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StartseiteEssay und DiskursAltern und Jugendwahn03.10.2012

Altern und Jugendwahn

Von der Last mit der Vergänglichkeit

Wer heutzutage der Natur freien Lauf lässt, auf Verjüngungskuren, Haarfärbungen oder Schönheitsoperationen verzichtet, riskiert, schräg angesehen zu werden oder zumindest als schlampig zu gelten.

Von Ingrid Füller

In der auf Leistung und äußere Perfektion getrimmten Gesellschaft gelten jugendliche, makellose Körper als ästhetisches Ideal  (AP)
In der auf Leistung und äußere Perfektion getrimmten Gesellschaft gelten jugendliche, makellose Körper als ästhetisches Ideal (AP)

Denn der Jugendlichkeitskult scheint im Zeitalter des demografischen Faktors keine Grenzen mehr zu kennen. Während der Zwang, jünger aussehen zu wollen, bizarre Blüten treibt, droht dem Alter der Verlust an Würde.

Hören Sie dazu einen Essay von Ingrid Füller über "Altern und Jugendwahn. Von der Last mit der Vergänglichkeit."

Die Autorin ist Hörfunkjournalistin. Im vergangenen Jahr befasste sie sich bei Essay und Diskurs mit dem Thema Sterbehilfe.

"Solange ich mein Gesicht ohne Missfallen betrachten konnte, vergaß ich es, es verstand sich von selbst. Jetzt ist alles vorbei. Ich hasse mein Spiegelbild: über den Augen die Mütze, unterhalb der Augen die Säcke, das Gesicht zu voll und um den Mund der traurige Zug, der Falten macht. Die Menschen, die mir begegnen, sehen vielleicht nur eine Fünfzigjährige, die weder gut noch schlecht erhalten ist. Sie hat eben das Alter, das sie hat. Ich aber sehe meinen früheren Kopf, den eine Seuche befallen hat, von der ich nicht mehr genesen werde."

Selten hat eine Schriftstellerin in so drastischen Worten das Altern beschrieben, wie Simone de Beauvoir in ihren 1963 veröffentlichten Memoiren "Der Lauf der Dinge". Bestürzt und mit fast grausamer Akribie schildert sie die Spuren der Zeit, die das vertraute Gesicht tiefgreifend verändert haben. Zwar erkennt sie hinter Falten, Furchen und schlaffer Haut noch ihr junges Spiegel-Ich. Doch ihr gnadenloser Blick offenbart: Altern ist ein Verhängnis, das den Körper verwüstet und die Seele verdunkelt.

"Meine Revolten sind durch das nahe Ende und die Unvermeidlichkeit des Verfalls gedämpft. Aber auch meine glücklichen Stunden sind blasser geworden. Der Tod ist nicht mehr ein brutales Abenteuer in weiter Ferne, er verfolgt mich in den Schlaf hinein. Beim Erwachen spüre ich seinen Schatten zwischen der Welt und mir: Das Sterben hat schon begonnen. Das hatte ich nicht vorausgesehen - dass er so früh beginnt und dass es so weh tut."

Ein halbes Jahrhundert später haben Alter und Vergänglichkeit nichts von ihrem Schrecken verloren. Im Gegenteil: Die Furcht vor dem alternden Spiegelbild, die Simone de Beauvoir mit Fünfzig befiel, ergreift zunehmend mehr und immer öfter auch jüngere Menschen, sobald sich die ersten Falten zeigen und die Spannkraft nachlässt.

Dank des medizinischen Fortschritts und besserer Lebensbedingungen sind Fünfzig- und Sechzigjährige heute in der Regel zwar gesünder als frühere Generationen und sehen auch jünger aus als ihre Eltern und Großeltern im gleichen Alter. Doch in der auf Leistung und äußere Perfektion getrimmten Gesellschaft gelten jugendliche, makellose Körper als ästhetisches Ideal. Alternde Menschen lösen Unbehagen und Abwehr aus. Die Zeichen des Verfalls sollen nicht öffentlich zur Schau gestellt, sondern verschwiegen, kaschiert oder korrigiert werden. Ein ungeschriebenes, aber nicht minder wirksames Gesetz verlangt, dem Vergleich mit der Jugend so lange als möglich standzuhalten.

