Dienstag, 16. August 2022

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Wandern auf Korsika
Zum Heulen schön und grandios

Kaum Trinkwasser, schlechtes Essen, dafür bissige Schweine und dauernde Wetterwechsel: Das klingt wenig nach einem idealen Sommerurlaub. Und doch war es für unsere Autorin der schönste Urlaub, den sie je gemacht hat: die Wanderung auf dem anspruchsvollsten Fernwanderweg Europas, dem GR 20 auf Korsika.

Von Theresa Schmidt | 02.08.2015

    Wanderer auf dem GR 20 auf Korsika
    Wanderer auf dem GR 20 auf Korsika (dpa/picture alliance)
    "Ich hatte echt Schiss, der Wind hat mich an den Felsen gedrückt, ich bin teilweise auf allen Vieren gekrochen, damit der Wind mich nicht wegfegt und das war so anstrengend, mit dem Rucksack. Aber jetzt bin ich hier und alles ist gut."
    Das bin ich. Theresa, 26, Studentin aus Berlin. So klingt mein Sommerurlaub.
    "Ich glaube, es war echt die härteste Etappe, die ich bisher hatte, ich hatte echt Angst da oben auf dem Grat, es war so windig. Das habe ich echt noch nie erlebt. Ich hab echt die Zähne zusammengebissen und gedacht: Weiter, weiter, weiter!"
    Ich bin auf Korsika, mitten in den Bergen. Ohne Freunde, ohne Familie. Seit heute Nacht übrigens auch ohne Zelt: Ich wurde von einem Schwein attackiert und in der Plane klafft nun ein großes Loch. Tagsüber musste ich mich allein durch den Sturm kämpfen, übermüdet, erschöpft und böse auf das Schwein. Aber ich bin weitergegangen. Und es war der schönste Urlaub, den ich je gemacht habe.
    Ich laufe, mal wieder. Ich laufe seit drei Tagen und werde das auch die nächsten zwölf Tage tun. Ich laufe, mit meinem Hab und Gut auf dem Rücken, einmal quer durch Korsika. Der GR 20 gilt als der anspruchsvollste Fernwanderweg Europas. 180 Kilometer, 12.000 Höhenmeter, 15 Tagesetappen. Heute ist Tag drei. Als das Schwein mein Zelt verzehrte, war ich zum Glück schon kurz vor dem Ende.
    Die heutige Tagesetappe gilt als die Schlüsselstelle des GR 20. Der Weg führt durch einen steilen Felskessel, den Cirque de la Solitude. Sechs Stunden veranschlagt der Wanderführer für die Tour, und das, obwohl es nur 8 Kilometer sind.
    Die Etappe von Haut Asco zum Refuge de Tighiettu gilt als die schwierigste des gesamten GR 20. Für viele Wanderer stellt die Passage durch den Cirque de la Solitude - zu deutsch "Kessel der Einsamkeit" - den Höhepunkt der Korsikadurchquerung dar. 1.000 Meter Aufstieg und 740 Meter Abstieg gilt es zu überwinden. Vorsicht: Trinkwasser ist auf dieser Etappe Mangelware!
    "Der Kessel ruft. Ab in den Kessel. Der Kessel pfeift. Dann gucken wir mal, wie der pfeift."
    Zum Glück muss ich nicht allein durch den Kessel. Auf den Hütten, wo ich die Nächte verbringe, lernt man sich schnell kennen. Heute sind wir zu siebt unterwegs: die Lehrerin Julie mit ihrer Tochter Lucca, die Geschwister Tim und Lisa, ein Dresdener Vater mit seiner Tochter und ich.
    Auf allen Vieren nach oben
    Um kurz vor sieben geht es los. Strahlend blauer Himmel, die Luft noch angenehm kühl. Nach zwei Stunden gemächlichen Aufstiegs in ein lang gezogenes Tal wird die Gruppe allmählich unruhig.
