Samstag, 10. Dezember 2022

Archiv


"Wir müssen die Menschen vor der Verwahrlosung bewahren"

Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski sieht in der Auseinandersetzung mit dem Islam eine Chance für die westliche Gesellschaft, sich wieder auf ihre eigenen Grundlagen zu besinnen. Das christliche Abendland habe aus seiner Tradition heraus bestimmte Werte wie Rücksichtnahme und Toleranz zu verteidigen, betonte Safranski.

Moderation: Doris Schäfer-Noske | 14.02.2006

    Doris Schäfer-Noske: Der Karikaturenstreit erschien Botho Strauss nun wichtig genug sich erneut öffentlich zu äußern und er hat dadurch der Feuilletondebatte über diesen Streit neue Nahrung gegeben. Strauss glaubt, dass in spätestens zwanzig Jahren christliche Kinder in unseren Städten eine Minderheit sein werden. Außerdem hat er unsere Gesellschaft als nicht nur säkulare, sondern als weitgehend geistlose Gesellschaft beschrieben, in der bisher Gleichgültigkeit und Beliebigkeit geherrscht hätten. Und ich habe den Philosophen Rüdiger Safranski gefragt, ob er Botho Strauss da Recht gibt.

    Rüdiger Safranski: Ich glaube, man muss ihm da Recht geben. Es ist ein großes Problem, dass wir jetzt auch in dieser Auseinandersetzung besonders spüren, wenn wir uns fragen, ja, welche Werte verteidigen wir eigentlich. Und dass wir welche aus unserer Tradition heraus zu verteidigen haben, ist ja eigentlich auch klar, weil wir unsere liberale Gesellschaftsform und unsere Freiheit schätzen und sie ist wirklich verteidigenswert. Da war also, und das gehört zu unserem christlichen Abendland, da war also ein Gewaltenteilungsmodell, so eine Balance, zwischen dem, was auch jetzt irdisch und von heute auf morgen so wichtig ist, die staatlich verfasste Ordnung und auf der anderen Seite Gott, der dann dafür zuständig war, den inneren Kern des Selbst, den inneren Halt, auch über den Tag hinaus, zu gewährleisten. Und nun haben wir in der Geschichte der Säkularisierung, haben wir jetzt einen Prozess gehabt, wo diese andere Seite, gewissermaßen entkernt worden ist. Da war dann zunächst mal übriggeblieben statt Gott: Kultur, Tradition und jetzt ist diese, wir haben gewissermaßen eine zweite Welle der Säkularisierung erlebt, wo die religiösen Kerne der Kultur auch noch mal wegsäkularisiert worden sind und wir vor dem Problem einer Leere und auch eines Nihilismus stehen. Wir merken, man glaubt an zu wenig, wenn man nur an die Ökonomie glaubt, oder nur an sich selbst im Sinne eines Endverbrauchers, eines Singles, der da als Atom durch die soziale Welt surft.

    Schäfer-Noke: Botho Strauss sieht in der momentanen Krise auch eine Chance und zwar die Chance zur Wiederbelebung westlicher Werte aus der Konkurrenz mit dem Islam. Was sind denn da für Sie die Werte, die wir wieder beleben sollten?

    Safranski: Ich meine, auch auf die Gefahr hin, dass das immer wieder trivial klingt, aber es ist natürlich das wichtigste, das Abendland, das christliche Abendland, und die christliche Tradition, hat auf die Bildung des Menschen zu einer Persönlichkeit, zu einem Individuum gesetzt, auch unter spirituellen Voraussetzungen. Der christliche Gott spricht den Menschen nicht als Stammeswesen an, sondern als Individuum, als Du gewissermaßen. Und wer mal von Gott geduzt worden ist, der weiß dann auch, was Individuum bedeuten könnte, sich zu einer Person zu entwickeln mit allem was dazu gehört. Mit der Fähigkeit zu hören, zu sprechen, sich zu verständigen, Rücksichtnahme zu üben, Toleranz, die nicht einfach nur Gleichgültigkeit ist, ein geistiges Etwas zu bewohnen, einen Sinn für die Schönheit zu haben, Empathie. Wir müssen die Menschen vor der Verwahrlosung bewahren. Wir müssen sie zu Personen erziehen. Früher gab es mal diesen altmodischen Ausdruck der Herzensbildung, traut man sich ja gar nicht in den Mund zu nehmen. Das heißt, was wir bräuchten ist eine, nicht nur eine Ausbildungsoffensive, wie bräuchten eine Bildungsoffensive, wir bräuchten eine Erziehungsoffensive. Und das ist viel mehr als in einer verkrampften Wettbewerbshysterie Anschluss zu gewinnen an bestimmte Wissensstandards.

    Schäfer-Noske: Botho Strauss glaubt ja, dass durch eben diese Konkurrenz zum Islam eine Erneuerung der kulturellen Anstrengung auch wirklich möglich ist. Sind Sie da ähnlich optimistisch?

    Safranski: Naja, schauen Sie, so wie wir jetzt reden, wir werden ja herausgefordert, das ist schon die indirekte Wirkung. Wir werden herausgefordert, uns noch mal mit einem neuen Ernst über unsere eigenen Werte zu beugen. Da ins Grübeln zu kommen, das ist wirklich schon der Anstoß. Und Botho Strauss weist darauf hin, dass wir in dieser Konfrontation auch eine Chance sehen sollten und uns auf die eigenen Grundlagen auch besinnen.