Dienstag, 04. Oktober 2022

Archiv


Wildschäden und zu alte Förster

Für ökologische Waldwirtschaft setzt sich die "Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft" (ANW) ein. Sorgen bereitet ihren Mitgliedern die eklatante Zunahme des Wildbestands, aber auch, dass Förster zunehmend Mangelware sind.

Von Ludger Fittkau | 13.03.2013

    Eine standortgerechte und altersmäßige Mischung der Baumarten statt Monokulturen, eine bestands- schonende Holzernte statt Kahlschlag sowie umweltverträgliche Wilddichten: Das sind Eckpunkte eines ökologischen Waldbaus , wie ihn die "Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft" - kurz ANW- propagiert. Zu besichtigen ist das in Prüm in der Eifel:

    "Dieser Wald ist vorbildlich. Da habe ich als Bewirtschafter, als Naturschützer und auch als Spaziergänger überhaupt keine Kritikpunkte mehr."

    Sagt Anne Merg anerkennend über den rheinland-pfälzischen Staatswald bei Prüm nahe der belgischen Grenze. Anne Merg weiß, wovon sie spricht: Sie war vor 25 Jahren die erste Revierförsterin in Rheinland-Pfalz, heute ist sie überdies Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft.

    Umweltgerechten Waldbau - den gab es auch in Prüm nicht immer. Massive Sturmschäden in den Fichten- Monokulturen, die bis vor zwei Jahrzehnten den Landesforst in der Westeifel prägten, gaben den Ausschlag für einen Wechsel zum ökologischeren Mischwald-Konzept. Reimund Köhl, Revierleiter im Forstamt Prüm:

    "Wir haben im Jahr 1990 ein Erlebnis gehabt, das uns sehr zum Nachdenken gebracht hat. Wir hatten einen großen Sturm – Vivian und Wiebke . Bei diesem Sturm sind in meinem Revier alleine 38.000 Festmeter Fichtenholz umgefallen. Und das hat uns dazu bewogen, unsere Waldbewirtschaftung zu ändern, in Richtung auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung."

    Die eklatante Zunahme des Wildbestandes nahezu bundesweit bereitet den Waldexperten große Sorgen. Inzwischen werden von den Waldbesitzern auch Mufflons in Wildparks aufgekauft und zum Jagdvergnügen in freier Wildbahn ausgesetzt, beobachtet Anne Merg, Revierförsterin im Taunus. Das habe fatale Folgen, denn das Muffelwild fresse einfach alles:

    "Alles. Zunächst mal unsere Naturverjüngung, das heißt die kleinen Bäumchen, die jetzt im April keimen. Die werden sofort gefressen. Und dann sehen sie nach etlichen Jahren, dass in ein Meter zwanzig Höhe, so hoch kommen die mit ihren Aäsern, also mit ihrem Mundwerk, dass dann da alles weggefressen ist. Das heißt, die zerstören unseren Nachwuchs. An den stehenden Bäumen machen sie im Moment noch keine Schäden, aber irgendwann werden die auch vor Hunger Rinden schälen, dann greifen die auch unsere bestehenden Bäume an. Aber im Moment fressen die das Brennholz unserer Enkel."

    Die Jagd sei zu sehr zum Freizeitvergnügen für Jagdpächter geworden, die den Wildbestand vielerorts nicht diszipliniert genug bejagen. So sieht es auch Hans von der Goltz, Bundesvorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft". Eine Mitverantwortung für die Wildplage gibt er privaten Waldbesitzern. Sie profitierten von der hohen Jagdpacht, die begüterte Freizeitjäger aus den Städten zahlen:

    "Und deswegen wäre es eigentlich ganz geschickt, wenn der Waldbesitzer von seinen hohen Jagdpachterwartungen Abstand nähme und stattdessen Jägern, die in der Örtlichkeit oft vorhanden sind, Jagdmöglichkeiten gibt zu von denen auch bezahlbaren Preisen, die aber dann auch wirklich jagen."

    Im rheinland-pfälzischen Staatswald beim Eifelort Prüm jagen die Förster - doch die werden Mangelware. Revierleiter Reimund Köhl:

    "Naturnahe Waldwirtschaft bedingt natürlich die Präsenz des Försters in der Fläche. Und leider Gottes haben wir seit Jahren einen Personalabbau und da kommen wir inzwischen an die Grenzen dessen, was wir stemmen können. Die Reviere sind immer größer geworden in den vergangenen Jahrzehnten, das Personal ist sehr viel älter geworden, der durchschnittliche Förster ist etwa 55 Jahre alt und wir brauchen dringend Nachwuchs. Und wir brauchen dringend das Geld dazu, um Nachwuchsleute einzustellen."

    Nicht nur der Baumbestand in den Wäldern sollte altersgemischt sein, so die Forderung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, sondern auch der Personalbestand in den Forstämtern.