Montag, 05. Dezember 2022

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Wie klingt Zürich, Chur und Lausanne

Die Schweizer Szene der Neuen Musik ist bunt, frech, ohne Tabus und weitgehend jung. Allerdings sind die Künstler der Schweizer Neuen Musik kaum bekannt. Drei aktuelle Veröffentlichungen repräsentieren diese Generation.

Von Frank Kämpfer | 07.11.2010

    Wie und was komponiert man heute in Zürich, Chur und Lausanne? Wie klingt das? Von wo kommen Impulse? Gibt es eine junge Generation, und was wäre typisch für sie? Am Mikrofon Frank Kämpfer. Im Folgenden geht es um Neue Musik in der Schweiz - so wie sie sich anhand dreier aktueller CDs dargestellt:

    "Ludovic Thirvaudey, Capriccio II
    La Compagnie CH-AU
    CD Musiques Suisses, Grammont Sélection 3"

    Der hohe, keineswegs schmeichelnde Ton wirkt flüchtig fast wie ein Atom oder ein Fixstern. Er changiert, es scheint nicht einfach, ihn scharf zu fixieren - zumindest nehmen die anfangs schwer bestimmbaren Instrumente wiederholt Anlauf dazu. Das Klangfeld vibriert, und dann - als wäre die Höhe für sie nicht mehr von Bedeutung - steigen Saxofon, Violine und Flöte verspielt geradezu zu Fagott und Violoncello herab. Capriccio II heißt das im vergangenen Jahr notierte Quintett, dass die Polarität einer einzelnen Note erkundet, sich dabei mehrmals zerstreut, fast erlischt, sich jeder strukturellen Entfaltung verweigert.

    La Compagnie CH.AU, eines der neuen Schweizer Ensembles, hat das Stück privat eingespielt. Komponist Ludovic Thirvaudey, Jahrgang 1980, erforscht Instrumentalkombinationen und ihre Klangpotenziale - der Schüler von Jarrell und Gaudibert ist zugleich Fagottist; er studierte am Centre de Musique ancienne in Genf und unterrichtet Stilkunde am Konservatorium.

    Thirvaudey, in Deutschland bislang nicht bekannt, ist der jüngste der zwölf Tonsetzer, die Musiques Swisses in ihrer neuen Jahresauswahl präsentieren. Alle Werke der Platte sind Uraufführungen aus dem Jahr 2009. Die nach den Jahrgängen sieben und acht nunmehr dritte Sélection konzentriert sich dabei auf die West-Schweiz: Fast alle der mehrheitlich jüngeren Urheber haben in Genf studiert und neben dem Fach Komposition professionell oder autodidaktisch auch das Instrumentalspiel erlernt. Im Weiteren differenzieren sie sich: John Menoud beispielsweise begeistert sich für die Improvisation, arbeitet mit Szene und Film - Daniel Zea Gómez, ursprünglich Industriedesigner, hat sich auf elektronische und Computermusik spezialisiert, er koproduziert mit bildenden Künstlern - Benoit Moreau improvisiert und ist Stil übergreifend aktiv.

    Die Szene Schweiz, so vermittelt die mit Radio Suisse Romande und Radio DRS koproduzierte Doppel-CD, ist heute bunt, frech, ohne Tabus, weitgehend jung, und international kaum bekannt. Das bedeutet anders gesagt: Die im Booklet vermerkten Förderer wie Migro Kulturprozent, Prohelvetia oder die Fondation SUISA setzen auf Vielfalt, unterstützen die jüngere Generation und tolerieren den freien Umgang mit Traditionen ebenso wie das Experimentieren und die spartenübergreifende Produktion. Komponierende Frauen enthält die Werkauswahl 2009 nicht. Bemerkenswert die Arbeit eines Senioren: Franz Furrer-Münch, Jahrgang 1924, ist mit einem neobarock anmutenden Konzert für Blockflöte und Kammerensemble vertreten: "Entfalten - verweilen". Der Ende Oktober verstorbene ehemalige Kartograf beschäftigte sich darin mit Zeit und Zeitverläufen.

    Klangbeispiel Zwei stammt hier von Urs Peter Schneider, geboren 1939 in Bern. Der einstige Stockhausen-Schüler verweigert sich in "Dies III" aller Psychologie und Narration. Er komponierte ein streng neun-stimmiges Klangobjekt, das sich im Laufe von 9,99 Minuten einmal selbst umstülpt. Die Basel-Sinfonietta hat diese minimalistisch anmutende Arbeit beauftragt und uraufgeführt.

    "Urs-Peter Schneider, Dies III
    Basel Sinfonietta
    CD Musiques Suisses, Grammont Sélection 3"

    Soweit Urs-Peter Schneiders "Dies III", von der Basel-Sinfonietta gespielt. Schweizer Uraufführungen aus dem Kalenderjahr 2009 - als Doppel-CD erschienen beim Label Musiques Suisses.