    "Ja, das Problem ist, dass im Wanderführer stand, dass es auf der Strecke hier eine Quelle gibt, aber wir wissen nicht genau, wo die ist. Und wir haben uns deshalb nur wenig Wasser mitgenommen, anderthalb Liter pro Person ungefähr, ja, und es wäre halt blöd, wenn wir jetzt da hochgehen und dann kommt keine Quelle mehr und dann haben wir zu wenig Wasser."
    Tim blättert in seinem Wanderführer. Der 27-jährige Medizinabsolvent aus Ulm steht ein wenig ratlos auf dem Trampelpfad und hält nach der Wasserstelle Ausschau. Die anderen sind schon querfeldein gezogen. Tim stellt seinen Rucksack ab, dann macht auch er sich auf die Suche.
    "Gibt's da was? ... Wasser, wir haben Wasser gefunden!"
    Tatsächlich. Es ist zwar keine klassische Quelle, wie man sie sonst entlang des Weges findet, aber der kleine Bach taugt zum Auffüllen der Flaschen allemal. Wir tanken jeder zwei Liter auf. Das muss bis zum Ende des Tages reichen, denn es wird keine Quelle mehr vor der nächsten Hütte geben.
    Bald darauf wird der Weg bedeutend steiler und löst sich vom Bach. Auf 2.000 Meter Höhe trifft man auf die Ruinen der Altore-Hütte. Die Hütte wurde 1984 bei einem Brand bis auf die Grundmauern zerstört. Anschließend quert man einen Talkessel im Schatten des Pic Von Cube. Der Weg führt vorbei an einem kleinen See und steigt anschließend nach Südosten über Geröll und Felsplatten zum 2.183 m hohen Col Perdu an.
    "Jetzt geht's hier wirklich zur Sache, also wir steigen jetzt wirklich auf allen Vieren ein bisschen nach oben. Wie geht's euch da oben?"
    "Gut. Gut!"
    "Ich pfeif' aus'm letzten Loch aber ich gehe weiter!"
    "Das hört sich gut an, dann komm ich mal hinterher."
    Als ich die anderen einhole, erzählt Julie, die 46-jährige Lehrerin aus Trier, gerade, warum sie beim Wandern immer an Michael Ende denken muss:
    "Die Geschichte von Beppo Straßenkehrer aus Momo, der eine ganz lange Straße zu kehren hat. Da guckt er nie ans Ende, sondern immer nur direkt vor sich. Schritt - kehren - Schritt - kehren. Dann geht das ganz schnell. Und ich finde, so muss man auch Berge aufsteigen. Nicht nach oben gucken, sondern immer nur auf den nächsten Schritt. Und plötzlich guckt man hin und - zack - ist man oben. Muss man machen wie Beppo Straßenkehrer."
    Von einem Wanderweg kann hier kaum noch die Rede sein
    Und zack, nach zweieinhalb Stunden sind auch wir oben angekommen. Mit der Ankunft auf dem Sattel, von dem aus man in den Kessel der Einsamkeit hineinsteigt, ist es schlagartig kühl geworden. Eisiger Wind weht durch die Felsschneise, ausgeblichene tibetische Gebetsfahnen flattern verheißungsvoll im Wind. Tim riskiert einen ersten Blick in die Schlucht:
    "Ich stehe hier jetzt am Eingang vom Cirque und schaue runter in die endlose Tiefe und sehe gerade wie sich einer an einer Eisenkette den Fels runter abseilt. Ja, ist schon steil, wird schon anspruchsvoll, aber ich bin frohen Mutes, dass wir das schaffen, ja, man muss es nur langsam tun."
    Der enge, steile Felskessel wirkt unheimlich und flößt Respekt ein. Die sehr steile Abstiegsroute vom Col Peru in den 200 Meter tiefen Felskessel ist zwar mit Ketten und Halteseilen gut gesichert, setzt aber auf jeden Fall Bergwandererfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraus. Ähnlich gesichert ist die anschließende Aufstiegsroute.
    Wir beißen also alle noch einmal in einen Müsliriegel und dann die Zähne zusammen.
    "Genau, die Henkersmahlzeit, ja."
