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StartseiteInterview"Von Hannah Arendt den Mut lernen"09.10.2016

110. Geburtstag von Hannah Arendt"Von Hannah Arendt den Mut lernen"

Hannah Arendt habe verstanden, dass der Massenmord an den europäischen Juden nur möglich war, weil es eine Mischung aus überzeugten Tätern, willfährigen Unterstützern und Mitläufern gab, sagte die Philosophin Bettina Stangneth im Deutschlandfunk. Wenn man heute in Situationen gerate, in denen man einfach mitmache, könne man nicht mehr sagen: ich habe das nicht gewusst.

Bettina Stangneth im Gespräch mit Britta Fecke

Die Politologin und Philosophin Hannah Arendt  (picture alliance / dpa)
Bettina Stangneth: Hannah Arendt war Philosophin im besten Sinne - eine Denkerin ihrer eigenen Zeit. (picture alliance / dpa)
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Britta Fecke: [...] Zu ihrem 110. Geburtstag in der nächsten Woche will ich mit der Hamburger Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth in die Gedanken und Ideenwelt der Hannah Arendt eintauchen. Frau Stangneth, die Themen dieser Denkerin sind von bleibender Aktualität und dennoch fand ich bei meiner Recherche in deutschen Buchläden mehr Werke von ihrem Lehrer Heidegger oder ihrem Lehrer und Freund Karl Jaspers - viel mehr Werke als von Hannah Arendt selbst.

Bettina Stangneth: Es gibt zwar seit je Veröffentlichungen von Hannah Arendt, aber man spricht lieber über sie und beruft sich lieber auf sie, als wirklich zu lesen, was sie geschrieben hat. Das liegt auch daran, dass sie nun einmal Philosophin ist und auch so schreibt. Das liest sich nicht so nebenbei, darauf muss man sich einlassen, da muss man selber auch sehr viel denken wollen, und das ist manchmal nicht so populär.

Fecke: Wobei sie ja doch einen eher journalistischen Schreibstil pflegt, im Gegensatz zu Heidegger.

Stangneth: Das ist nun das größte Kompliment, das Sie einem Philosophen machen können. Wenn Sie mich fragen, nämlich verständlich zu sein, die Frage, ob nun Heidegger ein Paradebeispiel für Philosophen ist, die lassen wir mal dahingestellt. Nein, für die Philosophie gilt seit Kant: Man hat klar zu sein und man hat fair zu sein mit dem Leser und ihm eine Chance zu geben einzusteigen. Und das kann sie!

"Hannah Arendt musste Deutschland 1933 verlassen"

Fecke: Die Themen, die sie philosophisch betrachtet hat, waren ja von politischen Ereignissen und auch von Anschauungen inspiriert. Getrieben war sie auch von der Frage, wie es möglich war, dass sechs Millionen europäische Juden ermordet werden konnten, wie das geschehen konnte, woher das Böse überhaupt kommt. Mit Kant kam sie da nicht weiter?

Stangneth: Nein, sie war ja Philosoph im besten Sinne des Wortes, nämlich ein Denker für ihre eigene Zeit. Und ihre eigene Zeit, die bedeutete die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus. Hannah Arendt musste 1933 Deutschland verlassen. Sehr, sehr hellsichtig ist sie sehr früh gegangen, war auch dann nur glücklicherweise acht Tage lang in Gestapo-Haft und kam da aber wieder raus. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass es immer schlimmer wurde. '41 war sie dann in den USA und sah von dort aus was geschah und konnte die Katastrophe natürlich nicht aufhalten - wie denn auch. Aber das wurde dann zu ihrem Lebensthema, sich zu fragen, wie war es möglich. Auf diese Frage hatte kein Philosoph der vorherigen Jahrhunderte eine Antwort. Warum nicht? - Ja weil keiner es erlebt hatte.

Fecke: Auch wenn Eichmann nicht das richtige Beispiel war, so ist ja ihre Theorie von der Banalität des Bösen durchaus richtig. Wann greift denn diese Banalität nicht mehr, wenn man das Böse erklären will?

