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Vom Preis des Lebens im Pariser Milieu

Simone de Beauvoir hat sie berühmt gemacht, sie gewann Literaturpreise, trat im Fernsehen auf: 1965 schien die französische Autorin Albertine Sarrazin den Durchbruch geschafft zu haben. Doch nur zwei Jahre später starb des "literarische Wunderkind". Ihr Erstling "Astragalus" ist jetzt neu übersetzt erschienen.

Von Angela Gutzeit | 14.07.2013
    Es ist kaum möglich, sich Albertine Sarrazin als arrivierte Autorin vorzustellen. Aber 1965 schien sie tatsächlich diesen Sprung gemacht zu haben. Ihre Romane L‘astragale" und "La Cavale", die beide gleichzeitig im Pauvert-Verlag erschienen, begeisterten die Pariser Literaturszene. Simone de Beauvoir machte sie berühmt. Sie gewann Literaturpreise, trat im Fernsehen auf. Film- und zahlreiche Übersetzungsrechte wurden erworben. Und die Pariser Bohème fand es schick, das literarische Wunderkind aus der Unterwelt zu gesellschaftlichen Anlässen einzuladen. Aber wer weiß schon, welche Höhen und Tiefen das Leben für Albertine Sarrazin, die über ein Viertel davon in Besserungsanstalten und Gefängnissen verbrachte, noch bereitgehalten hätte. Zwei Jahre später, mit nur 29 Jahren, war es zu Ende. Und so hat ihr früher Tod dafür gesorgt, dass Albertine Sarrazin der Nachwelt als genialische Chronistin ihres ruhelosen Lebens im Kreis von sogenannten "Schwererziehbaren", Kleinkriminellen, Prostituierten, und Häftlingen in Erinnerung bleibt.

    Hinterlassen hat Sarrazin drei Romane. "L‘astragale" erzählt von einer dramatischen Flucht und dem Beginn einer großen Liebe, "La Cavale" vom Leben hinter Gittern und "La Traversière", der einzige Roman, den sie in Freiheit schrieb, von der Rückkehr ins soziale Leben zusammen mit dem Geliebten. Vielleicht ist Sarrazins Erstling, "L‘astragale", ihr brillantester Wurf, der nun in der Neuübersetzung von Claudia Steinitz vorliegt. Nicht zuletzt ihrer Wortkunst und Einfühlsamkeit ist es zu verdanken, dass der Roman der damals 27-jährigen Autorin nun auch in deutscher Sprache wieder eine überzeugende Form gefunden hat und sein großes schöpferisches Potenzial entfalten kann.

    Der Roman "Astragalus", so der deutsche Titel, beginnt mit einem verhängnisvollen Sprung, der zwar in die Freiheit führt, aber gleichzeitig in neue Abhängigkeiten der jungen Ich-Erzählerin.

    "Der Himmel war mindestens zehn Meter weiter weg. Ich blieb sitzen, nur keine Eile. Der Aufprall hatte wohl die Steine zerschmettert, meine rechte Hand tastete über Kiesel. Mit jedem Atemzug dämpfte die Stille die explodierenden Sterne, deren Funken noch in meinem Schädel prasselten. Die weißen Flächen der Steine leuchteten schwach in der Dunkelheit. Meine Hand löste sich vom Boden, strich über den linken Arm hinauf bis zur Schulter, über Rippen hinunter bis zum Becken: nichts. Ich bin unversehrt, ich konnte weiter."

    Das stellt sich als Irrtum heraus: Anne, Albertine Sarrazins Alter Ego, kann nicht mehr laufen. Sie hat sich beim Sprung von der zehn Meter hohen Mauer des sog. 'Schulknasts‘ den Fuß verletzt. Wie sich später herausstellt, ist der Astragalus, ein Knöchelchen im Sprunggelenk gebrochen. Sie kriecht in winterlicher Nacht zur Straße. Sie will in das 40 Kilometer entfernte Paris, wo sie sich auskennt. Sie muss weg von diesem Ort, bevor ihre Flucht bemerkt wird. Ein Lastwagenfahrer bremst, will ihr zwar helfen, aber nicht mit einer Ausbrecherin erwischt werden. Und so hält er Ausschau nach einem weiteren Fahrzeug. Dann hält ein Auto. Sein Fahrer, der nicht allein ist, versteckt Anne im Unterholz und verspricht ihr, sie in Kürze zu holen.