Anti-Aging-Experten unterschiedlicher Provenienz haben dem Altern den Kampf angesagt. In Werbung und Medien propagieren sie zahlreiche Maßnahmen, die lang anhaltende Frische, Glätte, Anziehungskraft und Belastbarkeit versprechen: Dinner-Cancelling und Diäten, Vitamine und Vitalstoffe, Pro- und Präbiotika, Kosmetika, Wellness, Sport und Entspannungsverfahren. Nicht zu vergessen, die ästhetische Chirurgie, die manche Begleitsymptome des Alterns tilgen kann. Schlupflider und Tränensäcke, über die Simone de Beauvoir einst klagte, lassen sich heute ebenso mühelos beseitigen wie Falten und Krampfadern, Alterswarzen und Altersflecken, überschüssige Haut oder zu viel Fett auf Bauch und Hüften.

Erfolgreiche Schönheitsoperationen verwandeln den alternden Körper zwar nicht in einen jungen, doch zumindest in einen, der jünger aussieht, als er in Wahrheit ist. Wer der Natur einfach freien Lauf lässt, gerät schnell ins Abseits. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass attraktive, jung und dynamisch wirkende Menschen überall im Leben leichter ihre Ziele erreichen und mehr Privilegien genießen als solche, die müde, verbraucht und – im wahrsten Sinne des Wortes – alt aussehen.

Dabei altert die Gesellschaft in bislang nie gekanntem Ausmaß. Allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in vielen Ländern Westeuropas, in den USA, in Kanada, Japan und Australien um rund 30 Jahre. Ein Trend, der sich voraussichtlich noch verstärken wird. Schon heute sind in Deutschland 30 Prozent der Bevölkerung jenseits der Sechzig. Die Mehrheit von ihnen hat, statistisch gesehen, noch eine Lebenserwartung von 20 bis 25 Jahren. An die oft als "junge Alte" oder "Best Ager" bezeichnete Gruppe zwischen Ende Fünfzig und Anfang Siebzig richten sich zahlreiche Bücher und Ratgeber.

Schon die Titel zeigen, worum es geht: "Jung bleiben beim Älterwerden", "Älter werde ich später" oder "Das Ende des Alterns". Die Botschaft ist stets die gleiche: Altern ist kein Schicksal. Mit den richtigen Maßnahmen lässt es sich verschieben, wenn nicht gar verhindern. Das aber bedeutet: Wem es nicht gelingt, "jung" zu bleiben, ist selbst schuld. Der moderne Mensch trägt die Verantwortung für sein Aussehen. Er ist seines Alters Schmied.

Wissenschaftliche Disziplinen bieten dabei ihre Hilfe an. Allen voran die Medizin und die Psychologie. Anti-Aging-Ärzte führen individuelle Risikoanalysen durch und erstellen Gesundheitskonzepte, die auf die persönliche Situation der Patienten abgestimmt sind. Und unter Psychologen wächst die Überzeugung, dass die Seele den Körper jung hält. Die innere Einstellung triumphiert über das biologische Alter, so lautet die frohe Botschaft aus den USA, die auch inzwischen in Deutschland Gehör findet. Wer sich von negativen Altersstereotypen und Denkweisen befreie, könne den Alterungsprozess nicht nur aufhalten, sondern teilweise umkehren. Ob die auf verschiedenen Experimenten basierende Annahme "Wer ‘jung’ denkt, bleibt jung" durch wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigt wird, muss sich erst noch zeigen.

Schon in der Antike versuchten die wohlhabenden Schichten der Bevölkerung, das Altern zu verzögern: In Griechenland setzen sie auf Sport, Athletik und auf die Lehren des Hippokrates, der zu einer maßvollen Lebensweise riet, um möglichst lange gesund zu bleiben. In Rom galten Olivenöl, Bienenwachs und diverse Bäder als probates Mittel zum Erhalt jugendlicher Frische. Im Mittelalter und in der Renaissance griffen die aufkommenden Gesundheitsschriften die antiken Lehren wieder auf und verbanden sie mit naturheilkundlichen Verfahren. Der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland, ein Vorreiter der modernen Anti-Aging-Medizin, sprach sich in seinem 1797 erschienenen Werk "Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" gegen Extreme aller Art und für einen ausgewogenen Lebensstil aus.

