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Wider das Austauschbare

Ende des Jahres geht der Chef des Kölner Museums Ludwig, Kaspar König, in den Ruhestand. Christiane Vielhaber würdigt seine letzte Ausstellung und die Verdienste Königs: Er habe gewollt, dass "wir nicht ins Museum kommen wie in allen Sammlungen" - und habe die Künstler aktiv in die Ausstellungsgestaltung einbezogen.

Christiane Vielhaber im Gespräch | 03.06.2012

Beatrix Novy: Kasper König gehört zu denen, die den Kölner Kulturbetrieb ohne größeren Schaden und recht souverän überstanden haben. Er wurde vor elf Jahren Direktor des Museums Ludwig, jetzt wird er altershalber Ende des Jahres aufhören. Viel Beifall folgt ihm für das, was er geleistet hat. Christiane Vielhaber, willkommen im Studio: Eigentlich war doch seine Abschiedsausstellung die mit dem Titel "Vor dem Gesetz", die Ende letzten Jahres eröffnet wurde. Aber ganz zum Schluss zeigt er in Köln in seinem Haus doch noch mal was anderes. Warum?

Christiane Vielhaber: Weil vor dem Gesetz wurde er auch eigentlich schon von den Medien abgefeiert. Das sei sein Vermächtnis, weil es darum ging, das Museum als moralische Anstalt, um Probleme der Aufklärung, Probleme der Kunst überhaupt. Aber er greift jetzt noch mal zurück, denn als er angefangen hat, 2000, hat er ein Jahr später das Museum unserer Wünsche im Hause eröffnet, und das ist typisch für Kasper König. Er sagt nicht, ich möchte das und das haben, sondern wir alle, die Kuratoren - Er sagt ja immer, ich bin ein Amateur, ich habe nicht Kunstgeschichte studiert, aber alle, die hier sich damit befassen, die haben auch alle Wünsche, wir wünschen uns zusammen dies und das, und jetzt wird gezeigt, was aus diesen Wünschen geworden ist. Aber wenn Sie auf diese kafkaeske Ausstellung kommen, "Vor dem Gesetz", so sind doch einige Sachen aus dieser Ausstellung drin geblieben, und da diese Ausstellung "Vor dem Gesetz" nun wirklich seine Handschrift hat, passt das eigentlich jetzt zur letzten Ausstellung, dass von den 2000 Arbeiten, die unter seiner Ägide angekauft oder geschenkt wurden, dass davon 80 jetzt zu sehen sind. Und da kann man eigentlich sehen, wessen Geistes Kind Kasper König ist, wo seine Vorlieben liegen, bei der Kunst, und was ihm eigentlich wirklich gefällt.

Novy: Also diese 80 Stücke sind sozusagen exemplarisch für die Zusammenschau seiner kuratorischen Idee?

Vielhaber: Ja. Nehmen wir zum Beispiel eine ganz große Strickarbeit von Rosemarie Trockel, die weist darauf hin, dass Rosemarie Trockel eine große Ausstellung hatte. Nehmen Sie zwei blecherne Sessel von Franz West, da sehen Sie, Franz West hat mal den Wolfgang-Han-Preis bekommen – das ist ein Preis, der an zeitgenössische Künstler vom Museum Ludwig verliehen wird. Sie haben also Ausstellungsgeschichte, Sie haben Schenkungsgeschichte, Sie sehen, was zum Beispiel die Stiftung Peter und Irene Ludwig möglich gemacht hat, Sie sehen, was die Freunde Museum Ludwig möglich gemacht haben, und bei all diesen Sachen ist es ja nicht so, dass diese Freunde sagen, wir wollen euch jetzt das schenken und das schenken, sondern sie reden schon vorher mit Kasper König und der ist jemand, der weiß was er will, also sagt, das will ich bestimmt haben und das will ich bestimmt haben.

Novy: Ist das ein großes Durcheinander oder was eint denn diese Stücke, oder eint sie überhaupt irgendetwas?

Vielhaber: Also einen roten Faden sieht man nicht wirklich. Wenn rot, dann eigentlich das offene, teilweise das ein bisschen pornografische, das Hinterfotzige. Nehmen Sie einfach so jemand wie Hans-Peter Feldmann, den Kasper König – da war Feldmann schon über 60 – mit einer Ausstellung ins Haus geholt hat. Und dann sehen Sie auf einem Sockel eine Brotscheibe, beziehungsweise Sie sehen nur diese Rinde. Und dann ist das im Grunde genommen eine Skulptur, das ist etwas Konzeptuelles, das ist aber auch irgendwas wahnsinnig Witziges, und das ist typisch für Kasper König. Oder Sie finden große Installationen, wo Sie davorstehen und sagen, was soll das eigentlich. Und ich glaube, das ist das, was er möchte, dass wir nicht ins Museum kommen wie in allen Sammlungen, die um uns herum sind, wo wir noch einen Baselitz und noch einen Penck, und wo wir das alles sehen, sondern er möchte etwas zeigen, wo wir verunsichert werden, wo sicherlich auch die Künstler mitarbeiten. Das war ihm von Anfang an wichtig, Künstler anzusprechen und zu sagen, was fällt euch zu meinem Museum ein, und das hat auch dazu geführt, dass Künstler etwas geschenkt haben. Und hinreißend ist, dass er selber auch was geschenkt hat: Das ist eine tolle Arbeit von Gary Kuehn von 1963, und das ist ein großes Kissen aus weißem Gips und das liegt so an einem Strohballen, und dann haben Sie eigentlich das Gefühl, der Strohballen ist auch gemütlich und das Kissen ist auch eigentlich ganz schön. Und wie gesagt, das kommt aus seiner privaten Sammlung und das hat er jetzt dem Haus vermacht. So was finde ich auch einfach toll.

Novy: Aus der Sammlung von Irene Ludwig, Peter Ludwigs Frau, soll nichts dabei sein. Hat das einen besonderen Grund?

Vielhaber: Nein, die hatten wir vorher. Vor ein paar Monaten war eine Ausstellung, da ist er auch ganz besonders stolz drauf und auch völlig zurecht, dass er es geschafft hat, letztlich Irene Ludwig zu überreden, am Schluss beziehungsweise postum eine große Schenkung dem Haus zu machen. Und in dieser Ausstellung war in Ausschnitten zu sehen, was aus dieser Schenkung herausgekommen ist, und das musste man jetzt nicht noch mal zeigen. Insofern: Das bleibt außen vor. Gleichwohl sind Arbeiten dabei, die mit finanziellen Mitteln von dieser Stiftung auch angekauft wurden.

Novy: "Ein Wunsch bleibt immer übrig", heißt die Ausstellung. Welcher Wunsch?

Vielhaber: Was würde er sich wünschen? – Das könnte man so nicht sagen. Ich glaube, er wünscht sich, dass das Haus in diesem Sinne weitergeführt wird, dass das nicht so eine Maschinerie wird, dass das nichts Austauschbares wird.

Novy: ... , wenn dann Philipp Kaiser im nächsten Jahr diesen Posten übernimmt. – Vielen Dank, Christiane Vielhaber – die Ausstellung "Ein Wunsch bleibt immer übrig" im Ludwig-Museum in Köln.