    Das Warten und der Schmerz sind in dieser Geschichte allgegenwärtig. Sarrazin findet für die widersprüchliche Gefühlslage ihrer Heldin kraftvolle Bilder. Und man muss es noch einmal hervorheben: Claudia Steinitz, die Übersetzerin, versteht es großartig dieses Spannungsverhältnis zwischen Lakonie, Trotz, Angst und Verlassenheit fein auszutarieren. Frühere Übersetzer haben zum Teil zu starke Kontraste gesetzt. Aber mit Anne tritt uns eine widersprüchliche Figur entgegen, die gekonnt Robustheit vortäuscht, als sei ihre neue Lebenslage ein interessantes Experiment. Eine Art Erstaunen wohnt dem inne, das gleichzeitig aber Unbedarftheit und Hilflosigkeit offenbart. Und selten ist körperlicher Schmerz derart anschaulich geschildert worden.

    "Ich hatte ein neues Herz im Bein, das noch ziemlich unrhythmisch, unregelmäßig auf das andere antwortete. Da oben waren die schwarzen Äste vor dem eisigen Himmel erstarrt. Auf der Straße fuhren Autos vorbei und entfernten sich, keins wurde langsamer, keins bog zu mir ab. Der Mann musste wohl oder übel zurückkommen, denn ich hatte nicht mehr die Kraft, noch einmal mein Glück zu versuchen, und man durfte mich dort am Morgen nicht finden. Um mein Bein machte ich mir keine Sorgen, das würde auf jeden Fall versorgt werden. Der Schmerz hatte sich schon eingelebt, er spazierte durch meinen Körper, besuchte jeden Winkel und ließ ihn im Vorbeigehen steif werden. Ein brennendes Streichholz. Eine Sternschnuppe, ein Nebelscheinwerfer. Nein, es ist der Schmiedeofen meines Knöchels, der den ganzen Pfad erleuchtet."

    Der Fahrer kommt tatsächlich zurück. Er heißt Julien und wird die Liebe ihres Lebens. Zuerst versteckt er die Verletzte, die mittlerweile ihr Bein nicht mehr bewegen kann, bei seiner Mutter. In drangvoller Enge leben dort auch noch die Schwester, ihr Mann und zwei Kinder. Es gibt keine großen Debatten über ihr ‚woher‘ oder ‚wohin‘. Auch nicht über die nächtlichen Streifzüge Juliens oder darüber, dass er mit vielen großen Scheinen Annes Operation unter falschem Namen im Krankenhaus bar bezahlt. Trotz der Fürsorge Juliens - von nun an ist sie immer nur "die Lieferung". Zur Tatenlosigkeit verdammt, muss sie sich mit Fremden, die sie aufnehmen, arrangieren. Hinter den Fassaden gespielter Wohlanständigkeit, das merkt sie schnell, ist immer etwas faul. Es ist die Welt der kleinen Gauner, Diebe und Knastbrüder - wie wir sie aus den Filmen Godards, Truffauts oder aus den Büchern Jean Genets kennen. Nur spielt in diesem Buch eine Frau die Hauptrolle und die wittert den Stallgeruch der Unterwelt nur allzu schnell.

    "Als ich im Bau war ...", sagte Julien. Ich wusste es! ‚Mach bloß den Mund nicht auf. Dieser schleichende Gang, wie im Profil, unsere unerklärliche, absolute Verwandtschaft vom ersten Moment an ... Ginette hatte mir zwar gesagt, ihr Bruder sei ein "Gauner", aber ich hatte das nur als Freundlichkeit mir gegenüber aufgefasst, weil ich aus dem Bau kam. Lange vor ihren Worten hatte ich Julien erkannt. Es gibt Stigmata, unsichtbar für alle, die nie im Knast waren, eine Art zu sprechen, ohne die Lippen zu bewegen, während die Augen zur Tarnung Gleichgültigkeit oder das Gegenteil vom Gesagten ausdrücken; die Zigarette in der hohlen Hand; nachts zu handeln oder auch nur zu reden, nach dem Schweigezwang des Tages."

