Freitag, 27.04.2018
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKultur heuteDie Wiederentdeckung der Revue18.12.2017

"Alles Schwindel" am Gorki-TheaterDie Wiederentdeckung der Revue

Ein junges Paar, das erste Date, eine Abfolge aberwitziger Situationen, sensationelle Musik: Die Revue "Alles Schwindel" von Mischa Spoliansky wurde 1931 in Berlin uraufgeführt. Nun wagt sich das Gorki-Theater an eine Wiederbelebung, bei der Kostüme und Bühnenbild den Zauber der Zeit ins Visier nehmen.

Von Michael Laages

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Szenenfoto aus "Alles Schwindel" im Maxim Gorki Theater Berlin (Ute Langkafel/MAIFOTO)
Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf - die Revue beschwört das Berlin der 20er Jahre wieder herauf (Ute Langkafel/MAIFOTO)
Mehr zum Thema

Mischa Spolianskys Bühnenwerke Schwierige Kunst der "Leichten Muse"

"Alles Schwindel" im Maxim Gorki Revue-Theater mit Brücken zur Weimarer Zeit

"Radikale Jüdische Kulturtage" am Maxim Gorki Theater Ein Festival der Provokation und Selbstbefragung

"Nach uns das All" am Maxim Gorki Theater Intelligentes, unterhaltsames Kabarett

Neue Spielzeit am Maxim-Gorki-Theater "Desintegriert euch!"

Noch einmal kam Mischa Spoliansky zurück nach Berlin, 1977, als das Programm der Festwochen ganz dem Kabarett der 20er Jahre gewidmet war; und er erzählte von vergangener Zeit. Noch einmal sang Margo Lion die Lieder von damals, auch den Song von der Gesellschaft aus der "Schwindel"-Revue".

"Nach einer Vorstellung kam Friedrich Hollaender und bot mir an, ob ich die Stelle im ‚Schall und Rauch‘, dem Cabaret, annehmen würde - das war auch sofort erfolgreich."

Programmheft im Layout alter Zeitungen

Da ist also stets ein wirklich weiter Bogen zu spannen, wenn die Arbeiten von Spoliansky und Schiffer wieder auf die Bühnen der Nachgeborenen kommen - das Maxim-Gorki-Theater beschreibt ihn mit einer nicht ganz neuen, aber mächtig gelungenen Idee: Das Programmheft besteht aus acht Seiten der "Berliner Sorgenpost" und steckt voller historischer Details im Wimmelbild des alten Zeitungs-Layouts.

In der Inszenierung nehmen vor allem Kostüm und Bühne den Zauber der Zeit ins Visier-Adriana Braga Peretzki (übrigens auch Castorfs Kostümfrau und eine Meisterin!) und Frank Schönwald dürfen sich eine Orgie an Körperverformungen leisten, und die Bühne von Julia Oschatz spielt nicht nur mit gleich zwei Iris-Blenden wie im Fotoapparat (eine kann sogar richtig zuschnappen!), sondern beglaubigt auch demonstrativ den Titel des Abends -"Alles Schwindel" heißt eben auch: Kein Requisit ist echt, sondern zweidimensional und aus Pappe. Im zweiten Teil kommen sogar Kaffeekanne und Likörflasche zum Einsatz, jeweils mit Mensch drin; und alles beginnt mit einer entsprechend wandelnden Litfaß- und Ampel-Säule vom alten Alexanderplatz.

Haltlose Handlung

Wie schreibt ein gewisser "A.E." also sehr zu Recht in der "Vossischen Zeitung" am 12. April 1931, nachzulesen jetzt in der "Sorgenpost"? "Erfinderische Regie, reizvolles Bühnenbild, elegante Bühnentechnik bekränzen mit Musik und Tänzen eine leere Stelle, ein Loch, ein Nichts." Die Story nämlich - sie ist ziemlich haltlos und oberflächlich zusammen geschustert und handelt zunächst vom Kennenlernen per Kontaktanzeige. Zwei junge Leute treffen sich, unter (vermutlich) falschen Namen, und fahren beim ersten tête-à-tête erst mal ein Auto zu Schrott.

Die beiden geraten dann in eine Berliner Kneipe, in der aus touristenfängerischen Motiven alles noch ein bisschen gammeliger und krimineller sein soll als ohnehin schon, von wegen "authentisch"; hier wird auch (vielleicht) eine Kette geklaut wird, die dann ein Diebesgut-Dealer auf einer Hochzeitsparty der feineren Gesellschaft verticken will. Aber auch hier ist ja alles Schwindel, all diesen Luxus gibt es nur "auf Abzahlung". Das Pärchen findet zueinander im Billigst-Hotel; und natürlich löst sich schließlich alles in Wohlgefallen (und eine "echte" Heirat) auf.

Die Schauspieler machen alles richtig

Marcellus Schiffers Margo Lion und Gustaf Gründgens waren übrigens (das wissen wir aus der "Sorgenpost") die Protagonisten im Original 1931; Vidina Popov und Jonas Dassler sind es jetzt. Sie machen alles richtig, und Dassler hat auch einen schönen Monolog darüber, wie schwer es doch ist, leicht zu sein. Auch das war zu beweisen.

Oscar Olivos schwuler "running gag", nicht nur als Litfass-Säule übrigens, ist frei erfunden.

Spoliansky und Schiffer gehörten zwar zur vielgeschlechtlichen Berliner Szene der 20er Jahre; aber "Alles Schwindel" ist durchaus kein schwules Manifest. Und das Gorki-Team müht sich ja auch wenig (vielleicht sogar eher zu wenig) um Historisches. Der Schwindel von damals ist nicht der von heute.

Aber Spolianskys Musik bleibt sensationell, harmonisch sehr mutig und immer filigran - das Trio um Jens Dohle folgt ihr in alle Verästelungen. Das war mal deutsche Moderne. Sie wurde vertrieben und vernichtet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk