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Alte und neue Klänge

Start der Wiener Festwochen

Von Frieder Reininghaus

Giuseppe Verdi (AP Archiv)
Giuseppe Verdi (AP Archiv)

Mit "Quartett" von Luca Francesconis und Giuseppe Verdis "La Traviata" starten die Wiener Festwochen ihr Musikprogramm. "La Traviata" hat dabei das Zeug zum Weltkulturerbe.

Alfredo genießt die große Liebe, die ohne heißen Sex nicht vorstellbar ist. Saimir Pirgu tut's als tenor schmeichelnder Kissenheld und höhenfrisch, mit munterem Mut und Mund. Doch das Glück ist bekanntlich nicht von langer Dauer. Das zeigte bereits die Bebilderung der elegischen Introduktion mit einem Zeigefinger so groß wie der Turm des Stephansdoms: Hinterm durchscheinenden Vorhang lauerten da schon das Sterbebett, die Infusionsflaschen und eine Krankenschwester, die jemand die letzte Ehre erwies. Das heißt, sie notierte den Zeitpunkt, hängte die Kanülen ab und verpackte die sterblichen Reste für den Transport zum Endlager.

Und dann begann das Party-Getue – die Rückblende auf das kurze heftige und erfolgreiche Leben der Violetta Valérie. Im Hintergrund wartet der Wienerwald, in dem es zur Liebe auf dem Lande unaufhörlich schneit. Gabriele Viviani erscheint als Germont d.Ä. und als kompetent bassgestützter, klassisch familienbornierter und schlussendlich (aber leider zu spät) einsichtsfähiger Vater.

Ein Hoch freilich vornan auf den russischen Sängerinnenmarkt, der Irina Lungu bescherte mit ihrem traumwandlerischen Pianissimo und ihrem Anrühren in Freud und Leid, also beim Singen vom Qualitätspudern und der Tuberkulose.

Die neue Wiener Festwochen-"Traviata" ist so bildschön wie unoriginell. Sichtbar wurde ihr keine Erinnerung an die Sphäre des Escort-Service und die gelegentlichen finanziellen Nöte von deren Mitarbeiterinnen belassen. Man könnte diese Produktion zum Weltkulturerbe erklären. Das wäre vielleicht irgendwie auch gut für Österreich, das beim Song Contest in Baku so jämmerlich versungen hat.

Um Martern anderer Arten, der Sphäre des Ökonomischen völlig enthoben, geht es in den "Liaisons dangereuses", die Heiner Müller zum "Quartett" bearbeitete, und Luca Francesconi mit neuer Musik versah.

Es wird auf Englisch gesungen: von der Kunst der Verführung und der Gegensätzlichkeit männlicher und weiblicher Wünsche und Gewohnheiten – wobei sich die Rollen der Spiele vertauschen. "Das Fleisch hat seinen eigenen Geist", lautet einer der Kernsätze. Es geht also um ordinäre Verbindung und Entzweiung der Geschlechter wie um differenziertes Verlangen.

Alex Ollé lässt das erotische und obszöne Spiel auf Liebe und Tod zu den zunächst ganz luftig auftauchenden und recht unverbindlich wirkenden Raum- und Neuzeitklängen mit einer Kamerafahrt über Mailand beginnen. Der Zoom führt auf ein Nobeldomizil zu und in den Salon der Marquise de Merteuil. Ein erhöhter Bühnenkasten steht für alte Lust und neue Intrige zu Verfügung – aufgehängt an vielen dünnen Fäden wie in einem Niemandsland und ausgerüstet nur mit zwei Stühlen und einem Kanapee aus der Rokokozeit. Elaborierte Videozuspielungen entwerfen auf den Flächen neben, unter und hinter diesem Kubus freie Assoziationen. Am Schluss, nach dem Giftmord an Valmont, schlägt die Marquise die Verkleidung von den Wänden ihres Appartements und richtet überhaupt eine schwere Verwüstung an: Der Clinch der Geschlechter setzt ungeahnte Kräfte frei.

Luca Francesconi entwickelte eine in hohem Maß auch von elektronischen Mitteln gestützte neue Musik mit faszinierenden Momenten des Raumklangs. Sein Tonsatz scheint einerseits an Geräusche, Betönungen und vor allem auch Gesten des alltäglichen Lebens angebunden, drückt aber weder in traditionellem Sinn "Gefühle" aus noch begleitet er einfach Stimmungen. Francesconi prozessiert, oft mit vereinzelten Tönen oder sehr kurzen Motiven, verschiedene "Zustände" heraus, die zueinander in Kontrast stehen.

Allison Cook als Marquise de Merteuil und Robin Adams als Vicomte de Valmont, beide gut gebaut, schlank und im besten Alter, bieten eine große, ja, fulminante stimmartistische und sängerdarstellerische Leistung als harten Kern des Erfolgs.

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