    Albertine Sarrazin schrieb in ihren drei Romanen über ihr eigenes Leben. Wie in "Astragalus" pendelte es zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Haft und einer immer bedrohten und zweifelhaften Freiheit. Der Sprung von der Mauer, der kaputte Fuß, mehrere Operationen, die Liebe zu Julien, die wechselnden Quartiere in der immer gleichen Grauzone des zwielichtigen Milieus - alles das ist aus dem eigenen Erleben geschöpft. Claudia Steinitz bezeichnet das Buch in ihrem ‚Erlebnis-Bericht‘ über diese Neuübersetzung deshalb auch als "verdichtete, gestaltete Autobiografie".

    Albertine Sarrazin wurde als Anne-Marie Albertine Damien 1937 in Algier geboren und wuchs dort und in Frankreich als Adoptivkind eines Militärarztes auf. Offenbar fehlte es ihr in dieser Familie an liebevoller Fürsorge. Ihre leibliche Mutter, die bei ihrer Geburt 15 Jahre alt gewesen sein soll, hat sie nie kennengelernt. Mit zehn Jahren wird das Kind von einem Verwandten der Adoptiveltern vergewaltigt. Als sie von zu Hause ausreißt, stecken die Eltern sie in eine Besserungsanstalt und entziehen ihr den Taufnamen Anne-Marie. Wohl deshalb hat die Autorin ihrer Heldin den Namen Anne gegeben und damit die Enteignung zumindest in der Literatur rückgängig gemacht. Es folgen Diebstahl- und Überfall-Delikte und dann im Wechsel ein Leben im Knast, auf der Flucht, in Verstecken, als Prostituierte auf der Straße, immer begleitet von Alkoholexzessen. Gleichzeitig schreibt sie aber auch, liest viel und holt im Gefängnis ihr Abitur nach. Nach einem gemeinsamen Delikt sitzen Albertine und ihr Liebhaber Julien sogar einmal gleichzeitig in ein- und demselben Zuchthaus, heiraten während dieser Zeit und leeren im Gefängniswagen während der Fahrt zum Standesamt eine Flasche Champagner. "Sie hielten mir die Buddel an den Mund", ist in ihrem Roman "La Cavale" nachzulesen, "Ich trank und trank, bis mir der Schaum aus den Augen triefte." Als sie beide entlassen werden, beziehen sie eine Zweizimmerwohnung in Paris, ganz legal und in der Absicht, sich nur noch u.a der Literatur zu widmen und dem kriminellen Dasein den Rücken zu kehren. Am 10. Juli 1967 stirbt Albertine Sarrazin nach einer Nierenoperation aufgrund ärztlicher Nachlässigkeit.

    Das ist praller Lebensstoff! Vielleicht hätte er Geschichten für noch mehr als drei Bücher bereitgehalten. Die unruhigen 60er Jahre waren günstig für skandalöse Außenseiter-Romane. Die Folgen von Frankreichs grausamem Algerienkrieg wühlte die Nation auf. In den intellektuellen politischen Zirkeln von Paris wurde heiß diskutiert über Imperialismus, Kolonialismus, Feminismus und Formen des Widerstands. Es war auch die Zeit als der Stern des Ex-Häftlings und Dichters Jean Genet am internationalen Literaturhimmel aufging. In Frankreich hatte er längst Kultstatus. Eine schreibende Ganovin, eine kleine, energiegeladene Frau mit den schwarz umrandeten Augen einer Juliette Greco, passte da nicht schlecht ins Bild. Aber es war nicht nur ihr Leben, das faszinierte. Es war vor allen Dingen ihre Sprache, die es vermochte, dieses Leben in vibrierende Kunst zu verwandeln. Patti Smith, diese amerikanische Punk- und Rock-Ikone, schreibt in ihrem euphorischen Nachwort zu "Astragalus" sogar, dass ihre eigenen frühen Gedichte ohne dieses Buch, das sie 1968 in einer Ramschkiste eines Buchladens im New Yorker Greenwich Village fand, wohl niemals zu ihrer Schärfe gefunden hätten. Es lohnt sich, aus dieser Eloge auf eine Schriftstellerin, deren Debüt Patti Smith immer bei sich trug wie eine heilige Schrift, ein paar Zeilen zu zitieren.