Maler und Bildhauer spornte das Ideal junger, schöner Körper zu Meisterwerken an. Kaum eines drückt die Sehnsucht nach ewiger Jugend anschaulicher aus als der 1546 von Lucas Cranach dem Älteren geschaffene "Jungbrunnen". Das Gemälde des damals 74jährigen Malers zeigt alte, gebrechliche Menschen, die ein Bad in dem magischen Wasser nehmen und es in jugendlicher Frische wieder verlassen.

In der Literatur begegnen uns quer durch die Jahrhunderte Figuren, die der verlorenen Jugend nachtrauern. Etwa Eos, die Göttin der Morgenröte, die den physischen Verfall ihres einst so attraktiven menschlichen Geliebten Tithonos nicht erträgt, Goethes "Mann von 50 Jahren", die eher tragikomischen Alten in Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" oder die alternden Helden in den Werken von Italo Svevo, deren Fantasien um Verjüngungskuren und lebensverlängernde Wundermittel kreisen. Zu den berühmtesten Romanfiguren, die an der Gier nach immerwährender Jugend zerbrechen, zählt Oscar Wildes "Dorian Gray":

"Die Menge der Feldblumen welkt, aber sie blühen wieder. Die Blüten der Bohne sind ebenso goldgelb im nächsten Juni wie heute [...] Aber uns kehrt niemals die Jugend zurück. Der Pulsschlag der Freude, der uns mit zwanzig durchzuckte, wird matt und träge. Unsere Glieder werden schwer, unsere Sinne entschwinden. Wir entarten zu scheußlichen Gliederpuppen, in denen nur ein Gedächtnis spukt [ ... ] Jugend! Jugend! Es gibt nichts in der Welt außer der Jugend!"

Während männliche Protagonisten den Verlust der eigenen Jugend beklagen, droht Frauen Schlimmeres, wenn das Blühen vergeht und das Welken beginnt. In ihrem Buch "Das Alter. Ein Traum von Jugend" nennt die Germanistin Hannelore Schlaffer Beispiele aus der Literatur, in denen ältere Frauen verhöhnt und beschimpft werden. Vor allem, wenn sie sich weiter um Aufmerksamkeit bemühen. So spottete Antiphilos von Byzanz in einem Epigramm aus der "Anthologia graeca":

"Glätte dir ruhig die Backen mit all ihren Riefen und Runzeln,
Mach für die fehlenden Brau’n Striche mit Kohle am Aug,
Färb dir mit dunkler Tinktur die verblichenen Haare
Und ringle dir mit der Brennschere nur Löckchen um Löckchen am Ohr,
Alles vergebens! Man lacht dich nur aus."


Auch Horaz schmiedete verächtliche Verse über Frauen, die keine Augenweide mehr waren, auf Liebe aber dennoch nicht verzichten wollten. Welchen Anblick der Dichter selbst bot, als er seinem Hass auf alte Frauen freien Lauf ließ, ist nicht überliefert.

"Du fragst mich noch, von langen Jahren morsch und faul,
Warum ich kalt und fühllos sei?
So frag doch deine schwarzen Zähne, deine Stirn
Von grauem Alter längst durchfurcht,
Ja, frage dein Gesäß, das mit den dürren Backen sich
Gleich einer mageren Kuh befühlt!
Gewiss, dein Busen reizt mich, deine welke Brust,
Dem Euter einer Stute gleich,
Der schlaffe Bauch, der dürre Schenkel, der so stolz
Auf dick geschwollner Wade thront!"


