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"Wir brauchen einen Kita-Gipfel"

Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz wird für die Kommunen zum großen Problem, wenn nicht Bund und Länder bei der Finanzierung helfen, sagt Norbert Hocke. Der Erziehungsgewerkschafter fordert einen Kita-Gipfel und einen neuen Beruf: die Kindheitspädagogin.

Norbert Hocke im Gespräch mit Regina Brinkmann | 02.07.2013

Regina Brinkmann: In den Stellenanzeigen der Tageszeitungen werden schon seit Wochen von Städten und Kommunen händeringend Erzieherinnen und Erzieher für Kitas gesucht. Denn bereits in einem Monat haben Eltern einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung für ihre unterdreijährigen Kinder. Inzwischen ist die Not wohl so groß, dass immer mehr Städte und Kommunen um die wenigen pädagogischen Fachkräfte konkurrieren und sie mit mehr Geld und anderen Extras wie Dienstwohnungen oder Fahrkostenzuschüssen locken. Dabei war es bei den letzten Tarifverhandlungen extrem schwer für die Erzieherinnen und Erzieher mehr Gehalt auszuhandeln.

Norbert Hocke ist Leiter der Abteilung Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Herr Hocke, mehr Gehalt für Erzieherinnen und Erzieher – regelt jetzt der Markt, was Sie als Gewerkschafter nicht geschafft haben?

Norbert Hocke: Also mehr Geld wird nicht das einzige Mittel sein, um mehr Erzieherinnen für diesen spannenden und interessanten Beruf zu begeistern. Geld ist ein Element, das zweite Element werden die Rahmenbedingungen sein, die in den letzten Jahren nicht verbessert wurden. Und von daher leisten sich reiche Kommunen jetzt Erzieherinnen und arme Kommunen werden in nächster Zeit große Schwierigkeiten haben, Personal zu bekommen.

Brinkmann: 2009 waren die letzten Tarifverhandlungen, der Kita-Streik war ein Zeichen dafür, wie mit harten Bandagen um mehr Geld und auch eine andere tarifliche Eingruppierung gekämpft wurde. Inwieweit werden Sie denn jetzt den aktuellen Erziehermangel ausnutzen, um bei der nächsten Tarifrunde im nächsten Jahr mehr für die Erzieherinnen und Erzieher rauszuholen?

Hocke: Die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen, und das sind ja fast 450.000 Beschäftigte in dieser Branche, die Stimmung unter den Kolleginnen ist äußerst angespannt, weil nicht nur, dass kein Personal vorhanden ist, sondern auch das zurzeit eingestellte Personal wird parallel ausgebildet. Das heißt, an einigen Tagen sind diese Kollegen auch in der Schule und das Stammpersonal muss dann auch für dieses Personal die Arbeit leisten. Das wird in der nächsten Tarifrunde ausgesprochen hart werden, wenn die Kommunen und die Länder nicht bereit sind, hier entsprechend nachzulegen, wird es, ähnlich wie 2009, zu einer längeren und harten Auseinandersetzung kommen.

Brinkmann: Aber Sie sind ja jetzt schon bereit, nachzulegen. Also das müsste Ihnen doch ganz gelegen kommen, dass dann auch auf die breite Masse der Erzieherinnen auch mehr abfällt.

Hocke: Das ist das Erstaunliche, auch in der letzten Runde. Städte wie München, Stuttgart, Frankfurt haben in der letzten Runde auch schon draufgelegt, aber insgesamt wollte der kommunale Arbeitgeberverband keine generelle Höhergruppierung zulassen. Von daher wird es auch in der nächsten Runde kein Zuckerschlecken. Die Vielzahl der Kommunen, die zum Beispiel unter Haushaltsvorbehalt stehen in Nordrhein-Westfalen oder auch in anderen Bundesländern, die werden große Schwierigkeiten haben, wenn nicht die Länder und der Bund finanziell den Kitas endlich unter die Arme greift.

Brinkmann: Hätten Sie denn eine Idee, wie man quasi so dieses Konkurrieren um Erzieherinnen jetzt eindämmen könnte? Weil, das schafft ja offensichtlich auch nicht so eine ganz gute Stimmung in den Kitas, nehme ich an?

Hocke: Nein. Also, wir brauchen eine Art Krippen- oder Kita-Gipfel, an dem sowohl die Gewerkschaften als auch die Träger, Bund und Länder und die Kommunen dran beteiligt sind. Wir müssen eine neue Finanzierung bekommen, weil die Kommunen auf Dauer nicht in der Lage sind, hier diesen Rechtsanspruch, nach dem Kindergarten jetzt den Krippenplatz – und ich gehe mal davon aus, dass wir bald einen Ganztagsrechtsanspruch auch bekommen –, dass wir in dieser Frage die Kommunen nicht hängen lassen. Die Kommunen sind das schwächste Glied, und deshalb müssen die anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, Bund und Länder, viel, viel stärker als bisher einsteigen. Und dazu braucht es einen Gipfel, um sich darüber auseinanderzusetzen und auszutauschen.

Brinkmann: Nun hat es ja schon einige Gipfel gegeben und wir wissen, wie wenig die dann auch – Stichwort Bildungsgipfel – am Ende wieder gebracht haben. Was meinen Sie denn, muss jetzt auch kurzfristig geschehen? Weil das ist ja eine Sache, die jetzt in den nächsten Wochen und Monaten schon ansteht, und die Ausbildung dieser Erzieherinnen dauert ja nun auch ein, zwei, drei, vier, fünf Jahre eigentlich?

Hocke: Ja. Es wird eine Durststrecke geben, die nur dadurch überwunden werden kann, wenn man jetzt beginnt, zügig an drei Stellschrauben zu drehen. Nämlich erstens die Erzieher-Kind-Relation deutlich zu verbessern, das bedeutet zwar, dass man augenblicklich noch mehr Personal braucht. Zweitens muss man die Leitungskräfte von der Arbeit, der Gruppenarbeit freistellen. Und drittens brauchen wir eine Vor- und Nachbereitungszeit für das Personal. Wir müssen ein qualifiziertes System hinbekommen, was den Arbeitsplatz Kita deutlich attraktiver macht. Wir müssen aktuell wegkommen von Teilzeitbeschäftigungen. Die führen dazu, dass dieser Beruf nur ein Zuverdienerberuf im Westen geworden ist und kein eigenständiger Beruf. Und wir müssen deutlich die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen deutlich nach oben fahren. Es reicht nicht aus, 20 neue Fachschulen wie in Berlin einfach entstehen zu lassen. Wir brauchen für Abiturienten einen neuen Beruf, und dieser ist der Kindheitspädagoge oder die Kindheitspädagogin, und hier müssen die Länder schnell und zügig an den Hochschulen grundständige Studiengänge schaffen.

Brinkmann: Einen neuen Beruf aber auch einen Grippengipfel, das fordert Norbert Hocke von der GEW, um langfristig den Mangel an Erzieherinnen zu bekämpfen.


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