Sonntag, 25. September 2022

Archiv

Wettskandal
"Nächste Woche kommt der nächste Fall"

England steht unter Schock. Die Nation, die dem Sport erst den Begriff der Fairness schenkte, musste erfahren, dass einheimische Fußballprofis Geld nehmen und dafür Tore kassieren und Spiele verlieren. Ein Zeuge aus Singapur nannte Preise: 7.000 Pfund für einen Spieler, 20.000 Pfund für einen Schiedsrichter.

Von Tom Mustroph | 01.12.2013

    In einer Hotellobby in Manchester, nur acht Autominuten vom Stadion Old Trafford entfernt, geschieht das Ungeheuerliche. Chann Sankaran, ein 33jähriger Geschäftsmann aus Singapur, erzählt ungerührt, wie leicht sich Spieler und Schiedsrichter in Großbritannien kaufen lassen. Er bietet den verdeckten Ermittlern sogar an, für 70.000 Pfund ein Spiel zu verschieben – zwar nur eines aus der sechsten Liga. Eine Provinzposse ist es trotzdem nicht.
    "Ich würde das Phänomen, den Vorfall in England, nicht unterschätzen. Ich sage es mal so: Wir haben im Sommer den größten Matchfixing-Skandal in Australien festgestellt. Jetzt haben wir seit vier Wochen den Fall in Österreich. Und jetzt haben wir den Fall in England. Ich würde mich nicht wundern, wenn nächste Woche irgendwo der nächste Fall hochkommt“,
    sagt Andreas Krannich von der Monitoringfirma Sportradar. Die beobachtet seit 2004 den gesamten europäischen Fußball. Für Krannich hat die Affäre internationale Bedeutung.
    "Es ist offensichtlich, dass die sportwettbezogene Manipulation nicht ein lokales Problem von bestimmten Ländern ist, sondern dass es scheint, dass eigentlich kein Land, keine Liga davon verschont bleibt.“
    Sankaran gibt sogar an, dass er auch Spiele zur WM-Qualifikation erfolgreich manipuliert hätte. Er berichtet zudem von einer kongenialen Methode, sich der Zuverlässigkeit der gekauften Spieler zu versichern:
    "Ich fordere sie auf, in den ersten zehn Minuten eine gelbe Karte zu kassieren. Eine gelbe Karte kostet 5.000 Pfund.“
    Holt sich der verabredete Spieler die Karte ab, macht Sankaran seine Einsätze und zahlt die Bestechungssummen. Kommt keine gelbe Karte, steigt er aus.
    Momentan freilich ist er aus dem Spiel. Er wurde Anfang der Woche festgenommen – gemeinsam mit einem Landsmann, drei aktiven britischen Profis und dem Ex-Premier League-Profi und aktuellen Spielervermittler Delroy Facey.
    Die Polizeiaktion kommt allerdings reichlich spät. Denn schon im März 2013 wies die Gambling Commission, die oberste Wettspielbehörde Großbritanniens, hochoffiziell auf verdächtige Wettmuster hin. Noch zwei Jahre früher waren dem Manager eines der Klubs, bei dem der jetzt verhaftete Facey seine Karriere austrudelte, Hinweise über ein manipuliertes Spiel zugekommen. Da hatte es zwei Elfmeter binnen fünf Minuten sowie einen Platzverweis kurz nach dem Anschlusstor gegeben. Die Schilderung passt zum Spiel des FC Barnet gegen Macclesfield Town vom 25. November 2011. Ernsthaft ermittelt wurde aber nicht.
    Das änderte sich erst, als im Sommer mehrere englische Profis in Australien wegen des Verdachts auf Spielmanipulation verhaftet wurden. Sie hatten die Sommerpause in der sechsten britischen Liga zu einem Abstecher auf dem fünften Kontinent genutzt – und sich dabei wohl nicht nur aufs Kicken beschränkt.
    "In Australien gab es im Sommer diesen sehr schweren Manipulationsfall, der durch Spieler, die von England nach Australien gegangen sind, durchgeführt wurde. Und hier waren Personen im Umfeld, die jetzt auch in England auffällig geworden sind“,
    erklärt Sportradar-Mann Krannich. Daten seiner Firma halfen bei der Aufklärung sowohl in Australien wie jetzt im Mutterland des Fußballs. Wie hoch die dortige Betrugsquote ist, ist schwer abzuschätzen. Eine Statistik der Gambling Commission hielt allein für den letzten zwei Spielzeiten 39 verdächtige Spiele fest. Das ist einerseits erschreckend viel, angesichts der Menge an Spielen aber auch relativ wenig. Arsenals Trainer Arsene Wenger hat daher nicht Unrecht, wenn er 99,9 Prozent des englischen Fußballs für sauber hält. Wenger hat in den 90er Jahren im französischen Fußball erfahren müssen, wie Spiele aussehen, die gekauft sind. Damals hatte Marseilles Präsident Bernard Tapie Konkurrenten bestochen.
    "Ich stimme Herrn Wenger schon zu, dass die absolute Mehrheit aller Spiele in Ordnung ist. Das ist auch ganz wichtig. Nicht jede Ungeschicklichkeit in einem Fußballspiel ist gleich eine sportwettbezogene Manipulation. Ich glaube, es ist wichtig, die Balance zu finden. Es gilt jetzt nicht in Hyperaktivität zu verfallen. Aber auf der anderen Seite sollte man das Problem sehr, sehr ernst nehmen. Und auch in England ist dieses Problem existent“,
    meint Andreas Krannich. Bedenklich stimmt, dass die Manipulationen auf der Insel Insidern schon mindestens zwei Jahre bekannt waren, aber keine Maßnahmen ergriffen wurden. Ohne die spektakulären Aussagen des Singapurers Chann Sankaran vor Reportern des "Daily Telegraph“ hätte die Öffentlichkeit vielleicht auch von der aktuellen Affäre nichts erfahren. Die offensichtliche Neigung, Probleme unter den Tisch zu kehren, ist das erste Hindernis bei deren Bekämpfung.