    "LYRIK-Element
    07.11.2010
    Else Lasker-Schüler, Siehst Du mich"

    Deutsche Interpreten beschäftigen sich mit Musik aus der Schweiz, sofern ihre Urheber nicht Beat Furrer oder Klaus Huber sind, eher selten. Es fällt auf, wer sich hier interessiert. So findet sich ein Werk des Schweizers Jürg Frey auf einer Debüt-CD, mit der das Dresdner elole-Klaviertrio derzeit auf sich aufmerksam macht. Frey, der Wandelweiser-Gruppe nahestehend, ist kein Mainstream-Neutöner. Und auch elole - bestehend aus Pianist Stefan Eder, Geigerin Uta-Maria Lempert und Cellist Matthias Lorenz - vertritt ein eher singuläres Konzept. In ihrem Selbstverständnis opponieren die drei Wahl-Dresdner gegen eine populistische Erlebnis-Kultur, wie sie sie auf dem Markt der Neuen Musik derzeit zunehmend orten. elole bevorzugt zeitgenössische Werke, die bei Spielern wie Hörern vertiefte Beschäftigung erfordern, für schnelles Konsumieren ungeeignet sind.

    Vorliegende erste elole-CD, "Struktur und Oberfläche" betitelt, macht deutlich, worum es geht: Alle drei eingespielten Werke zeichnen Strenge und Reduktion - Rücknahme, ein leiser Ton, gewisse Introvertiertheit. Zentrum der Platte ist ein frühes, 40-minütiges Trio des Münchners Nikolaus Brass. Brass, Jahrgang 1949, versteht Komponieren als behutsames Aufspüren, Aufdecken, nicht als Machen und Setzen. Stefan Streich aus Berlin entfaltet seine Musik aus vorher festgelegten Strukturen. Jürg Frey, geboren 1953 in Aarau, übrigens auch ein Absolvent des Konservatoriums in Genf, hat eine Vorliebe für Weite und Stille. Sein 2008 uraufgeführtes Trio-Stück "Paysage pour Gustav Roud" mutet minimalistisch an, vom Material her spartanisch, zuweilen beinahe tonal. Mit immenser Genauigkeit und Konzentration bringen die drei elole-Solisten diese leise Arbeit zum Klingen - bis sie, sehr zart, immer sphärischer werdend, am Ende verlischt.

    "Jürg Frey, Paysage pour Gustave Roud
    Elole-Klaviertrio
    CD Struktur & Oberfläche"

    elole aus Dresden spielt Musik von Jürg Frey, Stefan Streich und Nikolaus Brass. Diese CD ist vor Kurzem beim sächsischen, in der Denkmalschmiede Höfgen Kaditzsch verorteten Kleinlabel BEOTON erschienen.

    Die dritte und letzte CD, die ich Ihnen heute anspielen will, vereint Ensembles aus Leipzig und ist beim Schweizer Label claves erschienen. Porträtiert wird der Komponist Jean-Luc Darbellay. Darbellay, geboren 1946 in Bern, ist Komponist und Mediziner, Klarinettist und Dirigent. Der Schüler von Christobal Halffter und Dmitri Terzakis legt Wert auf eine leicht nachvollziehbare Tonsprache, die auch emotional rezipiert werden kann. Oszillierende Klangfarben, Zentraltöne, wiederkehrende Tonkomplexe sind wichtige Gestaltungsmittel für ihn. Eine besondere Affinität hat Darbellay zum Horn - einem Instrument, das sich nur mühsam in der Neuen Musik etabliert.

    Die Doppel-CD vereint Gattungen, die der Komponist bevorzugt: Ensemble- und Kammermusik, Vokalsinfonik. Uns interessiert heute weniger das vor fünf Jahren im Leipziger Gewandhaus dokumentierte "Requiem", vielmehr das Schaffen im instrumentalen Bereich. Dazu gehört das Schlag-Quintett "Shadows" aus dem Jahre 2003, wo der Komponist mit sogenannten Farb-Klängen operiert; gleichfalls ist das Quartett "sozusagen" dokumentiert, in dem Darbellay auf eine Zeichnung Paul Klees rekuriert und die Vertreibung des Künstlers ins übrigens Schweizer Exil kommentiert. Zwei Arbeiten für Horn-Quartett komplettieren. In der Kombination mit großem Orchester lässt Darbellay die Horn-Gruppe mit anderen Instrumenten in Dialoge geraten. Das Horn-Stück "Azur" hat wie manche Werke des Komponisten einen politischen Kontext: Das Auftragswerk zum 50-jährigen Bestehen des Leipziger Hornquartetts entstand unter dem Eindruck des azurblauen Himmel New Yorks, in den am 11. September 2001 zwei brennende Banktürme ragten. Hier ein Ausschnitt aus der mittleren Passage des Stücks, in dem sich das Opus rhythmisch verdichtet, aleatorisch aufbricht, und zu einer Art "Tuba mirum" gerät.

    "Jean-Luc Darbellay, Azur
    Leipziger Hornquartett
    CD Jean-Luc Darbellay. A Portrait"

    Das Leipziger Hornquartett mit Jean-Luc Darbellay's Komposition Azur. Ein zwei CDs umfassendes Komponistenporträt Darbellays mit Klangkörpern aus Leipzig ist beim Schweizer Label claves erschienen. Zuvor habe ich Ihnen die bei BEOTON editierte Debüt-CD des elole-Klaviertrios angespielt, sowie die eben erschienene "Grammont Sélection 3" der Musiques Suisses mit Schweizer Uraufführungen aus dem Jahre 2009. Soweit für heute unsere Sendung "Die neue Platte", ausgewählt von Frank Kämpfer.