    Dann geht es los. Weil ich die Hände frei haben muss, habe ich mir eine Halterung für mein Aufnahmegerät gebaut: Auf den Brustgurt meines Rucksacks habe ich die Hülle meiner Digitalkamera aufgefädelt. Dort hinein stecke ich das Mikro und ziehe rechts und links die Reißverschlüsse an, um es zu stabilisieren. Das Mikro befindet sich nun direkt vor meinem Kinn. Dass die Töne ein bisschen holprig klingen, muss ich wohl in Kauf nehmen.
    Langsam und konzentriert beginnt unsere Reisegruppe den Abstieg in den Kessel. Schritt für Schritt hangeln wir uns an den Ketten in der rauen Felswand nach unten. Von einem Wanderweg kann hier kaum noch die Rede sein.
    "Es geht hier jetzt schon stellenweise so ein bisschen senkrecht, da muss man sich schon festhalten."
    Um besseren Halt zu haben, darf immer nur eine Person an einer Kette hängen. Ist die Kette frei, steigt man zum nächsten Absatz hinunter.
    "Ich hab jetzt die Kette hier mal wie ein Seil so zwischen die Beine genommen uns seile mich ab. Also schön festhalten sonst ... ja, geht's da immer noch ganz schön weit runter."
    An einigen Stellen sind die Überhänge so uneinsichtig, dass ich nicht weiß, wo ich hintreten soll. Gut also, dass wir in einer Gruppe unterwegs sind.
    "Wie komm ich jetzt hier weiter? Shit."
    "Ich glaub du kannst dich jetzt da drüben mit der linken Hand abstützen."
    "Ja ... Danke. Perfekt."
    Nach etwa einer Stunde sind wir am tiefsten Punkt des Kessels angekommen. Die Aussicht atemberaubend. Spitze Felszinnen ragen aus dem langen Tal auf, das sich zu unseren Füßen erstreckt. Weit hinten kann man ein kleines Dorf erkennen und über allem spannt sich der klare Himmel. Einsam ist es hier tatsächlich, aber wunderschön.
    "Ich weiß jetzt nicht, wie's ist, wenn's hochgeht, aber ich würd's tatsächlich in Cirque de plaisir umbenennen. Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist Steinschlag, aber es macht höllisch Spaß da runter."
    Nicht nur Julie ist begeistert. Wir alle bleiben noch ein wenig sitzen und genießen den Ausblick. Dann geht es weiter. Eine Stunde, eine Leiter und viele Metallketten später erreichen wir das Plateau am Ende des Kessels. Der Aufstieg hatte es noch einmal in sich. Wir sind erleichtert und stolz, es geschafft zu haben. Dass es bis zur nächsten Hütte noch immer zwei Stunden Fußmarsch sind, haben wir in diesem euphorischen Moment wohl alle vergessen.
    Jedes Jahr begehen 8.000 bis 10.000 Wanderer den GR20
    Natürlich ist der GR 20 nicht immer so unwegsam wie die Etappe durch den Cirque de la Solitude. Der rot-weißen Markierung folgend geht es über Geröllfelder und Hochweiden, durch Wiesen voller Fingerhüte und duftende Kiefernwälder, vorbei an tiefblauen Seen und über wackelige Hängebrücken.
    "Manchmal führt der Weg auch durch einen kleinen Bach aber dann muss man da durch und hoffen, dass die Schuhe halten."
    Der GR 20 startet in dem kleinen Örtchen Calenzana im Nordwesten Korsikas. Von da aus führt der Weg entlang des Hauptgebirgskamms nach Conca im Südosten der Insel.
    Der Ursprung des GR 20 liegt in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ziel, Frankreich mit einem Netz von gut ausgebauten Fernwanderwegen auszustatten, sogenannten "Grandes Randonnées" - also GR -, wurde in den Vierzigerjahren das Comité National des Sentiers de Grande Randonnée gegründet. 1972 eröffnete der von Michel Fabrikant angelegte GR 20. Die Zahl 20 steht für die damals gültige Bezeichnung des 20. Departements Frankreichs. Auch nach der Aufteilung Korsikas in die Departements Corse-du-Sud und Corse-du-Nord mit den Nummern 2A und 2B blieb die Zahl 20 dem bekannten korsischen GR erhalten. Inzwischen zählt er zu den beliebtesten Wanderwegen Europas. Jedes Jahr wird er von circa 8.000 bis 10.000 Wanderern begangen.