    "Sie war keine eins fünfzig groß, aber alles andere als ein zittriger Däumling. Vielmehr ein Stück Dynamit, das einen bei der Explosion wenn nicht töten, so doch in jedem Fall verstümmeln würde. Sie besitzt einen ganz eigenen, lebendigen Slang, ein mit lateinischen Einsprengseln durchsetztes Argot. Ein weiblicher Genet? Sie ist einfach sie. Sie hat einen unverwechselbaren, gehobenen Pokerface-Stil zwischen Poesie und Kriminalroman: ‚Ich war irgendwann vor Ostern abgehauen, aber nichts erstand auf.‘ Dieser lyrische Scharfsinn - ‚spottend und geläutert‘ - durchzieht ihre Erzählung. Albertine, die kleine Heilige der schreibenden Außenseiter."

    Dieser "Pokerface-Stil zwischen Poesie und Kriminalroman", wie Patti Smith schreibt, leuchtet perfekt Sarrazins literarisches Alter Ego aus, das mit ihrem verletzten Bein eigentlich nur zum Warten verdammt ist, dabei Unmengen Alkohol und Zigaretten konsumiert, ihren Julien verflucht, weil er kommt und geht, wie er will, und ihn dann doch wieder inniglich liebt. Anne wird hin- und hergeschoben - von der Familie Juliens in eine Freundesfamilie, deren heruntergekommenes Hotel künftig Kunden des horizontalen Gewerbes dienen soll. Dann bringt Julien sie in Paris bei einer ehemaligen Prostituierten unter, die sich vom Krawattennähen ernährt. Bis zu dem Moment, wo sie wieder laufen kann, passiert also nicht viel in diesem Roman. Spannung erzeugt allein ein Erzählstil, der Dialog, inneren Monolog, direkte und indirekte Rede im flotten Wechsel und auf unterschiedlichem Sprachniveau ineinander schiebt. Sarrazin lässt ihre Protagonistin die Lebenswelten, in die sie geraten ist, abtasten. Sie erkennt, dass ihre Freiheit in diesem Milieu ständig Gefahren ausgesetzt ist, Gefahren der Entdeckung, des Verrats, der Ausbeutung, des Ausgeliefertseins. Der Griff zur Falsche spült dann für kurze Zeit die Angst und die Wut weg.

    Neben der Sprache sind es die Milieuschilderungen, die Sarrazins Romane so lesenswert machen. In "La Cavale", der deutsche Titel lautet "Der Kassiber", muss sich die Protagonistin in einem Untersuchungsgefängnis eine Gemeinschaftszelle mit vielen anderen Frauen teilen. Sarrazin zieht den Leser tief hinein in diese Vorhölle des Knastalltags der 60er Jahre, wo jeder Neuzugang sofort seine Duftmarke setzen muss, um Status und Anspruch zu signalisieren.

    In "Astragalus" zieht die Ich-Erzählerin von Versteck zu Versteck und gibt damit Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse der illustren Halbwelt. Ihre dritte Station ist Paris. Endlich kehrt sie heim in vertraute Viertel, bevölkert von Gaunern, Huren und Überlebenskünstlern. Noch ist sie auf die Krücke angewiesen und abhängig von fremder Hilfe. Wo kann man besser unterkriechen als in diesen heruntergekommenen Stadthäusern mit ihren abgeblätterten Fassaden und dunklen Schächten? In den engen Hinterhöfen hängt Wäsche, liegt Müll, spielen Kinder. Und waschen kann man sich nur am Ende des Flures auf dem Klo. Man kennt sich, aber traut sich nicht. Besser ist es den Riegel vorzuschieben, um die Habe aus trüben Quellen zu schützen. Das sind großartige, sinnliche Schilderungen, in denen das Nachkriegs-Paris und seine Arbeiterviertel bildhaft Kontur gewinnen. Und in dieses Zeit- und Milieubild setzt Sarrazin Figuren, die sich am Rande oder jenseits der Legalität durchs Leben wursteln, erschöpft, oft schon früh verbraucht, aber in all ihrer Schlampigkeit und Armut doch um Haltung bemüht - zum Beispiel Annie, Annes dritte Gastgeberin.