Bis heute werden Frauen in erster Linie über ihren Körper definiert. Nach dem landläufigen Begriff von Attraktivität haben sie schlank, zart, grazil und anmutig zu sein. Eigenschaften, die vornehmlich junge Menschen aufweisen. Wenn die Attribute der Jugend verblassen, wächst unter Frauen die Furcht, sie könnten ihre Anziehungskraft verlieren. Eine Angst, die nicht unbegründet ist und die sich tief ins kollektive Bewusstsein gegraben hat. Um das Schreckgespenst der "hässlichen Alten" zu bannen, versuchen viele Frauen, ästhetische Normen so lange als möglich zu erfüllen.

Frauen, die in jüngeren Jahren wegen ihres Aussehens bewundert und bevorzugt wurden, fällt das Altern besonders schwer. Sie müssen akzeptieren, dass sie keine Blicke mehr auf sich ziehen und in der Masse untergehen, aus der sie einst hervorstachen. Manche erleben die fehlende Beachtung als ebenso schmerzhaft wie eine Scheidung oder den Verlust des Arbeitsplatzes und schlittern in eine Depression, die sie nur mit fachlicher Hilfe überwinden. Andere versuchen, die gewohnte Aufmerksamkeit um jeden Preis zurückzugewinnen und verwandeln sich dabei in Karikaturen ihrer selbst: Mittsechzigerinnen, die sich die Haare tizianrot färben, die Lippen zu grell schminken, Miniröcke und bauchfreie Tops tragen oder die Füße trotz fortgeschrittener Arthrose in spitze Schuhe zwängen.

Doch nicht nur unter Frauen treibt der Jugendwahn mitunter bizarre Blüten. Etliche Männer jenseits der Sechzig färben sich – manche mehr schlecht als recht – ebenfalls die Haare oder pressen sich in enge Jeans, wenngleich der Bauch sich über dem Hosenbund wölbt. Jugend ist mehr als ein faltenfreies Gesicht. Es ist auch Synonym von Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit. Von lässigem Auftreten und der Lust auf Abenteuer. Privilegien, die für viele Männer jahrzehntelang selbstverständlich waren, und auf die sie jenseits der Sechzig nur ungern verzichten.

So brechen Rentner zu waghalsigen Touren auf Skatern, Mountainbikes oder an Kletterwänden auf. Andere wollen den jüngeren Tennispartner um jeden Preis besiegen oder nehmen trotz koronarer Herzerkrankung an Marathonläufen teil. Wieder andere treten im Fitnessstudio wie besessen in die Pedale des Ergometers oder quälen sich an Kraftmaschinen, bis die Gelenke schmerzen. Immer öfter warnen Ärzte ältere Freizeitsportler vor übermäßigem Ehrgeiz. Menschen ab Fünfzig sollten ihre Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen, heißt es, da die Zahl der Verletzungsopfer unter Älteren deutlich ansteige.

Auch Männer altern und verlieren dabei nicht nur Haare oder Zähne, sondern auch die Jugend und mit ihr die Schönheit, die bis heute untrennbar mit glatter, straffer Haut, mit Frische und Elan verbunden ist – und auf keinem Fitnessgerät der Welt zurückerobert werden kann. Die Trauer über schwindende Attraktivität gestehen Männer sich vornehmlich in der Literatur ein. Im realen Leben ist die Mehrheit von ihnen mit nützlicheren Dingen beschäftigt: Beruf und Karriere, Macht und Status haben für Männer bislang eine ungleich höhere Bedeutung als der Kampf um ewige Jugend.

Die Fixierung auf den Körper und die Panik vor dessen Verfall haben sie seit Jahrhunderten den Frauen überlassen. Die aber sind häufig am Altern gescheitert. Sie wurden melancholisch oder zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück. So wie die im Paris des 19. Jahrhunderts für ihre Schönheit berühmte Contessa Castiglione, die nur noch nachts das Haus verließ und alle Spiegel zertrümmerte, als sie ihr alterndes Antlitz nicht mehr ertrug.

Wenn die Frauen verblühen, verduften die Männer, heißt es im Volksmund. Nicht zu Unrecht. Denn alternde Männer fühlen sich oft stärker zu jüngeren Frauen hingezogen als zur gleichaltrigen Lebenspartnerin, deren Körper die Spuren der Jahre zeigt.

