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Vorreiter Thüringen
Einsatzwörterbuch für Feuerwehr

Deutschland wird bunter, vielsprachiger und für manchen auch gefährlicher, wenn er die Sprache nicht beherrscht. Zum Beispiel bei Unfällen, bei Bränden, bei Katastrophen. In welcher Sprache können Ärzte, Feuerwehrleute und mögliche Opfer kommunizieren? Die Feuerwehr in Thüringen geht neue Wege.

Von Henry Bernhard | 17.08.2016
    Einsatzwagen stehen am 07.06.2016 am Messegelände in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) vor einer in Brand geratenen Halle, die als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird.
    Das Einsatzwörterbuch, das das Thüringer Innenministerium entwickelt hat, ist in zehn Sprachen erschienen, wasserfest und nicht zerreißbar. (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)
    Es waren erschreckende Bilder, wie man sie aus Deutschland kaum und aus der thüringischen Provinz schon gar nicht kannte: Im August vergangenen Jahres versuchte in der Asyl-Erstaufnahmestelle Suhl eine aufgebrachte Menge von muslimischen Flüchtlingen, einen Wachraum zu stürmen, in dem sich ein Afghane zusammen mit dem Wachpersonal verschanzt hatte. Die Angreifer, die Feuer gelegt hatten und mit Eisenstangen und Steinen bewaffnet waren, wollten den Afghanen lynchen, weil er ein paar Seiten des Korans in die Toilette gespült hatte.
    Sprache als Problem
    Die Polizei konnte den jungen Mann retten, sich selbst aber nur mit Mühe vor dem aggressiven und Steine werfenden Mob in Sicherheit bringen. 17 Menschen wurden damals verletzt, darunter Asylbewerber, Polizisten und Wachleute. Feuerwehr und Rettungskräfte wurden selbst bedroht und konnten zunächst überhaupt nicht zu dem Feuer und den Verletzten vordringen. Für die Polizei, aber auch für Feuerwehr und Rettungskräfte ein Schock. Und für die Erstversorger vor allem auch ein Sprachproblem. Uwe Drewianka von der Bergwacht Thüringen war dabei.
    "Das war ein Riesen-Problem! Wenn wir dann rausgekriegt haben, welche Nationalität der Verletzte ist, zum Beispiel Afghanistan, gibt es ja in Afghanistan zig Dialekte. Es geht dann halt nur mit Händen und Füßen."
    Mit der Erkenntnis, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können, kam auch die Feuerwehr aus dem Einsatz am Asylbewerberheim. Daniel Wiegmann ist Pressesprecher der Feuerwehr Suhl.
    "Dieser Einsatz war absolut der auslösende Punkt, wo die ganzen Feuerwehren in Thüringen wachgerüttelt worden sind, wo man sich einfach gesagt hat: Was brauchen wir? Was könnte uns in bestimmten Situationen helfen? Was könnte auf uns zukommen? Bis dahin hatten wir einfach kein Werkzeug an der Hand, um mal schnelle, einfache Anweisungen den Bewohnern zu geben, um eben allein mit diesen einfachen Anweisungen Leben zu retten. Also, das geht bis dahin: "Bleiben sie in der Wohnung, halten sie die Türen geschlossen, gehen sie an ein Fenster!" Oder die Alternative: "Gehen sie ins Treppenhaus und verlassen sie das Haus!" Und Leben kann man nur retten, wenn man die Anweisungen auch kommunizieren kann."
    Auch auf der Thüringer-Wald-Autobahn und deren 12 km Tunnels wären oft Fremdsprachenkenntnisse nötig. Deshalb hat die Suhler Feuerwehr ein mehrsprachiges Einsatzwörterbuch angeregt, mit einfachen Begriffen und Sätzen in zehn Sprachen, darunter unter anderem Englisch, Russisch, Türkisch, Arabisch. Das Thüringer Innenministerium hat das Wörterbuch entwickelt, in Suhl hält Daniel Wiegmann nun den Prototyp in der Hand.
    "Wir haben jetzt das Exemplar 001 sozusagen! Die weiteren werden dann in den nächsten Tagen an die Feuerwehren in Thüringen ausgeliefert, die 3.000 Stück."
    Einsatzwörterbuch in zehn Sprachen
    Ein schlichtes Buch, 60 Seiten, solide geheftet, wasserfest, nicht zerreißbar, Taschenformat. Die wichtigsten Begriffe und Sätze jeweils in Deutsch, in der Fremdsprache und in einer einfachen Lautschrift. "Plies lief se bilding" heißt es etwa noch locker in Englisch, auf Urdu dann schon anspruchsvoller "Bara-e- Maharbani Ghar se bahar niklain!"
    "Also wir haben jetzt ganz bewusst nicht auf die typische standardisierte Leutsprache gesetzt, sondern so, dass der, der nicht sprachmächtig ist in der jeweiligen Sprache, es auch aussprechen kann. Das wird meistens in erster Linie auf das Zeigen an der Einsatzstelle gehen, dann kann der gegenüber lesen und dann kann man dann ganz gut kommunizieren."
    Ähnliches gebe es ansatzweise schon bei Feuerwehren in anderen Bundesländern, nirgends aber so umfangreich, einsatzpraktisch und vor allem auch mit einem reinen Bildteil, der thematisch sortiert Begriffe wie oben, unten, Fenster, Baum, Arm, Brust oder Keller zeigt.
    "Man hat auch Situationen, wo man nicht die Sprache findet da drinnen oder wo das Gegenüber nicht lesen kann; man hat es mit Kindern und Jugendlichen zu tun; und hier kann man durch die Bildsprache viel mehr erreichen. Wie sagt man so schön? Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."
    Flächendeckender Bedarf
    Zwar war die Situation im Suhler Asylbewerberheim ausschlaggebend für die Entwicklung des Einsatzwörterbuchs, Wiegmann sieht aber den Bedarf flächendeckend.
    "Wenn jetzt die Asylsuchenden auf die Gemeinschaftsunterkünfte in den Landkreisen verteilt werden, sodass jede kleine Feuerwehr dort was in der Hand hat, um damit zu arbeiten, um eben für den normalen Fall beim Einsatz gerüstet zu sein; zum andern eben auf den Autobahnen und für den täglichen Einsatz, um hier auch Fragen zu stellen wie, "Haben sie gefährliche Stoffe geladen?", für den LKW-Bereich, oder, "Sind sie verletzt?", das ist hier in dem Buch."
    Uwe Drewianka von der Bergwacht Thüringen hält das Buch zum ersten Mal in der Hand. Er ist begeistert.
    "Es gibt die Sicherheit, wenn was sein sollte: Ich kann auf irgendwelche Sachen zurückgreifen, die mir wieder einen Schritt weiter helfen. Und das ist eigentlich entscheidend. Und deshalb finde ich dieses Buch nicht nur feuerwehrtechnisch sehr gut gelungen, sondern auch für andere Einsatzkräfte bzw Leute, die im Katastrophenschutz arbeiten."
    Vielleicht eine Anregung auch für andere Bundesländer. "Bleiben sie, wo sie sind!" heißt auf Arabisch übrigens "Ibqaa fi makanak".