Christoph Schmitz: Wir bleiben bei der Zeitgeschichte. Das Jahr 1989 steht für eine Zeitenwende. Das Ende des sozialistischen Experiments markiert den Beginn einer neuen Epoche in der Menschheitsgeschichte. Flankiert von technischen, vor allem informationstechnologischen Revolutionen. Anlass genug für die Bundeszentrale für politische Bildung und die Kulturstiftung des Bundes und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und das Institut für Zeitgeschichte in München und viele weitere historische Forschungseinrichtungen, ein viertägiges Geschichtsforum in Berlin zu veranstalten, das jetzt gerade beginnt und am Sonntag endet. "Geschichtsforum 1989 | 2009" heißt die Veranstaltung mit über 150 Programmpunkten wie Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Konzerten, Theater- und Filmvorführungen im Deutschen Historischen Museum, im Maxim-Gorki-Theater und auf den Freiflächen zwischen Museumsinsel und Brandenburger Tor. Ich habe den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, zuerst gefragt, ob es eher um deutsch-deutsche oder europäische Geschichte oder gar die globale Zeitenwende geht.
Thomas Krüger: Wir wollen die pluralen Zugänge zur Zeitgeschichte ermöglichen, und dazu muss man sehr viel an Zugängen tatsächlichen organisieren und ermöglichen. Die Problematik ist, dass wir es ja mit sehr vielen Geschichtsikonen, vorgeprägten Geschichtsinterpretationen, ja geradezu mit Geschichtspolitik zu tun haben. Und dem die Stimmen der vielen, die Perspektiven der vielen, die Interpretationen der vielen entgegenzusetzen, ist eigentlich Ziel unseres Geschichtsforums. Wir haben deshalb sehr viele verschiedene Träger sowohl der politischen Bildung als auch kultureller Angebote, internationale Player eingeladen, sich mit den Fragen der Zeitgeschichte, der Zeitenwende 1989 auseinanderzusetzen und eben Perspektiven, auch Möglichkeiten der Aneignung von Zeitgeschichte, der Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte zu erleben.
Schmitz: Welche Grundfragen haben Sie als Veranstalter oder als Mitveranstalter diesem Geschichtsforum unterlegt?
Krüger: Uns ging es darum, zunächst erst Mal zu fragen, wie Zeitgeschichte von vor 20 Jahren heute gegenüber einer Generation vergegenwärtigt werden kann, die das alles nicht erlebt hat. Und deshalb ist es uns sehr wichtig, hier möglichst breite Zugänge zu ermöglichen, unterschiedliche Genres zu bedienen. Und deshalb sind für uns gerade sehr wichtig die kulturellen Veranstaltungen, die den Horizont noch einmal viel weiter aufmachen, als das durch reine Diskursveranstaltungen, durch Diskussionen oder Streitgespräche möglich ist. Wir haben deshalb mit dem Maxim-Gorki-Theater, die ein Theater-Event unter dem Titel "Korrekturen" organisieren, einen starken Partner vor Ort gewonnen, wenn man so will in unserem Campus zwischen der Humboldt-Universität, dem Maxim-Gorki-Theater und dem Deutschen Historischen Museum. Wir haben einen theatralen Staffellauf, der durch die gesamte Stadt führt. Hier haben wir internationale Grafiker eingeladen, sich mit Stichworten wie Volk, Nation, Europa, Diktatur, Utopie auseinanderzusetzen, und es wird eine sehr spannende Plakatausstellung präsentiert.
Schmitz: Herr Krüger, das heißt also, Sie schauen auch in die Zeit vor 89. Es gibt eine Veranstaltung, eine Podiumsveranstaltung, die heißt "Den Kommunismus erzählen", das heißt, es soll nicht nur beleuchtet werden, was also 89 war und was danach geschah, sondern auch erzählt werden, was die sozialistischen Unrechtsregime, was die linken Diktaturen mit ihren Gesellschaften und den einzelnen Menschen gemacht haben?