Stangneth: Zunächst mal hat Hannah Arendt einfach verstanden, dass man so ein Unternehmen wie den Massenmord an den europäischen Juden nur ausführen kann, wenn man eine Mischung herstellt wie bei einer funktionierenden Firma aus überzeugten Tätern, aus willfährigen Unterstützern, aber auch aus denen, die einfach nur so mitlaufen. Und die Banalität des Bösen war der Versuch zu erklären, wie es dazu kommt, dass sich Menschen an solchen Taten beteiligen, ohne jetzt Hass oder Gräuel oder andere typisch böse Motive zu haben, aus denen man so etwas macht. Man kommt damit nicht weiter, das wusste aber auch Hannah Arendt, wenn man Menschen beschreiben möchte wie Adolf Hitler oder Heinrich Himmler oder jemanden, der tatsächlich aus Überzeugung Ideologien vertritt und entwirft, die auf den Massenmord hinarbeiten. Man kommt damit natürlich aber auch nicht weiter, wenn Sie es mit Menschen zu tun haben, die die Banalität des Bösen schon verstanden haben. Wir haben das in der Schule gelernt und es ist eben nicht mehr so einfach, dass ich mich jetzt selber darauf berufe, dass bei mir die Banalität des Bösen am Werke wäre, wenn ich doch genau weiß, was das ist.

"Wir können nicht mehr sagen, ich habe das ja nicht gewusst"

Fecke: Sie kommen auf die Moralphilosophie zu sprechen?

Stangneth: Ja! In dem Moment, wo ich verstanden habe, wie ein Böses zustande kommt, das ich eigentlich gar nicht wollte, in dem Moment, wo ich verstanden habe, wie dieser Mechanismus funktioniert, kann ich den nicht mehr als Entschuldigung für meine eigenen Taten anführen, weil ich das ja vorher wusste. Wir wissen heute, dass man sich an bösen Taten beteiligen kann, einfach nur, weil man nicht über den eigenen Tellerrand schauen will. Wir wissen, dass es möglich ist, einfach in Situationen zu geraten, in denen man mitmacht, weil man nicht reflektiert genug ist. Genau darum stehen wir heute unter einem ganz anderen Rechtfertigungsdruck, wenn wir trotzdem Böses tun, denn wir können nicht mehr sagen, ich habe das ja nicht gewusst. Das geht einfach nicht.

Fecke: Wenn wir in die heutige Zeit blicken: Der kategorische Imperativ hilft aber auch nicht zur Vermeidung des Bösen, zumindest nicht mit Blick auf die islamistischen Selbstmordattentäter.

Stangneth: Vorsicht! Natürlich hilft der auch dort, denn wenn ich mir eine Bombe um den Bauch binde, um mich gleich in der Mönckebergstraße hier in Hamburg in die Luft zu sprengen, dann hilft mir der kategorische Imperativ, sehr wohl zu erkennen, dass ich das unter gar keinen Umständen tun darf. Bei Kant ist gemeint: Man darf nichts tun, was nicht zu einem allgemeinen Gesetz für jeden Menschen auf der Welt taugt, und wenn das Selbstmordattentat als allgemeines Gesetz taugt, dann ist die Menschheit morgen weg. Das können wir alle nicht wollen, also ist das schlicht böse. Man tötet nicht - Punkt!

Und das Problem, das wir haben - Sie haben es vielleicht gelesen, es gibt eine neue Studie über Selbstmordattentäter, über Menschen, die sich dem IS anschließen, und diese Studie besagt ganz eindeutig, dass es sich dabei um Menschen mit einem sehr hohen Bildungsstand handelt. Es ist also keineswegs so, dass da dumme, verirrte, kleine Jungs und Mädels irgendwo hinrennen, sondern das sind Menschen, die gebildet sind, meist ja auch bei uns, auf unsere Schulen gegangen sind, es sind unsere Kinder, bei uns sozialisiert, und die sehr wohl wissen, was Moralvorstellungen sind, und die nach ihrem Weg suchen, etwas Sinnvolles zu tun. Dass das dann voll daneben geht, ist eine Aufgabe für die Philosophie, das zu verstehen, wie es sein kann, dass man genau weiß, was Vernunft ist, dass man genau weiß, was Pflicht ist, was moralische Anforderungen an den Menschen sind, und sich dann in eine Richtung selber leitet, die aber keiner wollen kann und auch keiner so gewollt hat, als wir sie aufgefordert haben, mündig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen.

"Es ist ein Amoklauf gegen die eigene Vernunft"

Fecke: Es ist also ein bewusstes Handeln gegen die Moral?

Stangneth: Gegen die Vernunft! - Es ist sozusagen die Rebellion gegen die Vernunft. Es ist der Versuch, eine höhere Moral für sich zu finden, weil man das Gefühl hat, dass das andere nicht hilft oder einem selber nichts bringt. Es ist ein Amoklauf gegen die eigene Vernunft, die man aber kennt.