    "Im Taxi erklärt mir Julien, dass meine neue Gastgeberin eine "frühere Prostituierte ist, ihr Kerl sitzt in der Santé, und sie lebt allein mit ihrer kleinen Tochter". Annie, Exnutte - Matrone? Püppchen? Ich habe ein bisschen Schiss. Nein, sie ist weder das eine noch das andere. Sie ist hässlich, von klarer, eckiger, gepflegter Hässlichkeit: Pferdekopf, klappriger Körper in einem billigen Flitternegligé, große Füße in Hausschuhen, vermutlich elegante Beine. (...) Entschuldigen Sie, ich habe keinen Aperitif. Ich schick Nounouche. Nounouche!", ruft sie aus dem Fenster. Ihr Oberkörper ist draußen, berührt fast den Baum, den großen Baum, der explosionsartig in dem grauen, erstickten Innenhof hochgeschossen ist."

    Von hier an nimmt der Roman Fahrt auf. Die zunehmende Mobilität und wiedererlangte Handlungsfähigkeit Annes ermöglicht ihr, an alte Bekanntschaften und Tätigkeiten anzuknüpfen. Um Selbstständigkeit bemüht, sucht sie sich Freier, immer auf der Hut vor der Polizei. Das Klima ist hier spürbar rauer als im Umland der Großstadt. Und so verändert sich auch der Ton. Die Sprache bekommt etwas Hartes, Trotziges.

    "Ich flaniere nicht auf dem Strich, ich habe keine Zeit, ich mag die Straße nicht, und ich bin schließlich nicht nur Nutte. Ich mach es, weil es schnell geht, weil es weder feste Arbeitszeiten noch eine Ausbildung verlangt - nur so wenig: Vor den Pfoten der Zuhälter und der Hinterhältigkeit mancher Kunden habe ich mich schon mit sechzehn gehütet, und inzwischen hat sich nicht viel verändert ... Angst habe ich nur vor den Bullen, da ich nicht das geringste Papierchen habe, das ich ihnen bei einer Razzia präsentieren könnte. Aber ich wechsle ständig die Straße, das Hotel, das Aussehen, ich schnüffle an den Passanten, bevor ich ihnen antworte."

    Sarrazins Heldin entfaltet nun geradezu explosionsartig ihr kriminelles Potenzial. Um sich und ihrer großen Liebe Julien ein Startkapital für ein gemeinsames Leben zu verschaffen, nutzt sie einen Kunden aus, der sie liebt. Sie bricht nachts in sein Büro ein und stiehlt einen großen Geldbetrag, von dem der Mann ihr unvorsichtigerweise erzählt hatte. Aber der Aufbruch des Paares in die große Freiheit misslingt.

    Ein bisschen fühlt man sich bei diesen rasanten Schilderungen über Verbrechen und Liebe an Bonnie und Clyde erinnert, nur dass der Weg von Anne und Julien im Roman und genauso von Albertine und Julien Sarrazin in der Wirklichkeit zum Glück nicht von Leichen gepflastert war - wie es bei den Beutezügen des amerikanischen Gangster-Paares der Fall war. Aber für alle legendären Verbrecher-Paare gilt: Sie umweht ein Hauch von Romantik. Die Filmindustrie - z.B. im Fall der Verfilmung von "Astragalus" mit Marlène Jobert und Horst Buchholz in den Hauptrollen - wusste das bestens zu bedienen.

    Aber "Astragalus" ist durchaus auch ein romantisches Buch. Seine Autorin hat hier eben vor allen Dingen über den Beginn ihrer großen Liebe geschrieben, über zwei Gestrauchelte, die sich eine gemeinsame Zukunft erträumen. Das verleiht ihnen und ihren Verfehlungen eine Spur von Unschuld und Kindlichkeit. Dabei hat Albertine Sarrazin ihre Protagonistin und damit sich selbst durchaus nicht geschont. Niemals rutscht sie ab ins Klischee, in die Idylle. Das Leben im Milieu dieser Art hatte seinen Preis, prägte das Verhalten. Und Sarrazin macht das in ihrem Roman deutlich, indem sie das Luderhafte, Gemeine und Schmutzige ihrer Ich-Erzählerin, da, wo es plötzlich hervortritt, in der Sprache oder in ihren Handlungen, nicht verniedlicht. Albertine Sarrazin wollte wohl wirklich erzählen, wie es war oder zumindest: wie sie es empfand - dieses Leben im Abseits, mit Julien. Sie hat das mit Bravour gemeistert. Sie hatte enormes Talent. Und Patti Smith hat recht: "Astragalus" ist große Literatur.

    Albertine Sarrazin: Astragalus. Roman. Hanser Berlin. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. 232 Seiten. 19.90 Euro.