Hybride Kriegsführung
Wie viele Beweise muss die Politik öffentlich vorlegen?

Der gescheiterte Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle hat nicht nur zu einer deutlichen Verschärfung der Spannungen zwischen Deutschland und Russland geführt. Er wirft auch die Frage auf, wie viel eine Regierung öffentlich belegen muss, wenn sie einen Staat für einen Akt hybrider Kriegsführung verantwortlich macht.

    Nach dem Anschlagsversuch mit Drohnen am Flughafen Leipzig/Halle ermittelte zunächst unter anderem das Landeskriminalamt.
    Die bei dem Anschlag in Leipzig/Halle verwendeten Teile seien aus anderen hybriden Operationen Russlands bekannt, sagt Bundesinneminister Dobrindt (CSU). (imago / EHL Media)
    Die Bundesregierung macht Russland für den Vorfall verantwortlich. Bundesinnenminister Dobrindt begründet die Schuldzuweisung mit einer Gesamtschau aus polizeilichen Ermittlungen, Tatmustern und nachrichtendienstlichen Erkenntnissen. Zudem seien Drohnenkonfiguration, Sprengstoff und Zündtechnik sichergestellt worden, die aus anderen russischen Hybridoperationen bekannt seien, sagte der CSU-Politiker.

    AfD zweifelt Darstellung der Regierung an

    AfD-Fraktionsvize Frohnmaier äußerte sich skeptisch zur Argumentation der Bundesregierung. Frohnmaier sagte im Deutschlandfunk, die Bundesregierung leite weitreichende Maßnahmen aus einer geheimdienstlichen Zuschreibung ab, ohne die zugrunde liegenden Belege ausreichend offenzulegen . Weder dem Parlament noch der Öffentlichkeit seien die konkreten Erkenntnisse bislang nachvollziehbar dargelegt worden. Frohnmaier forderte mehr Transparenz und sprach von unterschiedlichen Maßstäben im Vergleich zu anderen Ermittlungsverfahren.
    Der Grünen-Politiker von Notz wies die Darstellung Frohnmaiers zurück. Wer die Vorwürfe gegen Russland in Zweifel ziehe, trage dazu bei, die Debatte über die Bedrohungslage zu verwischen, sagte er ebenfalls im Deutschlandfunk . Die Vorwürfe gegen Russland stützten sich nicht nur auf Geheimdienstinformationen, sondern auch auf Ergebnisse rechtsstaatlicher Ermittlungen. Bundesinnenminister Dobrindt habe ausdrücklich auf Ermittlungen des Generalbundesanwalts und des Bundeskriminalamts verwiesen. Man müsse davon ausgehen, dass konkrete Ermittlungsergebnisse die Einschätzung der Bundesregierung stützten.

    Kritik an der öffentlichen Beweisführung

    Der Terrorismus- und Sicherheitsexperte Peter Neumann vom King's College London äußerte Verständnis für die Zuordnung zu Russland, kritisierte jedoch die öffentliche Präsentation der Beweise. Er hätte erwartet, dass die Regierung technische Details, Bilder oder andere nachvollziehbare Belege zeigt, um ihre Einschätzung gegenüber der Bevölkerung zu untermauern, sagte Neumann dem Portal T-Online.
    Bereits kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls hatte Neumann darauf hingewiesen, dass der Angriff aus seiner Sicht in das bekannte Muster russischer hybrider Operationen passe. Ziel sei offenbar eine Infrastruktur gewesen, die für die Unterstützung der Ukraine von Bedeutung sei. Auch die Professionalität des Vorgehens spreche eher für einen staatlichen Akteur als für Einzeltäter.

    Warum hybride Angriffe die Beweisfrage erschweren

    Andere Sicherheitsexperten weisen darauf hin, dass gerade bei hybrider Kriegsführung die öffentliche Beweisführung besonders schwierig ist. Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz und langjähriger Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik, beschreibt hybride Angriffe als "bewusst geschaffene Grauzone" zwischen Krieg und Frieden. Charakteristisch sei, dass Verantwortlichkeiten verschleiert, Mittelsmänner eingesetzt und technische Spuren verwischt würden. Aus seiner Sicht besteht die Herausforderung weniger darin, einzelne Vorfälle zu isolieren, als darin, das Gesamtbild zahlreicher Sabotage-, Spionage- und Drohnenvorfälle zu bewerten. Zudem fordert er seit längerem eine klarere politische Benennung solcher Bedrohungen.
    Ähnlich argumentiert der Sicherheitsexperte Edmund Ratka von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Hybride Angriffe seien gerade darauf ausgelegt, unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges zu bleiben und die Urheberschaft zu verschleiern. Zu den eingesetzten Mitteln gehörten Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und Spionage. Die Unsicherheit über die Verantwortlichen sei damit Teil der Strategie selbst.

    Weitere Informationen:

    Drohnen-Vorfall - Bundesregierung macht Russland verantwortlich
    Drohnen-Vorfall - Reaktionen aus Russland und der Ukraine
    Diese Nachricht wurde am 02.09.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.