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Von der Magie des Augenblicks

Sie wird ganze Nationen in ihren Bann schlagen, auf allen fünf Kontinenten des Erdballs. Die jetzt beginnende Fußballweltmeisterschaft steht beispielhaft für die globale und nahezu ungebrochen hohe Faszination von Sportereignissen. Was hat der Sport, was die Politik nicht hat? Worin liegt seine besondere Attraktivität begründet?

Von Astrid Rawohl und Wolfram Eilenberger | 14.06.2014
    Der brasilianische Abwehrspieler und Kapitän Cafu küsst bei der Siegerehrung im Konfetti-Regen den eroberten WM-Pokal. Brasiliens Fußballnationalmannschaft gewinnt am 30.06.2002 im International-Stadion in Yokohama das Endspiel der 17. Weltmeisterschaft gegen Deutschland mit 2:0. Die Südamerikaner sichern sich mit diesem Sieg als Rekord-Weltmeister ihren fünften Titel. Cafu, schon Weltmeister 1994 geworden, bestritt sein drittes WM-Finale in Folge
    Lohn der Mühe: Der Sieger darf im Fußball am Ende auch mit den Händen zugreifen (picture alliance / dpa / Antonio Scorza)
    Und warum sind es ausgerechnet die historisch vergleichsweise jungen Mannschafts- und Ballsportarten, die einen besonders hohen Identifikationswert besitzen? Darüber sprechen in dieser Langen Nacht der Literaturwissenschaftler Sepp Gumbrecht und die Philosophen Peter Sloterdijk und Gunter Gebauer.
    Sport ist körperlich, stellt den menschlichen Leib in den Mittelpunkt seines Interesses. Von den Bildmedien werden die Bewegungen, das Aussehen, das Können der Athleten in jeden Winkel der Erde getragen. Ihre Körper werden zu Modellen für die Freizeitsportler. Ein sportlicher Körper muss in unzähligen Übungen, mit asketischem Fleiß und unerbittlicher Disziplin erworben werden. Der ehemals spirituell oder religiös motivierte Wunsch, sein Leben zu ändern, es zu beherrschen und dadurch ein Anderer zu werden, wird heute mit anderen Worten eher in Praktiken des Sports verwirklicht. Offenbart sich hier eine neue kulturelle Einstellung zum Körper? Ist Sport die moderne Form einer Sorge um das Selbst? Leistungssport beruht auf Konkurrenz und Optimierung - und fördert damit auch kapitalistische Leitwerte. Der sportliche Wettkampf stellt einen Konflikt dar; er ist ein ernstes reales Geschehen. Mit seiner Dramatik wirkt es auf die Wettkämpfer und die Zuschauer - es erzeugt bei ihnen Emotionen, Einbildungen und Vorstellungen, die in ihrem psychischen Leben lange Nachwirkungen haben und indirekt die Gesellschaft verändern können. Die sportliche Konkurrenz wird durch explizite Regeln organisiert, die von allen Teilnehmern anerkannt werden; strittige Fälle werden von Kampfrichtern und Schiedsrichtern entschieden, deren Spruch nicht angezweifelt werden kann. Ihre grundlegende Bedingung ist, dass sie nicht Ernstfall ist - sie wird nicht auf Leben und Tod, aber doch mit größter Ernsthaftigkeit und Konsequenz betrieben. Aufgrund dieser Distanzierung vom Ernstfall ist es möglich, eine reflexive Haltung zum Wettkampf einzunehmen. So kann er als Modell für andere Lebensbereiche und als Verwirklichung eines bestimmten Handlungs- und Lebensstils verstanden werden.
    Während des Wettkampfes ist das Handeln allerdings ausschließlich auf den Augenblick gerichtet, in dem es geschieht. Nirgendwo sind Athleten wie Zuschauer so sehr auf ein Ereignis konzentriert, in dem sich das Können und die Schönheit der Athleten enthüllen: in der perfekt gekonnten Bewegung des Schwimmers, im plötzlichen Torschuss, im kaum wahrnehmbaren Vorsprung im Ziel. In Momenten wie diesen erfahren wir die Fülle und Präsenz des einzigartigen Augenblicks - und auch die biografische Gewalt, die mit einem endgültigen Scheitern verbunden sein kann.
    Der unbestrittene globale König unter den Sportarten ist der Fußball. Er hat innerhalb von weniger als 150 Jahren von einem Freizeitvergnügen für englische Internatsschüler die Welt erobert. Wie ist das zu erklären? Was macht Fußball schön? Fußball ist das einzige Spiel, das den Gebrauch der Hände verbietet: Der Mensch verzichtet freiwillig auf seinen geschicktesten Körperteil und versucht mit seinen Füßen den Ball, das schwierigste Sportgerät überhaupt, zu beherrschen. Der Körper muss vollkommen umgestaltet werden, um sich die Geschicklichkeit der Hände anzueignen. Dies gelingt ihm manchmal auf unglaubliche Weise; weitaus häufiger scheitert er jedoch am Zufall. Wie der Mensch sich im Fußball neu erfindet, um den Zufall und den Gegner zu besiegen, auch das ist Thema dieser Langen Nacht.
    Wolfram Eilenberger
    Diskussionsrunde zur Faszination des Sports: Hans Ulrich Gumbrecht, Astrid Rawohl, Gunter Gebauer, Wolfram Eilenberger und Peter Sloterdijk (v.l.)
    Diskussionsrunde zur Faszination des Sports: Hans Ulrich Gumbrecht, Astrid Rawohl, Gunter Gebauer, Wolfram Eilenberger und Peter Sloterdijk (v.l.) (Deutschlandradio / Monika Künzel)
    Moderation:
    • Astrid Rawohl und Wolfram Eilenberger
    Gäste:
    Lese- und Hörtipps zur Langen Nacht:
    Gunter Gebauer: "Deep Play. Philosophie des Fußballs"
    Gelesen von Stefan Kaminski und Gunter Gebauer
    1 CD
    Gesamtlaufzeit: 63 Minuten
    Preis 12,00 Euro
    ISBN 978-3-940018-14-4
    Erscheinungstermin: 1. Juni 2014
    Gunter Gebauer spürt der Faszination nach, die das Fußballspiel in allen Ländern, Altersgruppen und sozialen Schichten auslöst, indem er es als kulturelle Errungenschaft im Kontext von anderen betrachtet. Seine überraschenden Einsichten und Gedanken teilt er mit uns auf diesem Hörbuch, das insofern ein Originaldokument ist, als ihm keine Buchfassung zugrunde liegt.
    Hans Ulrich Gumbrecht
    "Lob des Sports"
    Suhrkamp Verlag 2005
    "Nach 1945: Latenz als Ursprung der Gegenwart"
    von Hans Ulrich Gumbrecht und Frank Born
    Suhrkamp Verlag 2012
    "California Graffiti: Bilder vom westlichen Ende der Welt"
    von Hans Ulrich Gumbrecht
    Carl Hanser Verlag 2010

