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Wohnen in der Tonne

Wohnungen für Studenten sind knapp - seit Jahren. Karlsruher Architektur-Studenten haben nun - im Scherz - die ideale Wohnform für angehende Akademiker entwickelt. Eine Tonne zum Wohnen: platzsparend, multikfunktionell und bei Bedarf leicht von einem Ort zum anderen zu transportieren.

Von Johannes Halder | 26.10.2009

Wohnen in der Tonne - ein Projekt der Uni Karlsruhe
Wohnen in der Tonne - ein Projekt der Uni Karlsruhe (Universität Karlsruhe)
Da liegt sie mitten auf der Wiese im bunten Herbstlaub: drei Meter lang, zwei Meter fünfzig hoch, eine Tonne zum Wohnen. Tisch und Bett, Miniküche und WC – die tolle Rolle hat alles an Bord, sagt Birgit Braun, Studentin der Architektur im 13. Semester, die an dem Entwurf beteiligt war:

"In dieser Position stehe ich hier, habe rechts mein Spülbecken, das auch unter einer Klappe verschwunden ist, jede Funktion verschwindet unter einer Klappe, und die linke Klappe, da befindet sich der Herd und unten drunter eine Gasflasche. Oben drüber haben wir zwei Wassertanks, durch eine Klappe kann man den Wasserhahn herunterlassen und somit an der Spüle betätigen, und wenn wir diese Rolle dann weiterrollen, dann kommen wir zum WC-Bereich. Das ist ’ne Chemietoilette. Die Chemietoilette ist auf Rollen auch noch gelagert, so dass sie sich immer mitdreht und immer in der Horizontalen bleibt."

Das ist wichtig, nicht nur bei der Toilette. Und wer mal eine Runde schlafen will, kann das selbstverständlich auch in der Horizontalen.

"Wenn man das hier weiterdreht, kommen wir hier zum Bett. Da haben wir einen Lattenrost, unten drin kann das Bettzeug verstaut werden. Wenn es dann herausgeholt wird, wird der Lattenrost zurückgeschoben, die Matratze draufgelegt, und dann kann der Student hier schlafen."

Zugegeben, ein bisschen kommt man sich vor wie in einem Laufrad. Doch der Platz reicht aus, allein der Flur hat theoretisch sieben Quadratmeter.

"Guerilla Housing" hat Projektleiter Camille Hoffmann vom Institut für Tragkonstruktionen der Fakultät die Aufgabe genannt, die er seinen Studenten stellte. Mit der mobilen Notbehausung, so die Idee, soll öffentlicher Raum besetzt werden, auch als taktischer Protest gegen studentische Wohnungsnot: schnell, beweglich, subversiv.

"Das ist temporär, dass soll temporär sein. Ich bin nicht an einen Ort gebunden und suche mir erst mal meinen Platz aus, so wie hier den schönsten Platz im Campus und besetz ihn erst mal."

24 Entwürfe hatten die angehenden Architekten abgeliefert, eine studentische Jury kürte daraus dann den Sieger.

"Es gab Projekte, die ich an mein Fahrrad hängen kann, es gab Projekte, die ich vom Hänger kippe. Meistens waren es halt irgendwelche Kisten, die man aufklappen konnte, die man falten konnte, die man verstellen konnte, und ich denke, am eindringlichsten hat dieses Projekt gewonnen, weil es an sich die Form schon suggeriert, dass es rollbar ist."

"Roll It" heißt denn auch der verwirklichte Siegerentwurf. Rund eine Tonne wiegt das runde Ding, gekostet hat der Prototyp aus Holz knapp 10.000 Euro an Sponsorengeld. Natürlich, glaubt Projektleiter Hoffmann, müsse man an Details noch tüfteln, vor allem, was das Material betrifft. Doch zumindest als Provisorium hält er die Wohntonne für durchaus praxistauglich.

"Ich denke, der Bedarf besteht. Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, hätte ich mir das gewünscht, weil ich sehr lange nach einer Wohnung gesucht habe. Und das würde genau diesen Bedarf abdecken."

Gleich gegenüber auf dem Karlsruher Campus sitzt der Wirtschaftsingenieur Tim Lagerpusch in einem schicken Pavillon. Er leitet das gerade gegründete Center für Innovation und Entrepreneurship der Universität und ist begeistert:

"Wahnsinnig viele Besucher, und ich find das halt ein sehr tolles Möbelstück oder auch sogar ein Wohnhaus und hab auch schon meine Ideen geäußert, wie wir denn damit vorangehen und wie man das weitertreiben kann, wie man da vielleicht ein Gründungsunternehmen oder das als erstes Möbelstück für ’ne neue Unternehmensgründung hinbekommt und wie man das auch vertreiben kann. Spannendes Thema."