    So beliebt der GR 20 auch ist, die Beweggründe, sich den 15 Tagesetappen zu stellen, sind ganz unterschiedlich. Beim einen steht der Weg schon lange auf der sportlichen Bucket-List, dem anderen geht es um das Naturereignis.
    Nicht nur sportlich, sondern vor allem psychologisch möchte sich Patricia fordern. Die 26-jährige Französin aus Bordeaux ist wie ich allein unterwegs.
    "Ich bin allein unterwegs, weil ich schon seit zwei Sommern alleine laufe. Ich bin den spanischen Teil des Jakobswegs gegangen. Diesmal ist die Herangehensweise nicht unbedingt spirituell, aber ich will über mich hinausgehen, hinauswachsen. Und ich bin allein losgegangen, weil ich meine Motivation und meine Kraft ganz allein finden wollte."
    Bereits am zweiten Abend auf dem GR haben wir uns kennengelernt. Patricia trug einen rosa Fleecepulli und hatte die Haare mit der einzelnen Dreadlock zu einem Zopf zusammengebunden. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir 14 Tage später gemeinsam den GR beenden würden.
    "Wenn man allein ist und es ist hart, dann ist es auch wirklich hart. In der Gruppe kann man sich gegenseitig gut zureden und kommt schneller voran. Es gab Tage, da war ich mit kleinen Gruppen unterwegs und es stimmt, das gibt dir Elan und Zuversicht. Aber gerade wenn man allein ist, geht man in seinem eigenen Rhythmus, man hört auf sich, wenn man nicht mehr kann, hält man an, isst was, geht weiter. Man sucht wirklich nach seiner eigenen Motivation und seiner Kraft."
    Motivation und Kraft sind jedoch nicht alles, was es braucht, um in den Bergen zu bestehen.
    Jeden Morgen um halb sechs klingelt der Wecker
    Die richtige Ausrüstung ist auf dem GR 20 das A und O. Korsika ist zwar eine Mittelmeerinsel, der GR 20 aber führt durch verschiedene Klimazonen. In den Tieflagen fordern Dornengestrüpp und Hitze ihren Tribut, während ein Wettersturz in den Bergen oft mit massivem Regenfall, orkanartigen Windböen oder sogar Hagel und Schnee einhergehen kann.
    Eine Bestandsaufnahme meines 60+15 Liter Rucksacks:
    "Mein Zelt, das haben wir hier, das ist so ein Zweimannzelt, aber sehr leicht, wiegt nur 2,3 Kilo, kann ich auch ziemlich gut transportieren, Schlafsack haben wir hier, Isomatte, auch ziemlich handlich, zum Aufpusten. Dann geht's weiter mit meiner kleinen Küchenzeile, wenn man so will. Ich habe einen Topf mit, aus so einem Leichtmetall, einen Becher, hab keinen Teller mitgenommen, weil ich dachte, das ist Gewicht, was ich eigentlich nicht brauche, ich werde wahrscheinlich alles aus dem Topf essen."
    Außerdem im Gepäck: Fertiggerichte, diverse Riegel und Fruchtschnitten, sowie eine Frühstücksmischung aus Haferflocken, Milchpulver und Nüssen. Shampoo, Sonnencreme und Handtuch sind im Miniaturformat dabei. An Kleidung habe ich am meisten gespart: Zum Wandern gibt es zwei T-Shirts und zwei paar Wandersocken, ansonsten eine Zipphose, Regenjacke, Bikini und fünf Unterhosen. Nicht zu vergessen natürlich Taschenlampe, Wanderführer, Karte, Tagebuch und - Aufnahmegerät.
