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StartseiteEuropa heute20 Jahre nach der serbischen Belagerung von Sarajevo03.04.2012

20 Jahre nach der serbischen Belagerung von Sarajevo

Das multikulturelle Zusammenleben gibt es nicht mehr

Die Bürger von Sarajevo waren sich sicher, zu ihnen würde der Krieg nicht kommen. Denn die Stadt galt in Jugoslawien als einzigartiges Modell der Toleranz und des multikulturellen Zusammenlebens. Doch vor 20 Jahren begann mit der Einnahme des internationalen Flughafens die Umzingelung der Stadt durch die bosnischen Serben.

Von Dirk Auer

Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)
Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)
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Vetka Vranic, eine Frau mit Kinn langem weißen Haar und schwarzumrandeter Brille, steht vor ihrem Haus und blickt auf die herumliegenden Berge. "In dieser Richtung liegt Pale, da haben sie sich verschanzt - und dann von dort oben auf uns herunter geschossen", erzählt sie.

"Es ist, als ob es gestern gewesen wäre. Es war schlimmer als die Hölle. Ich weiß immer noch nicht, wie wir das eigentlich überlebt haben."

Über 300 Granaten feuerten die Angreifer täglich auf Sarajevo. An einem Tag, im Juli 1993, waren es sogar fast 4000. Geschossen wurde auf Menschen, Krankenhäuser, Märkte, Moscheen und Kirchen. Und überall lauerten Heckenschützen. Der Gang durch die Stadt, insbesondere über gut einsehbare Kreuzungen oder Plätze, wurde für die Bewohner so zum Spießrutenlauf – oft mit tödlichem Ausgang.

"In dieser Straße gab es viele Gebäude aus Holz, die in Brand geschossen wurden. Als die Bewohner herbeieilten, um zu löschen, haben die Serben wieder geschossen, und es gab viele Tote und Verletzte. Mein Schwager war auch dabei, und als er sich zu Hause hingesetzt hatte, weil er erschöpft war, ist eine der Granaten direkt in seinem Schoß gelandet."


Vetka Vranic geht zu zurück ins Haus. Dort, in einem granatensicheren Raum spielte sich das Leben der Familie ab. In der Mitte stand ein improvisierter Blechofen, hier schliefen sie, kochten sie und verfeuerten in drei strengen Wintern alles, was nur irgendwie brennbar war: erst die Bäume und Sträucher aus dem Garten, dann den Müll und schließlich ging es an die Bücherregale. Viele Menschen hatten am Ende der Belagerung ihre gesamte Wohnungseinrichtung verheizt.

"Über die humanitäre Hilfe haben wir Mehl und Öl bekommen. Manchmal gab es auch Reis und Nudeln. Das größte Problem aber war Strom und Wasser, vor allem Wasser. Wenn man Kerzen hatte, konnte man noch was tun, aber kein Wasser, das war das Schwerste."

Damals wurde oft von einem ethnischen Konflikt gesprochen. Doch die Realität war komplizierter – obwohl großserbische Gedanken eine Rolle spielten. Aber selbst 1994 lebten in Sarajevo immer noch bis zu 50.000 Serben. Wie ihre muslimischen Nachbarn litten sie unter dem täglichen Beschuss, viele von ihren schlossen sich sogar der bosnischen Armee an, um ihre Stadt gegen die Angreifer zu verteidigen. Einer von ihnen ist Jovan Divjak, ein ehemaliger General der Jugoslawischen Volksarmee, der bis heute in ganz Sarajevo als Kriegsheld verehrt wird.

"Ich habe mich einfach nur geweigert, mich auf die Seite der Angreifer zu schlagen, auf die Seite der Nationalisten, die glaubten, die Serben seien das wichtigste Volk der Welt. Sarajevo, meine Stadt, wurde angegriffen, was sollte ich machen? Und bis heute denke ich: Es war das Beste, was ich je gemacht habe."

Im August 1995 begann die NATO mit Luftschlägen gegen die serbischen Stellungen. Wenig später wurde der Krieg mit dem Abkommen von Dayton beendet. Bosnien sollte sich zukünftig aus zwei sogenannten Entitäten zusammensetzen: der Republika Srpska und der muslimisch-kroatischen Föderation. Ein Abkommen, das de facto das Ergebnis der ethnischen Säuberungen zementierte, schimpft Divjak.

"Ich lehne das ab. Bosnien wurde praktisch ethnisch geteilt. Und es funktioniert einfach nicht: Es gibt keinen gemeinsamen Markt. Die Wirtschaft liegt am Boden, es ist schlimmer als vor zehn Jahren. Es gibt keinen Export, überall ist Chaos. Und anderthalb Jahre lang hatten wir noch nicht einmal eine Regierung auf gesamtstaatlicher Ebene."

Die Zerstörungen des Krieges sind heute weitgehend behoben. Nur das einzigartige Zusammenleben gibt es nicht mehr. Viele Serben haben das alte Sarajevo verlassen, der serbische General ist geblieben. Noch immer wohnt er in seiner kleinen bescheidenen Wohnung am Rande der Altstadt, seit einigen Jahren leitet er eine Hilfsorganisation für Waisenkinder aller Volksgruppen. Und er hat ein Buch geschrieben. Der Titel: "Sarajevo. Mon amour".

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