Krüger: In der Tat. Wir wollen den Weg zu 89 nachzeichnen, gleichzeitig aber die Ideen, die Utopie, die Fantasie der Straße, die Fantasie der Künste auch vergegenwärtigen und fragen, was beispielsweise für heutige Herausforderungen, wie zum Beispiel die Finanzkrise, an Ideen, an Erinnerung wachgerufen, abgerufen werden kann, das Stück Zeitgeschichte, was wir in diesem Jahr verhandeln, auch in die Gegenwart zu holen und nicht etwa nur zurückblicken, nur in Erinnerungen schwelgen. Wir haben deshalb dezidiert eine Dramaturgie der Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte gewählt, was natürlich auch zum Gegenstand haben muss, dass man den Weg nach 89 nachzeichnet.
Schmitz: Wie kann denn die Erfahrung des Kommunismus und des Sozialismus aktiviert werden zur Bewältigung der gegenwärtigen Probleme wie die Finanzkrise?
Krüger: Ein Beispiel ist, wie sind Leute aus ihrem privaten Umfeld herausgetreten, zu politischen Akteuren in der Öffentlichkeit geworden? Wie hat sich Bürgerschaft organisiert, um politischen Maßstäben zu widersprechen, sie unter Druck zu setzen, ihnen herausfordernd gegenüberzutreten? Ich glaube, viele dieser Momente sind wichtig, auch wenn es um Weichenstellung in der Gegenwart geht. Wird einfach nach der Finanzkrise so weitergemacht und zur Tagesordnung wieder übergegangen wie vorher oder werden tatsächlich Weichenstellungen vorgenommen im Bereich der Politik? Das ist derzeit noch nicht absehbar, und deshalb brauch es die Bürgerschaft, um sich auch in diese Prozesse einzumischen.
Schmitz: Das heißt, es geht um die Wiedergewinnung des demokratisch aktiven Bürgers?
Krüger: Das kann man so sagen. Es geht darum, dass sich Menschen als politische Akteure verstehen, das war das Besondere von 1989. Es ist kein organisierter Prozess gewesen von irgendjemand, von irgendwelchen großen Politikern, von Staaten, sondern es war ein Prozess, der durch aktivierte Bürger vorangetrieben worden ist und auf sehr verschiedene Weise in den Ländern. 89 ist ohne die Solidarność überhaupt nicht zu verstehen, ist ohne Charta 77 nicht zu verstehen, auch ohne die Bürgerrechtsbewegung in der DDR nicht zu verstehen. Und das nachzuzeichnen, auch in seiner Differenziertheit, in seinen unterschiedlichen Facetten, kann durchaus den einen oder anderen Stoß für gegenwärtige, herausfordernde, politische Themen bringen.
Schmitz: Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, über das "Geschichtsforum 1989 | 2009" in Berlin.
Thomas Krüger: Wir wollen die pluralen Zugänge zur Zeitgeschichte ermöglichen, und dazu muss man sehr viel an Zugängen tatsächlichen organisieren und ermöglichen. Die Problematik ist, dass wir es ja mit sehr vielen Geschichtsikonen, vorgeprägten Geschichtsinterpretationen, ja geradezu mit Geschichtspolitik zu tun haben. Und dem die Stimmen der vielen, die Perspektiven der vielen, die Interpretationen der vielen entgegenzusetzen, ist eigentlich Ziel unseres Geschichtsforums. Wir haben deshalb sehr viele verschiedene Träger sowohl der politischen Bildung als auch kultureller Angebote, internationale Player eingeladen, sich mit den Fragen der Zeitgeschichte, der Zeitenwende 1989 auseinanderzusetzen und eben Perspektiven, auch Möglichkeiten der Aneignung von Zeitgeschichte, der Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte zu erleben.
Schmitz: Welche Grundfragen haben Sie als Veranstalter oder als Mitveranstalter diesem Geschichtsforum unterlegt?