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact aus dem Frühjahr 2012 liefert genauere Zahlen: Nahezu jeder dritte Mann über Fünfzig würde - wenn er könnte - eine mindestens zehn Jahre jüngere Frau wählen. 55 Prozent der Befragten äußerten die Überzeugung, dass jüngere Frauen die Männer selbst jung halten.

Doch längst nicht jeder Ältere verfügt über einen hohen Sozialstatus, den er einer jugendlichen Geliebten im Gegenzug für den makellosen Körper anbieten kann. Manchen bleibt deshalb nur die Flucht in die Fantasie. Andere starren auf der Straße, verstohlen oder ungeniert, Frauen an, die ihre Töchter oder Enkelinnen sein könnten und die auf die lüsternen Blicke der Alten, je nach Temperament und Stimmung, gleichgültig, spöttisch oder entrüstet reagieren.

Auch unter Frauen wächst die Lust auf einen jüngeren Mann. Je höher das eigene Einkommen und das Sozialprestige der Frauen sind, desto weniger können ältere Männer bei ihnen punkten. Und je besser das Verhältnis zum eigenen Vater war, desto mehr schwindet die Sehnsucht nach dem väterlichen Freund. Aus Kontaktanzeigen geht hervor, dass nicht nur Künstlerinnen und Managerinnen nach jüngeren Gefährten Ausschau halten, sondern auch Freiberuflerinnen, Journalistinnen und sogar Beamtinnen.

Das Glück einer Liebe hängt sicher nicht davon ab, ob beide Partner gleichaltrig sind. Doch wenn sie aus unterschiedlichen Generationen kommen, birgt das besondere Risiken. In der Ungleichzeitigkeit der Lebensalter lebe immer einer auf Kosten des anderen, schreibt die Psychoanalytikerin Eva Jaeggi in ihrem Buch "Viel zu jung, um alt zu sein". Meist der Ältere auf Kosten des Jüngeren. Jugendliche Gefährten sind nicht nur ein Schmuckstück. Sie dienen den Älteren, bewusst oder unbewusst, auch zur Abwehr ihrer eigenen Alters- und Todesangst.

Die zitierte Umfrage unter Männern über Fünfzig macht deutlich, was sie von einer jüngeren Frau erwarten: Etwas von deren Lebenskraft soll auf sie selbst übergehen. Eine Zeit lang mag das gelingen. Die Kindfrau kann dem Mann im Alter ihres Vaters einen ebenso angenehmen Vitalisierungsschub bescheren wie der jugendliche Adonis der älteren Geliebten. Doch der Euphorie über die "Verjüngungskur" folgt nicht selten ein Kater. Der nüchterne Blick des Älteren auf den Körper des erheblich Jüngeren lässt keinen Zweifel daran, dass die gemeinsame Zeit nur eine geschenkte ist. Irgendwann hat der junge Mensch genug vom "Vampirismus" der Alten. Er sehnt sich nach seiner Generation, nach dem Gleichklang der Erfahrungen - häufig auch nach dem jungen, attraktiven Körper eines Geliebten.

Auch für den älteren Partner wird das Leben mit einem deutlich jüngeren oft zum Balanceakt. Durchtanzte Nächte verkraftet er ebenso wenig wie zu laute Musik und die ständige Anstrengung, im neuen Freundeskreis fit und frisch, eben "jung" zu wirken. Körper und Seele rebellieren gegen zu viel Alkohol, zu wenig Ruhe, zu wenig Schlaf. Manche vermissen die langjährigen Freunde, mit denen sie gemeinsame Erfahrungen gemacht und manche Krisen überstanden haben. Doch die Vertrauten von einst haben sich zurückgezogen, als er sich einer anderen Generation zuwandte, deren Vorlieben oder gar ihren Jargon übernahm und Dinge plötzlich als "geil" oder "krass" bezeichnete.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die Maskerade zu mühsam wird. Der "Jungbrunnen" versiegt, und im Spiegel meldet sich das alte Ich zurück. Denn der Mensch kann nicht aus der Haut fahren. Er entkommt seinem Körper nicht, der mit den Jahren immer mehr zur "sterblichen Hülle" wird. Auch wenn er noch so sehr betont, wie wohl er sich darin fühlt. Befinden werde im Allgemeinen nur im Missbefinden spürbar, schreibt Jean Améry in seinem 1968 erschienenen Buch "Über das Altern":

