationen kann Esoterik scheinbar Halt bieten, genauso wie der Glaube an Verschwörungen.

    Wann werden Verschwörungstheorien gefährlich?

    Verschwörungstheorien werden immer dann besonders problematisch und gefährlich, wenn sie sich mit größeren Ideologien und Weltanschauungen verbinden, wie etwa Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus oder Autoritarismus.
    Verschwörungstheorien könnten dann, wenn sie als soziale Praxis gelernt werden, Instrumente des Machterhalts und auch der Mobilisierung sein, erklärt Butter. US-Präsident Donald Trump sei etwa jemand, der sehr schnell und sehr gut verstanden habe, wie man Verschwörungstheorien in den USA politisch einsetzen kann, etwa die von der gestohlenen Wahl. Dabei gehe er aber noch sehr vorsichtig vor, so Butter, und lasse sich bei dem, was er sage, eigentlich immer einen Ausweg offen.

    Was kann man gegen sie tun?

    Aus der Forschung sei bekannt, "dass man den meisten von uns, wenn wir feste Überzeugungen haben, nicht mit Fakten zu kommen braucht", sagt Butter. "Weil wir dann an diesen Überzeugungen im Grunde noch umso mehr festhalten." Gerade heutzutage, wo es nicht der Normalfall sei, an Verschwörungstheorien zu glauben, definierten sich Menschen über den Glauben an diese Vorstellungen.
    Die gute Nachricht ist laut Butter: Wirklich resistent gegen Fakten, also unzugänglich für zum Beispiel wissenschaftliche Belege, seien nur wenige Menschen. Wichtig sei es deshalb vor allem, im Gespräch zu bleiben, so der Experte, und dabei eventuell das Thema Verschwörungstheorien auch ganz auszuklammern. Denn wenn man mit Menschen, die Verschwörungserzählungen glaubten, nicht mehr spreche, dann vereinsamten diese. Das zeigten mittlerweile auch Studien.
    Und sie suchen sich dann tendenziell ihre sozialen Kontakte dort, wo sie sich verstanden fühlen. Wenn das dann Leute seien, die das Ganze antisemitisch oder rassistisch aufladen, dann werde es problematisch.
    Verschwinden werden Verschwörungstheorien wohl nie, sagt Michael Butter, auch weil kaum jemand immun dagegen ist.

    gue