Deutschland
Vize-Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Brechtken: "Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll"

Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, sieht den Beginn einer neuen Ost-West-Debatte. Viele Westdeutsche hätten mittlerweile die Nase voll angesichts der ständigen Klagen aus dem Osten, sagte Brechtken der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

    Prof. Magnus Brechtken während einer TV-Aufzeichnung.
    Prof. Magnus Brechtken ist stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. (picture alliance / rtn - radio tele nord)
    "Wir sind an einem Punkt, an dem es für die Menschen im Westen vorrangig erscheint, sich um die eigenen Belange zu kümmern", sagte der Historiker. Plakativ bewege sich die Botschaft an den Osten dahin: "Wenn ihr unzufrieden seid, dann bleibt es halt, aber bitte nicht mehr auf unsere Kosten!" Immer mehr Menschen im Westen wollten diese Auseinandersetzung führen, zeigte sich Brechtken überzeugt.

    Abgrenzungsidentität im Osten

    Brechtken vermisst in Ostdeutschland eine rationale Analyse für Ursachen der Unterschiede zwischen Ost und West. Das regionale Eigenbewusstsein (im Westen) spiegele sich nicht in der Wahl rechtsextremistischer Parteien nieder. Anders sei das in Ostdeutschland, so Brechtken. "Auch wenn die Krisensymptome im Ruhrgebiet oder in Flensburg vielleicht ähnliche sind wie in Magdeburg oder Dresden, sucht man im Westen immer noch nach anderen Lösungen."

    Sehnsucht nach Lösungen durch "Staat und Autorität"

    Brechtken sieht in Ostdeutschland eine "tradierte Sehnsucht nach Lösungen durch Staat und Autorität". Darüber müsse man diskutieren, wenn man über die Wähler in den neuen Bundesländern spreche, betonte Brechtken. Er rechnet mit einer grundlegenden Reaktion nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland.
    "Wenn die AfD in einem Bundesland regieren sollte und Personen, die an völkischen Rassismus und Verschwörungserzählungen glauben oder Putin für einen harmlosen Menschen halten, für die Geheimdienste zuständig sind, dann muss der Rechtsstaat Vorkehrungen treffen und die Gesellschaft sich verteidigen."
    Auf sicherheitspolitische Gefahren und eine noch größere Spaltung der Gesellschaft unter einer völkisch-identitären politischen Führung hinzuweisen, sei keine Bevormundung, sondern ein notwendiger Beitrag zur öffentlichen Debatte, meinte der Historiker.
    Diese Nachricht wurde am 22.08.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.