    Jeden Morgen klingelt um halb sechs der Wecker. Dann werden, im wahrsten Sinne des Wortes, die Zelte abgebrochen. Die nächste Hütte erreicht man meistens zwischen 13 und 16 Uhr. Angekommen, meldet man sich erst einmal beim Hüttenwart, dem Gardien, wie er auf französisch genannt wird. Es gibt verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten. Einen Schlafplatz in der Hütte sollte man im Vorhinein reservieren. Das kostet pro Nacht und Person um die 13 Euro. Mietzelte kosten etwas mehr, haben aber den Vorteil, dass man keine ungewollten Schnarcher neben sich hat. Schlägt man sein eigenes Zelt auf, so wie ich, ist man mit 4 bis 9 Euro dabei. Isomatte aufpusten, Schlafsack ausrollen und fertig ist das Heim.
    Dann steht die langersehnte Dusche auf dem Plan. Davon gibt es auf den Hütten drei bis vier Stück - wenn man Glück hat. Manchmal gibt es auch nur eine.
    Tatsächlich lernt man auf dem GR diverse Temperaturabstufungen kennen. Von 'erfrischend' bis 'gletscherartig' ist alles dabei.
    Nahrung ist Thema Nummer eins in den Bergen
    Nach der Körperpflege steht der wichtigste Programmpunkt des Tages an: das Abendessen. Julie, die Mathelehrerin aus Trier, steht an einer überdachten Kochstelle beim Refuge de l'Onda. Sie hat einen Alutopf auf die Gasflamme gestellt und wartet darauf, dass ihre Nudeln weich werden.
    "Ja, die Versorgungslage ist nicht allzu gut hier. Das einzige, was wir ergattern konnten hier, war Spaghetti mit Sauce italienne, da ist sogar Fleisch drin, das haben wir jetzt irgendwie dringend nötig gehabt. Für morgen früh, Frühstück, sieht's sehr traurig aus, da gibt's nur Kekse. Aber immerhin, die Spaghetti kochen und ich hab jetzt ein ganzes Pfund gekocht, ich glaub, wir schaffen das zu zweit."
    Ein Pfund Nudeln zu zweit ist hier oben eine der leichteren Übungen. Auch ich esse nach der körperlichen Anstrengung des Tages meist einen ganzen Beutel meiner Fertiggerichte für zwei. Überhaupt ist Nahrung Thema Nummer eins hier in den Bergen. Die Frage, was abends wohl auf meinem Teller landet, beschäftigt mich während des Laufens manchmal über Stunden. Gekocht wird am Abend in den Gemeinschaftsküchen der Hütten. Gas und Geschirr gehören zum Inventar. Julies Nudeln scheinen inzwischen gar zu sein.
    "So, die Nudeln sind gut. Na ja, riecht nach leckerer Soße mit Formfleisch."
    Tüten- und Dosenmahlzeiten sind eben wirklich nur etwas für ausgehungertes Wandersvolk. Aber es geht auch anders.
    17.45 Uhr. In der Küche des Refuge de Carozzu herrscht Hochbetrieb. Pierrot, der Hüttenwart, nimmt Bestellungen fürs Abendessen entgegen. Dann widmet sich der 62-Jährige wieder zwei großen Töpfen mit Pasta, die auf dem Herd vor sich hin köcheln. Er, seine Aushilfe Marie sowie zwei weitere Helfern kümmern sich zwischen Mai und September um die Bewirtschaftung der Hütte. Da die meisten Gäste nur einen Abend blieben, ist das Tagesmenü immer das gleiche: Gemüsesuppe, Pasta und als Dessert hausgemachter Kastanienkuchen.
    Das Essen ist fertig. Marie gießt die Gemüsesuppe in große Schüsseln und hängt jeweils eine Kelle hinein. Pierrot füllt die Nudeln um und gießt Soße darüber.
    Die sportlich gekleidete 31-Jährige greift sich zwei Schüsseln und geht hinaus an die gedeckten Tische, an denen die Hungrigen bereits warten.