"Wer da sagt, ‘Ich fühle mich gut’, dem ist natürlich schon nicht mehr ganz wohl in seiner Haut, so wie der Mann, der sich von sich behauptet, dass er sich jung fühle, nie ein wirklich junger Mann sein kann. Wer sich ‘fühlt’, gut oder schlecht, mit dem steht es nicht so ausgezeichnet, denn solange er tatsächlich im Vollbesitz seiner Kräfte ist, in der Gewissheit gesunder Körperlichkeit lebt, ‘fühlt’ er sich nicht. Er ist nicht bei sich, sondern [...] außer sich, im Raum, der zu ihm gehört und ihm gehört, der untrennbar mit seinem Ich verwachsen ist."

Heute beschwören die meisten Menschen das Gegenteil. Umfragen zeigen, dass die Deutschen sich durchschnittlich zehn Jahre jünger fühlen, als sie sind. Und nicht nur das. Sie glauben auch, zehn Jahre jünger auszusehen. Alt, so scheint es, sind nur die anderen. Doch Selbst- und Fremdwahrnehmung stimmen nicht überein. Denn die anderen unterliegen der gleichen Täuschung und bemerken in ihrem Umfeld sehr wohl das Altern, von dem sie sich selbst verschont glauben.

Sechzigjährige vergleichen ihren Körper nicht mit dem Gleichaltriger, sondern orientieren sich an Bildern aus Werbung und Medien. Aber dort finden sie ihr Alter nicht wieder. Das Fernsehen zeigt kaum noch Nahaufnahmen von Moderatorinnen und Schauspielerinnen jenseits der Vierzig. Und in Zeitschriften tauchen, wenn überhaupt, nur Fotos älterer Menschen auf, deren Gesichter auf wesentlich jünger getrimmt sind. Computermanipulierte Bilder täuschen eine Scheinwelt vor, in der niemand altert. Vor allem Frauen nicht. Die US-amerikanische Schriftstellerin Naomi Wolf sieht darin einen Eingriff in fundamentale Freiheiten: die Freiheit, stolz auf das gelebte Leben zu sein und damit auch auf die Spuren, die es im Körper hinterlassen hat. In ihrem Buch "Der Mythos Schönheit" zieht sie einen radikalen Vergleich:

"Wenn Frauen das Alter aus dem Gesicht retuschiert wird, hat das die gleiche politische Tragweite, wie wenn auf allen positiven Darstellungen von Menschen schwarzer Hautfarbe die Haut routinemäßig aufgehellt würde. Dadurch würde das gleiche Werturteil über schwarze Hautfarbe suggeriert, wie es diese Manipulationen in Bezug auf durchlebtes weibliches Leben vermitteln: je weniger, desto besser."

Gesicht, Körper, Gang und Haltung sagen etwas über das Leben eines Menschen aus. Sie lassen erkennen, wie angenehm oder anstrengend es war. Wie viel Kraft es ihn kostete, seine Ziele zu erreichen, alltägliche Aufgaben in Beruf und Familie zu erfüllen. Zeit- und Konkurrenzdruck, Überforderung, Existenzangst, Schlafmangel, Krankheiten und andere Schicksalsschläge rauben Kraft und Energie. Wer immer wieder unter Stresssymptomen litt, strotzt mit Sechzig oder Fünfundsechzig nicht vor Unternehmungslust. Er will sich ausruhen, durchatmen. Nicht faul oder träge werden, aber alles gemächlicher angehen als bislang. Nur: Diese Art von Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß. "Wer rastet, der rostet", warnen Experten für Anti-Aging oder "Good-Aging" und "Pro-Aging", wie es neuerdings auch heißt.

