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Xavier Dolan
Das Filmemacher-Wunderkind aus Kanada

Er ist gerade einmal 25 Jahre alt, hat bereits fünf Filme gemacht und in diesem Jahr in Cannes den Jurypreis gewonnen. Das Anderssein und wie die Gesellschaft darauf reagiert, ist Xavier Dolans Thema. Jetzt kommt sein Film "Mommy" in unsere Kinos.

Von Sigrid Fischer | 10.11.2014
    Seine Filme sind sein Leben. Das Kino ist die Rache am Leben, sagt Xavier Dolan, weil man im Nachhinein Dinge tun kann, die in der Realität nicht möglich waren. Und er lässt keinen Zweifel daran: Wer seine Filme schaut, der lernt ihn auch persönlich kennen.
    "Ich war selbst ein sehr gewalttätiges Kind. Durch die Filme kann ich die Wut kanalisieren. Ich kann sie auf meine Figuren übertragen - und die rächen mich oder meine Mutter oder die Opfer der Gesellschaft."
    "I Killed My Mother" war der erste cinematografische Racheakt des energiegeladenen Kanadiers. Mit 17 hat er das autobiografisch gefärbte Drehbuch über einen verhaltensauffälligen schwulen Teenager und dessen alleinerziehende Mutter geschrieben. Mit 19 hat er es inszeniert und selbst die Hauptrolle gespielt.
    Er: "Du machst mich wahnsinnig!"
    Sie: "Es gibt niemanden, der es Dir recht machen kann."
    Er: "Ich will weg, von mir aus in die Wüste, da hätte ich meine Ruhe. Ich grab mir ein Loch in die Düne, ohne Wasser, ohne Luft, ohne alles, is mir egal, Hauptsache ich bin Dich los!"
    "I Killed My Mother" ist eine reife und selbstkritische Auseinandersetzung mit sich selbst als schwierigem Jugendlichen. Auf das Thema kommt er jetzt in seinem fünften Spielfilm "Mommy" wieder zurück. Die verwitwete Mutter versucht einen Neuanfang mit ihrem hyperaktiven und aggressiven Sohn, der im Erziehungsheim Feuer gelegt hat.
    Er: "Und ich bin nur n Haufen Scheiße?"
    Sie: "Nein, Du bist weit davon entfernt, n Haufen Scheiße zu sein. Du bist ein Prinz, mein Prinz, das bist du."
    Das Anderssein und wie die Gesellschaft darauf reagiert, das ist sein Thema. Auch in seinem umstrittenen Video zum Song "College Boy" der Band Indochine. Da wird ein Schüler von seinen homophoben Kameraden brutal zusammengeschlagen und ans Kreuz genagelt.
    Emotionale Achterbahnfahrten
    Egal, ob es um die Mutter-Sohn-Beziehung geht, um homo-, hetero-, bi- oder transsexuelle Liebe: Dolan erzeugt mit seinen Filmen emotionale Achterbahnfahrten. Von Lachen bis Heulen, nach seinem großen Vorbild "Titanic". Aber experimentierfreudiger: Er druckt Gedichtzeilen ins Bild, schneidet Köpfe an, mixt Schwarz-Weiß und Farbe, setzt Zeitlupen und spielt selbstbewusst und stilsicher mit popkulturellen Referenzen. Foto-, Bildbände und Modemagazine inspirieren ihn, auch Literatur und Theater. Und natürlich das Kino. Ja, manchmal klaut er schamlos, aber er macht was Eigenes draus.
    Auch beim Zusammenstellen der Soundtracks tobt er sich aus auf der Leinwand. Da steht Chanson neben Klassik neben französischem Elektropop neben Britpop neben amerikanischem Singer-Songwriting. Zurückhaltung und Bescheidenheit – sind seine Sache nicht.
    "Meine ganze Kindheit über hab ích zu hören bekommen: Komm zurück auf den Boden, hör auf, alles in rosarot zu träumen! Für wen hälst Du Dich? Ich sehe in meiner Generation einen Hang zum Ehrgeiz, das will ich feiern. Man muss große Visionen haben, von allem träumen. Denn alles ist möglich. Wenn man nur von wenig und von kleinen Dingen träumt, hat man am Ende auch nur wenig."
    Sein Ehrgeiz wird belohnt, bei Dolan-Filmen gibt es Szenenapplaus im Kino. Und nachdem er bisher nur in seiner Heimat Québec gedreht hat, wo er selbst vor Kameras steht, seit er vier ist, hat er den nächsten logischen Karriereschritt schon eingeleitet.
    Er würde gerne in Hollywood drehen, sagte er vor zwei Jahren. Sein aktuelles Drehbuch - eine Hollywoodsatire - kursiert dort schon eine Weile, und Schauspielerin Jessica Chastain hat wohl schon zugesagt. Er müsse unbedingt mal eine Pause einlegen, sagt Xavier Dolan in letzter Zeit öfter. Aber er sagt auch:
    "Drehsets produzieren eine Menge Adrenalin, das ist wie eine harte Droge, von der man nicht loskommt. Und ich konsumiere ziemlich viel davon, ich kann nicht ohne, ich muss kreativ sein. "