    "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit"
    von Peter Sloterdijk
    Suhrkamp Verlag 2014
    "Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen"
    von Peter Sloterdijk
    edition suhrkamp Suhrkamp Verlag 2013
    "Gespräche über Gott, Geist und Geld"
    von Peter Sloterdijk und Thomas Macho
    Verlag Herder 2014)
    "Streß und Freiheit"
    von Peter Sloterdijk
    edition suhrkamp Suhrkamp Verlag 2011

    "Sport - Eros - Tod"
    herausgegeben von Gert Hortleder und Gunter Gebauer
    edition suhrkamp Suhrkamp Verlag 1986
    "Sport in der Gesellschaft des Spektakels"
    von Gunter Gebauer
    Academia Verlag 2002
    "Poetik des Fußballs"
    von Gunter Gebauer
    Campus Verlag 2006)

    "Wittgensteins anthropologisches Denken"
    von Gunter Gebauer
    Beck Verlag 2009
    "Sprachen der Emotion: Kultur, Kunst, Gesellschaft"
    herausgegeben von Gunter Gebauer und Markus Edler
    Campus Verlag 2014

    "Lob des Tores: 40 Flanken in Fußballphilosophie"
    von Wolfram Eilenberger
    Berlin Verlag Taschenbuch 2006
    "Der Tatort und die Philosophie: Schlauer werden mit der beliebtesten Fernsehserie"
    von Wolfram Eilenberger, Thea Dorn, Harald Welzer und Adam Soboczynski
    Tropen-Verlag Label von Klett-Cotta 2014)
    "Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben"
    von Wolfram Eilenberger
    Berlin Verlag Taschenbuch 2011