    "Bitte sehr, guten Appetit! Kann ich die Gläser und die Wasserkaraffe mit reinnehmen?"
    Sie stellt die Schalen auf die großen Tafeln, räumt benutztes Geschirr ab. Dann verschwindet sie wieder in die Küche. Dort sind die hohen Regale voll beladen mit Geschirr, Gewürzen, Mehl und anderen trockenen Lebensmitteln. Für die frischen Produkte gibt es einen anderen Aufbewahrungsort. Marie öffnet eine Luke im Boden und klettert hinein.
    "Das ist unsere kleine Speisekammer, so bleibt es schön kühl. Dort unten haben wir die Eier und Gemüse."
    Kurz verschwindet sie unter den Dielen, dann kommt sie mit ein paar Tomaten wieder heraus und schließt die Klappe.
    "Wir machen einen großen Helikoptertransport am Anfang der Saison für alles, was sich gut hält wie Konserven und Getränke. Danach machen wir alles selbst mit dem Rucksack. Wir steigen von Bonifatu auf, das sind 700 Meter, also etwa zwei Stunden Laufzeit. Von da holen wir Eier, Gemüse und Obst, das gehört zu unserem Job."
    "Leute auf dem GR ähneln immer mehr Kluburlaubern"
    Während Marie und Pierrot die letzten Gäste bewirten, vertreiben sich die Wanderer draußen die Zeit mit Lesen, Tagebuchschreiben, Kartenspielen oder Weintrinken.
    Das rege Treiben auf den Hütten ist jedoch nicht jedermanns Sache.
    "Sie haben ein wunderschönes Lächeln, ich bedaure die 30 Jahre, die zwischen uns liegen."
    François Philippe ist ein Original. Der beleibte Koch mit der gegerbten Haut trägt eine olivfarbene Fleece-Weste und ein Käppi im Army-Style, auf seinem rechten Oberarm prangt ein Korsika-Tattoo, er raucht Kette. Breitbeinig sitzt er auf der Terrasse der Bergerie de Ballone in einem weißen Plastikstuhl, neben ihm ein Eimer Zwiebeln fürs Abendessen. Für François Philippe ist vor allem die starke Frequentierung des GR 20 ein Problem.
    "Ich bedaure sehr, dass die Leute auf dem GR mit den Jahren immer mehr Kluburlaubern ähneln. Das heißt, sie kommen hier her, um mit einem Rucksack den anspruchsvollsten GR Europas zu gehen, aber sie wollen bei jeder Etappe ein Dreisternehotel vorfinden, mindestens drei Sterne. Man verlangt von uns manchmal fast Roomservice, wir wurden auch schon mal gefragt, ob wir Bettwäsche verleihen. Wir fragen uns, ob das einmal aufhören wird. Bald sollen wir Ihnen den GR womöglich noch betonieren!"
    Der Geist des Wanderers gehe verloren, meint François Philippe und drückt seine Zigarette aus. Der grummelige Vollblutkorse ist den GR 20 zum ersten Mal 1974 im Rahmen seiner Militärausbildung gegangen. Er weiß noch genau, was Wandern damals bedeutete.
    "Damals hieß das 40kg auf dem Rücken und völlig auf sich gestellt. Es war das zweite Jahr, dass es den GR 20 überhaupt gab und abgesehen von ein paar Bergerien, die traditionelle Wurstwaren hatten, gab es nichts. Die Hütten gab es noch nicht und der Nationalpark hatte sich noch nicht organisiert."
    Er greift nach der nächsten Zigarette, nimmt einen tiefen Zug, dann lehnt sich im Plastikstuhl zurück, dessen Lehne sich bedrohlich nach hinten biegt. Dass er glücklich sei, hier oben, sagt er, und, dass er hier eine Form von Wahrheit gefunden habe.