Krüger: Uns ging es darum, zunächst erst Mal zu fragen, wie Zeitgeschichte von vor 20 Jahren heute gegenüber einer Generation vergegenwärtigt werden kann, die das alles nicht erlebt hat. Und deshalb ist es uns sehr wichtig, hier möglichst breite Zugänge zu ermöglichen, unterschiedliche Genres zu bedienen. Und deshalb sind für uns gerade sehr wichtig die kulturellen Veranstaltungen, die den Horizont noch einmal viel weiter aufmachen, als das durch reine Diskursveranstaltungen, durch Diskussionen oder Streitgespräche möglich ist. Wir haben deshalb mit dem Maxim-Gorki-Theater, die ein Theater-Event unter dem Titel "Korrekturen" organisieren, einen starken Partner vor Ort gewonnen, wenn man so will in unserem Campus zwischen der Humboldt-Universität, dem Maxim-Gorki-Theater und dem Deutschen Historischen Museum. Wir haben einen theatralen Staffellauf, der durch die gesamte Stadt führt. Hier haben wir internationale Grafiker eingeladen, sich mit Stichworten wie Volk, Nation, Europa, Diktatur, Utopie auseinanderzusetzen, und es wird eine sehr spannende Plakatausstellung präsentiert.
Schmitz: Herr Krüger, das heißt also, Sie schauen auch in die Zeit vor 89. Es gibt eine Veranstaltung, eine Podiumsveranstaltung, die heißt "Den Kommunismus erzählen", das heißt, es soll nicht nur beleuchtet werden, was also 89 war und was danach geschah, sondern auch erzählt werden, was die sozialistischen Unrechtsregime, was die linken Diktaturen mit ihren Gesellschaften und den einzelnen Menschen gemacht haben?
Krüger: In der Tat. Wir wollen den Weg zu 89 nachzeichnen, gleichzeitig aber die Ideen, die Utopie, die Fantasie der Straße, die Fantasie der Künste auch vergegenwärtigen und fragen, was beispielsweise für heutige Herausforderungen, wie zum Beispiel die Finanzkrise, an Ideen, an Erinnerung wachgerufen, abgerufen werden kann, das Stück Zeitgeschichte, was wir in diesem Jahr verhandeln, auch in die Gegenwart zu holen und nicht etwa nur zurückblicken, nur in Erinnerungen schwelgen. Wir haben deshalb dezidiert eine Dramaturgie der Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte gewählt, was natürlich auch zum Gegenstand haben muss, dass man den Weg nach 89 nachzeichnet.
Schmitz: Wie kann denn die Erfahrung des Kommunismus und des Sozialismus aktiviert werden zur Bewältigung der gegenwärtigen Probleme wie die Finanzkrise?
Krüger: Ein Beispiel ist, wie sind Leute aus ihrem privaten Umfeld herausgetreten, zu politischen Akteuren in der Öffentlichkeit geworden? Wie hat sich Bürgerschaft organisiert, um politischen Maßstäben zu widersprechen, sie unter Druck zu setzen, ihnen herausfordernd gegenüberzutreten? Ich glaube, viele dieser Momente sind wichtig, auch wenn es um Weichenstellung in der Gegenwart geht. Wird einfach nach der Finanzkrise so weitergemacht und zur Tagesordnung wieder übergegangen wie vorher oder werden tatsächlich Weichenstellungen vorgenommen im Bereich der Politik? Das ist derzeit noch nicht absehbar, und deshalb brauch es die Bürgerschaft, um sich auch in diese Prozesse einzumischen.
Schmitz: Das heißt, es geht um die Wiedergewinnung des demokratisch aktiven Bürgers?
Krüger: Das kann man so sagen. Es geht darum, dass sich Menschen als politische Akteure verstehen, das war das Besondere von 1989. Es ist kein organisierter Prozess gewesen von irgendjemand, von irgendwelchen großen Politikern, von Staaten, sondern es war ein Prozess, der durch aktivierte Bürger vorangetrieben worden ist und auf sehr verschiedene Weise in den Ländern. 89 ist ohne die Solidarność überhaupt nicht zu verstehen, ist ohne Charta 77 nicht zu verstehen, auch ohne die Bürgerrechtsbewegung in der DDR nicht zu verstehen. Und das nachzuzeichnen, auch in seiner Differenziertheit, in seinen unterschiedlichen Facetten, kann durchaus den einen oder anderen Stoß für gegenwärtige, herausfordernde, politische Themen bringen.
Schmitz: Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, über das "Geschichtsforum 1989 | 2009" in Berlin.