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Vom Krieg in die Vorlesung

US-Veteranen muss ein Studium ihrer Wahl bezahlt werden. So sieht es ein Gesetz aus dem Jahr 1944 vor. Doch nicht immer tun sich die ehemaligen Soldaten leicht mit dem Wechsel vom Kriegsschauplatz in den Hörsaal.

Von Gunnar Schultz-Burkel |
    "Ich heiße James Reimers, bin 24 und ging 2005 direkt nach der High School zur Armee." Reimers ist einer der ältesten Studenten am Sierra College, aber nicht der älteste.
    Jay Blake ist ein Ex-Marinesoldat und 37 Jahre alt. Beide waren im Irak stationiert und beide arbeiten jetzt an einem Uni-Abschluss. Das Studium bezahlt das Pentagon.

    Seit 1944 gibt es das "GI BILL"-Gesetz. Danach muss Veteranen ein Studium ihrer Wahl bezahlt werden. Nach Informationen des Veteranenverbands haben allein in den letzten beiden Jahren mehr als 600.000 Ex-GIs ein Studium aufgenommen.
    Aber für viele ist es nicht einfach, vom Krieg in die Vorlesung zu gehen.

    "Im Irak patrouillierte ich mit einer Waffe durch die Straßen und befahl Menschen, was sie zu tun hatten", erklärt Blake, "das geht hier natürlich nicht. Ich muss wieder lernen, wie man normal miteinander umgeht."

    "Etliche", meint die Studentenberaterin Catherine Morris, "fühlen sich hier verloren. Die haben zum Teil mehr Angst, in eine Vorlesung zu gehen als in ein Gefecht."

    Deshalb, weiß die 24 Jahre alte Studentin Crystal Turner, sind Reimers und die anderen Veteranen auf dem Campus meistens unter sich. Nicht ohne Grund, sagt James Reimers. Manchmal gehen ihm die sogenannten normalen Studierenden regelrecht auf die Nerven. "Wenn ich deren Probleme höre, greife ich mir nur noch an den Kopf. Deren größte Angst ist es, dass ihre Freundin ihnen keine SMS schickt. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir hinter uns haben."
    Er erlebte, wie in Bagdad eine 2000-Pfund-Bombe hoch ging. "Niemand überlebte und wir mussten die sterblichen Überreste einsammeln."

    Er will eigentlich nicht an den Krieg erinnert werden. Er hat, sagt er, einen Teil seines Hirns einfach abgeschaltet. Jetzt studiert er Ingenieurwissenschaften.
    "Und dabei muss ich mein Hirn wieder einschalten", sagt er, "aber das will nicht immer so, wie ich es will ..."

    Unterstützung von der Uni gibt es kaum oder gar nicht. Die meisten Hochschulen haben keine Programme, um den Vets beim Einstieg ins Uni-Leben zu helfen. Und es kommt noch schlimmer. Das Pentagon hat die Zuschüsse für seine Veteranen drastisch gekürzt. Hinzu kommt, dass man die Vets nicht bevorzugen kann und will, erklärt Willy Duncan, Präsident des Sierra College. "An unserer Hochschule sind 800 Veteranen eingeschrieben, aber wir haben insgesamt 20.000 Studierende. Wir können nicht Sonderprogramme nur für Ex-GIs aufbauen - wir müssen an alle denken."

    Die einzige Konzession: Es gibt einen Ruheraum nur für die Vets. "Wenn jemand plötzlich eine Panikattacke bekommt, weil er von der Erinnerung an ein Gefecht eingeholt wird, dann kann er sich aus der Vorlesung verdrücken und sich dort beruhigen", sagt Studentenberaterin Morris.

    Was übrigens nicht alle Professoren tolerieren. Wenn jemand ein Seminar oder eine Vorlesung mehrmals verlässt, kann er damit rechnen, dass ihm das Semester nicht anerkannt wird. Muss nicht sein, kann aber sein.

    Alles in allem, so die Erfahrung der meisten Hochschulen, sind die Vet-Studenten sehr fleißig und nicht selten sogar besser vorbereitet als die anderen Studierenden. Das liegt vermutlich daran, dass sie bereits völlig andere Lebenserfahrungen gemacht haben als ihre Kommilitonen. "Sie sind", meint Morris, "sehr konzentriert bei der Arbeit und ihre Noten sind im Schnitt sogar besser." Beispiel James Reimers – er hat im letzten Semester nur Einsen und Zweien erhalten.