    "Die Wahrheit? Na, schauen Sie sich doch um. Die Natur wurde nicht verändert, man sieht keine Betonklötze, keine Millionen von Autos. Man sieht einige Touris, die größtenteils angenehm sind, viel weniger unangenehm als an der Küste. Die Leute geben sich noch Mühe, ihren eigenen Rucksack zu tragen. Es gibt auch welche, die Maultierkarawanen zum Transport in Anspruch nehmen und das ist auch ok. Aber was ich vor allem suche ist Ruhe."
    "Aber den O-Ton willste doch haben, oder? (schluchzt) Jetzt kann ich aber nicht mehr reden."
    Der Rucksack fühlt sich leicht an auf diesen letzten Metern
    Julie laufen die Tränen übers Gesicht. Wir sind in Vizzavona, einem unromantischen Örtchen in der Mitte des GR 20. Hier trennen sich der Nord- und der Südteil des Weges. Wir sitzen im Schatten unter hohen Kiefern, neben uns die gepackten Rucksäcke. Für Julie und ihre Tochter Lucca geht die Reise auf dem GR 20 heute zu Ende.
    OK, jetzt atme ich mal tief durch ... Ich bin traurig, dass es rum ist, aber andererseits auch wahnsinnig glücklich und dankbar, dass es so schön war. Wir sind jetzt wieder da, wo wir angefangen haben. Wir steigen gleich in den Zug, haben morgen noch mal einen schönen Tag am Fluss, immerhin, und dann müssen wir wieder nach Hause. Ich freu mich auf zu Hause und freu mich, dass die zwei Wochen so schön waren. Mit so, vielen netten Menschen ... und so vielen schönen Bildern ... darfste mitheulen, Lucca."
    Lucca: "Nein, ich heul nicht."
    Abschiede auf dem GR 20 sind nicht einfach. Die tiefe Verbundenheit mit dem Weg, den Bergen und vor allem den Mitwanderern macht einem die Rückkehr in das normale Leben schwer.
    Eine gute Woche später bricht auch mein letzter Tag auf dem GR 20 an. Morgens scheint alles wie immer und doch ist nichts wie die 14 Tage zuvor. Langsam nur packen wir unsere Rucksäcke, langsam nur laufen wir los. Wir, das ist inzwischen Tagen eine große, internationale Gruppe. Uns allen ist klar: Wenn wir nachher ankommen, ist unsere gemeinsame Zeit vorbei.
    "Also ich hab jetzt ungefähr noch eine halbe Stunde zu laufen auf diesem Weg, den ich jetzt, ja, genau zwei Wochen lang gelaufen bin. Und ich muss sagen, es fühlt sich sehr komisch an, zu wissen, dass ich gleich zurück in der Zivilisation sein werde. Ja, und ich bin sehr zwiegespalten, also ich freu mich riesig, anzukommen und das treibt mich irgendwie auch nach vorn, auf der anderen Seite habe ich auch das Gefühl, dass ich noch so intensiv diesen Weg erlebt hab."
    Mein Rucksack fühlt sich leicht an auf diesen letzten Metern. Die vielen E-Mail-Adressen und Erinnerungen, die ich im Gepäck habe, wiegen nicht viel.
    "Also, ich bin jetzt schon mal aus dem Wald raus und jetzt lauf ich noch mal eine Straße hinunter nach Conca und gleich bin ich daaa."
    Meine Schritte werden schneller. Plötzlich habe ich es eilig. Ich renne die abschüssige Straße hinunter in den Ort, Biegung um Biegung. Dann, auf einmal, ein Café an einer Straßenecke. Dort sitzt bereits eine französische Freundin.
    "Vas-y, c'est l'arrivé. On est là!!! "
    Wir fallen uns in die Arme. Weinen. Schweigen. Dann kaufen wir uns ein Bier.
    Nach und nach trudeln unsere Mitwanderer ein. An der Wand der Cafés hängt ein Schild, auf dem steht: "Ankunft des GR 20. Sie haben den GR 20 hinter sich, Sie können stolz auf sich sein, Bravo." Ja, ich bin wirklich stolz auf uns...
    "Santé, santé! Et bravo!"
    Aline: "Soyez fiers de vous, vous l'avez fait."
    Auf meine große GR-Familie!