Das ist etwas ganz anderes als das, woran Hannah Arendt gearbeitet hat und was sie richtig beschrieben hat, nämlich dass es Menschen gibt, die unvernünftig handeln, einfach weil sie mit der Vernunft nicht genug Umgang haben, weil sie sie nicht genug kennen, weil sie nicht reflektiert genug sind. Wir haben es in der Zwischenzeit auch - also auch - mit bösen Formen zu tun, die daher kommen, dass jemand zu viel denkt.

Fecke: Es ist aber nicht das radikal Böse, das Kant gemeint hat, oder?

Stangneth: Nein. Mit radikal böse ist etwas ganz einfaches gemeint. Radikal ist ein Wort, das Kant ausgewählt hat, kommt von Radix, die Wurzel. Er meinte nur, dass wir Menschen als Menschen die Möglichkeit haben, das Böse zu tun. Wir sind radikal böse, weil es in unseren Möglichkeiten liegt, das Böse zu tun, und zwar immer. Egal wie gebildet wir sind, egal wieviel wir wissen, egal was wir wollen, wir sind immer in der Lage, noch gegen das zu handeln, was wir selber für richtig handeln. Das ist unsere ganz radikale Freiheit, die jeder Mensch hat, und darum ist der Mensch radikal böse. Das bin ich ganz genauso wie Sie es sind und wie, pardon, Adolf Hitler es war.

"Man kann von ihr hervorragendes Formulieren lernen"

Fecke: Wie kann denn jetzt, wo Hannah Arendts 110. Geburtstag ansteht, wie kann denn zum Beispiel ihre Vorlesung zur Frage der Ethik uns heute noch helfen mit Blick auf Dschihadisten zum Beispiel?

Stangneth: Wobei uns Hannah Arendt helfen kann, das ist herauszufinden, was möglich ist, wenn man mutig denkt, wenn man wirklich sich auf seine Zeit, auf die Probleme der Zeit einlässt, wenn man hinschaut, wenn man nicht mit irgendwelchen hübschen Träumen daherkommt und denkt, ach, es wäre schön, wenn alles anders wäre, sondern wenn man in der Welt anfängt, in der man lebt. Man kann von Hannah Arendt das Denken lernen, man kann von ihr den Mut lernen und man kann von ihr hervorragendes Formulieren lernen nicht zuletzt.

Fecke: Sie haben mal gesagt, Denken ist nicht wie Stolpern. Was meinen Sie damit?

Stangneth: Denken ist etwas bewusstes. Denken ist eine Handlung, und wenn ich mich auf das Denken einlasse, mein eigenes genauso wie das von irgendeinem anderen, dann kann ich hinterher nicht sagen, das habe ich aber nicht so gemeint, oder das wollte ich nicht. Man kann denken und Gedanken nicht im selben Sinne zurücknehmen, wie man zum Beispiel sich dafür entschuldigen kann, dass man jemanden angerempelt hat. Das ist etwas ganz, ganz anderes. Wenn wir uns mit unserem Denken beschäftigen, dann bedeutet das auch, eigene Irrtümer anzuerkennen, sie deutlich zu reflektieren und sich auch von dem dann zu distanzieren. Das ist etwas anderes als zu sagen, ach, so hab ich das ja gar nicht gedacht, oder na ja, du weißt doch, ich drück mich immer unklar aus. Das ist etwas, was wir uns nicht mehr erlauben dürfen.

Fecke: In dieser Zeit oder schon immer?

Stangneth: Eigentlich schon immer, natürlich. Wenn man darüber spricht, dass der Mensch als Vernunftswesen einfach die Selbstverpflichtung hat, aus sich das Beste zu machen, was er kann, dann gilt das schon immer. Heute gilt das in einem gesteigerten Maße, weil wir ja alle Zugang zu Medien haben, nicht nur indem wir sie rezipieren, sondern auch, indem wir sie prägen. Wir alle können heute einen Blog im Internet haben oder bei Facebook oder einem anderen Social Media Anbieter irgendetwas hinposten, was andere Menschen lesen, und wir haben eine Verantwortung für das, was wir da schreiben. Das ist nicht einfach nur so dahingesagt, sondern wir müssen immer auch darauf reflektieren, dass es Menschen gibt, die das lesen, und wir haben dann eine Verantwortung für das, was wir sagen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Sie können das Interview bis zu sechs Monate lang in unserem Audio-on-demand-Angebot nachhören.

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