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Von Donnersmacks "Werk ohne Autor" beim Filmfestival in Venedig
"Eine obszöne Fatalität spricht aus dem Film"

Drei Jahrzehnte deutscher Geschichte im NS-Staat, der DDR und der jungen BRD erzählt der Film "Werk ohne Autor" anhand der Biografie eines deutschen Malers. Eine ästhetisch und historisch fragwürdige Spurensuche, sagte Katja Nicodemus im Dlf.

Katja Nicodemus im Gespräch mit Karin Fischer | 05.09.2018
    Florian Henckel von Donnersmarck vor dem Logo der Filmfestspiele in Venedig.
    Florian Henckel von Donnersmarck präsentierte seinen Film "Werk ohne Autor" bei den Filmfestspielen in Venedig. (dpa / picture alliance / Ekaterina Chesnokova)
    Karin Fischer: Ein veritables Geschichts-Epos scheint der deutsche Film "Werk ohne Autor" von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck zu sein, der gestern Abend auf dem Filmfestival von Venedig Premiere hatte. Donnersmarck wagte sich nach seinem erfolgreichen und Oscar-prämierten Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" von 2007 ja den Sprung nach Hollywood. Der Thriller "The Tourist" war jedoch ein Flop an der Kinokassen, trotz Starbesetzung - Angelina Jolie und Johnny Depp waren dabei -, und brachte ihm fast hämische Kritiken ein. Donnersmarcks neuer Film folgt der Biographie des Malers Gerhard Richter, die FAZ besprach den Film in Anspielung auf dessen Stil unter der Überschrift "Geschichte, frisch gewischt", und die deutschen Kritiker, die den Film gestern sehen, aber erst heute über ihn sprechen konnten, kommen zu einem durchwachsenen Urteil. Zur Diskussion stehen die epische Breite, die perfekte Oberfläche oder ein tatsächlicher Blick in die Gaskammer. Frage an die Filmkritikerin Katja Nicodemus: Was hatten Sie für einen Eindruck, wie kam der Film in Venedig an?
    Katja Nicodemus: Er kam eigentlich auch bei der internationale Presse durchwachsen an und die allerkritischsten Fragen bei der Pressekonferenz kamen auch von den deutschen Kollegen, die vielleicht bei diesem Thema eine besondere Sensibilität haben bei der deutschen Geschichte; und man merkte auch insgesamt, dass die Präsentation des Films von einer großen Anspannung umgeben ist, es geht eben um Donnersmarcks Comeback.
    Dreierlei Deutschland
    Fischer: Der Film basiert auf einem Buch von Jürgen Schreiber "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie", es geht um fast unglaubliche familiäre Verwicklungen in der NS-Zeit und in dem jungen Sozialismus. Wie nähert sich der Film diesem Geheimnis, und: ist er denn ein Geschichtsdrama oder ein Künstlerfilm?
    Nicodemus: Er will ausdrücklich beides sein. Donnersmarck nähert sich Richters Familiengeschichte und deren Hintergründen, indem er uns in eine allwissende Position versetzt. Wir wissen also immer ein bisschen mehr als der malende Held. Der Film teilt sich in drei Abschnitte: Richters Kindheit in der Nazizeit, er ist ja Jahrgang 1932; dann seine Ausbildung zum "Staatsmaler" in der DDR; und dann die Flucht gemeinsam mit seiner Frau in die BRD Anfang der 60er Jahre und das Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie. Und dieses Geheimnis, das Donnersmarcks Held nicht kennt, besteht in der Ermordung seiner Tante Marianne im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten, in das übrigens sein Schwiegervater auch verwickelt war. Auch das hat Richter erst ganz spät erfahren, und wir sehen eben allwissend dabei zu, wie diese deutschen Traumata und Verbrechen quasi unbewusst in Richters Werk einfließen.
    Fragwürdige Freiheiten des Films
    Fischer: Nun hat ein Regisseur gewisse künstlerische Freiheiten, auch gegenüber einer historischen Wirklichkeit. Wie setzt Donnersmarck diesen "wahren" Stoff denn um?
    Nicodemus: Er nimmt sich gewisse Freiheiten. Man kann sich bei bestimmten Fakten fragen, warum hat er das gemacht. Zum Bespiel: warum macht er Joseph Beuys zu Richters Lehrer, obwohl dessen aktionistischer, auch hochpolitisierter Kunstbegriff nichts mit Richter zu tun hat. Gut, der Gerhard Richter heißt im Film Kurt Barnert. Ich habe zweierlei Unbehagen, was die künstlerische Umsetzung oder Freiheit betrifft. Das Eine ist der ideologische Einsatz bestimmter Stilmittel. Christian Koch spielt eben Richters Schwiegervater, ein SS-Arzt, der wird nach Kriegsende von den Russen verhaftet und diese Russen werden von der Kamera aus der Untersicht aufgenommen. Diese Perspektive verzerrt ja die Gesichter ins leicht Fratzenhafte und der SS-Mann bleibt eine stattliche Erscheinung. Da fragt man sich, ja wen zeigt hier die Kamera jetzt eigentlich als Verbrecher? Und der zweite Punkt, Sie haben es auch angesprochen, der Blick in die Gaskammer. Wenn Richters Tante, oder Barnerts Tante da ermordet wird, wird ausführlich gezeigt wie sie da hineingeführt wird. Da gibt es eigentlich ein moralisch-ästhetisches Tabu. Das ist aber nicht das einzige Problem, sondern diese Szene wird mit einer Händel-Arie unterlegt und zusammenmontiert mit fallenden deutschen Soldaten und wiederum mit Bildern des brennenden Dresden. Aber ein Wehrmachts-Soldat hat einen anderen Opferstatus als eine Frau, die in der Gaskammer stirbt. Und aus dieser Montage spricht dann zum Beispiel eine fast obszöne Fatalität oder ein merkwürdiger Relativismus. Und das sind so diese Freiheiten bei denen man ein Unbehagen hat.
    Fischer: Die gleichwohl eventuell den Film ja konsumierbar machen für ein ausländisches Publikum. Er ist ja auch als bester ausländischer Film von deutscher Seite für die Oscars ausgewählt worden. - Wie geht denn, Katja Nicodemus, der Film mit der Kunst von Gerhard Richter um? Das ist ja auch ein bedeutender Teil davon.
    Nicodemus: Wir sehen, wie er zum Beispiel ein Foto dieser ermordeten Tante am Ende reproduziert und mit den für ihn berühmten Unschärfen verfremdet. Ich habe aber das Gefühl, letztlich macht der Film die deutsche Geschichte zum Material für den Künstler Richter, zum Material aus Opfern und Verbrechen, die dieser Maler dann wieder in Bilder verwandelt, die eben zu den erfolgreichsten des gegenwärtigen Kunstbetriebs gehören. Und diese mystische, auch mit Blätterrauschen übrigens gezeigte Transformation von historischen Verbrechen in Kunst, die hat so einen merkwürdigen Beigeschmack in dem Film. Letztlich wird hier impliziert, dass Alles etwas Schicksalhaftes hat, etwas Zwingendes. Und das Alles am Ende in Kunst mündet, in Bilder, die Alles gut ausgehen lassen und versöhnen.