Der Jugendwahn äußert sich nicht nur im Kampf um einen alterslosen - und damit seiner Identität - beraubten Körper, sondern auch im Aktivitätsdruck, der auf den Älteren lastet. Es scheint, als reichten gesunde Ernährung, mäßiger Sport, geistige Interessen und die Pflege von Freundschaften nicht mehr aus, um gut zu altern. Zunehmend mehr Ruheständler haben einen volleren Terminkalender als während der Erwerbsarbeit. Diverse Wirtschaftszweige heizen die Konsumlust und den Tatendrang der "jungen Alten" an.

Immer öfter berichten die Medien von Mittsechzigern, die couragiert Neuland betreten, wie bislang nur die Jüngeren. Sie durchqueren den Dschungel, begeben sich auf Safaris oder auf Rafting-Touren. Andere lernen Suaheli oder Mandarin, üben sich in Kampfsport oder erwerben eine Fluglizenz. Hinter vorgehaltener Hand spotten so manche Junge über den Lebensübermut und die scheinbare Frische der Alten. Doch offiziell genießen die umtriebigen Rentner Lob und Bewunderung. Sind sie doch der lebende Beweis dafür, dass die früher üblichen Klischees überholt sind, die das Alter mit Langeweile, Siechtum und Verfall verbanden.

Die neuen Stereotype sind nicht weniger tyrannisch als die alten. Denn sie zeichnen ein Bild, dem längst nicht alle Menschen jenseits der Sechzig entsprechen. Manche sind zu derart vielen Aufschwüngen nicht mehr fähig, andere gar nicht willens. Sie sind froh, wenn sie nicht mehr unter Leistungsdruck stehen, in Ruhe die Klassiker lesen, malen, musizieren oder einfach sich mal treiben lassen können.

Doch in der westlichen Welt ist die Vita contemplativa längst dem Ideal der Vita activa gewichen. Weisheit und Muße, das waren einmal die Freuden der Alten, zumindest der gebildeten und begüterten Schichten. Heute sind andere Werte gefragt. Politiker und Ökonomen fordern, das Potenzial und die Ressourcen der "Best Ager" zu nutzen. Will heißen: Diese sollen nicht nur auf Reisen gehen und ihren Hobbys frönen, sondern auch länger arbeiten und sich ehrenamtlich engagieren.

Während viele Ältere seit Langem unbezahlte Arbeit in sozialen Diensten, Nachbarschaft und Familie leisten, reagiert die Wirtschaft nur zögerlich auf die Appelle der Politiker. Rund die Hälfte aller Unternehmen beschäftigt keine Personen über fünfzig Jahren. Nach wie vor besteht der Trend, Beschäftigten lange vor dem Eintritt des Rentenalters den Abschied mit einer Abfindung zu versüßen. Die freien Stellen werden mit Jüngeren besetzt. Denn die sind nicht nur billiger, sie gelten auch als flexibler, belastbarer und weniger krankheitsanfällig als jahrzehntelange Mitarbeiter. Power zählt mehr als Erfahrung. Ständige Verfügbarkeit mehr als Sachverstand.

Den Älteren von heute, die noch ein Drittel ihres Lebens vor sich haben, fehlen Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Sie sind Pioniere, die mit der eigenen Rolle und Ausdruckskraft experimentieren. Sollen sie ihr wahres Alter verschweigen, jugendliche Outfits tragen und sich von ihren Enkelkindern mit Vornamen anreden lassen? Oder zu den grauen Haaren stehen und bequeme Kleidung wählen?

Sollen sie den geordneten Rückzug antreten oder den Ruhestand als Verdienst betrachten, der sie mit diversen Privilegien ausstattet? Oder sich zum "Bundesfreiwilligendienst" melden, vielleicht sogar ein Jahr als Babysitter in die USA gehen? Ein Studium beginnen und mit Siebzig den Doktortitel erwerben? Jetzt endlich all das verwirklichen, was früher nicht möglich war? Wie können sie die Schattenseiten einer Kultur bewältigen, die ihnen eine eigene Altersidentität verweigert, weil sie "jung", auf jeden Fall aber "jünger" wirken sollen, als sie sind?

Wenn jedes Lebensalter seine eigenen Werte und Ziele hat, lässt sich später nur bedingt nachholen, was in jüngeren Jahren versäumt wurde. In einem Interview bezeichnete der Psychoanalytiker C. G. Jung die erste Lebenshälfte als eine Zeitspanne, in welcher der Mensch in die Welt hinausgehe. Er verglich ihn mit einem "explodierenden Himmelskörper", dessen Teile in den Weltraum flögen und immer größere Distanzen zurücklegten. Auf diese Weise vergrößerten sich der geistige Horizont des jungen Erwachsenen, sein Ehrgeiz und sein Wille, die Welt zu erobern. In der zweiten Lebenshälfte stehen laut Jung andere Aufgaben im Vordergrund. Statt weiter expansiv zu leben, müsse der Mensch Bilanz ziehen, das Pro und Contra neuer Ziele sorgfältig prüfen, vor allem aber, sich selbst finden.

"Eine immer tiefer werdende Selbsterkenntnis ist [...] wohl unerlässlich für die Weiterführung eines wirklich sinnvollen Lebens im Alter, wie unbequem diese Selbsterkenntnis auch sein möge. Nichts ist lächerlicher oder unpassender als ältere Leute, die tun, als ob sie noch jung wären –-sie verlieren sogar ihre Würde, das einzige Vorrecht des Alters. Die Ausschau muss zur Innenschau werden. In der Selbsterkenntnis wird einem all das aufgedeckt, was man ist, zu was man bestimmt ist, und alles, wovon und wofür man lebt."

Ausdrücklich nennt C. G. Jung auch das Nachdenken über den eigenen Tod. Doch meditatio mortis ist in der modernen, säkularen Gesellschaft verpönt. Die Fixierung auf Attraktivität und Vitalität lassen weder Zeit noch Raum für Gedanken über die Vergänglichkeit. Zudem ist himmlischer Trost ungewisser denn je. Immer weniger Menschen glauben an ein Weiterleben im Jenseits und klammern sich an das, was sie im Diesseits haben: an ihren Körper. Der soll sich nicht verändern, nicht hinfällig werden, nicht an das unausweichliche Ende erinnern.

Jugend- und Gesundheitskult, Schönheitswahn und übertriebener Lebenshunger verraten die Angst der Gesellschaft vor dem Tod. Der erscheint als lebensfeindliches Prinzip, nicht als Bestandteil des Lebens, zu dem der Tod gehört wie die Nacht zum Tag oder das Ausatmen zum Einatmen.

Niemand hat Anspruch auf ein langes Leben. Es kann schon nach wenigen Tagen, Wochen oder Jahren wieder zu Ende sein. Dennoch wird der Tod, wenn überhaupt, erst im hohen Alter – jenseits der Achtzig oder Neunzig – akzeptiert. Und selbst dann findet er nicht im alltäglichen Leben statt. Die meisten Menschen sterben heute in Krankenhäusern, Altenheimen oder Hospizen, aber nicht mitten unter uns.

Doch damit nicht genug. Manche Anwohner und Hauseigentümer wollen in ihrer Nachbarschaft nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Sie schalten Rechtsanwälte ein, wenn in ihrem Wohngebiet Pflegeheime oder Hospize errichtet werden sollen. Andere befürchten eine Wertminderung ihres Grundstücks und verkaufen ihr Haus, sobald sie vom geplanten Bau der Heime erfahren.

Alte, Pflegebedürftige und Sterbende zerstören die Illusion von der Allmacht moderner Menschen. Der Tod holt alle auf den Boden der Tatsachen zurück. Er demaskiert den Mythos ewiger Jugend und Gesundheit, denn er erhebt Anspruch auf jeden. Jenseits der Fünfzig, spätestens ab Sechzig, wird es Zeit für die Einsicht, dass unser Leben begrenzt ist. Es gibt kein kontinuierliches Höher-Hinauf wie in der klassischen Wachstumsideologie, keine Linie, die in die Unendlichkeit führt. Schon im dritten Lebensjahrzehnt beginnt der Körper auf allen Ebenen zu altern. Wie schnell oder langsam das geschieht, hängt von den Genen ab und vom Lebensstil.

Am kommenden Sonntag bringen wir einen Beitrag von Robert Schurz über das Bloßstellen als neuem medialen Vergnügen.

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