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Aus dem Weg

Liza Marklund: "Der rote Wolf"

Der Mann, der einst den stolzen Namen "Gelber Drache" trug, ist ein todkrankes Wrack. Er verfault innerlich, verbreitet dadurch einen Gestank, der seine Umgebung vor ihm zurückschrecken läßt. Vor dreißig Jahre war er der führende Kopf einer maoistisch orientierten linken Splittergruppe, deren Mitglieder allesamt nach wilden Tieren benannt waren. Da gab es den Löwen der Freiheit, den Bellenden Hund, den Schwarzen Panther und Weißen Tiger. Vor allem aber gab es den Roten Wolf. Hinter diesem Namen verbarg sich eine Frau, die auf dem Weg der Revolutionäre durch die Institutionen inzwischen zur Kultusministerin avancierte.

Von Ingrid Müller-Münch

Liza Marklund: "Der rote Wolf" (Hoffmann und Campe)
Liza Marklund: "Der rote Wolf" (Hoffmann und Campe)

Das Buch beginnt damit, dass ein alter Mann zurück in den Norden Schwedens kommt, dorthin, wo er aufgewachsen ist. Ich bin da übrigens auch aufgewachsen. Dieser alte Mann liegt im Sterben. Er ist ein Berufskiller. Zur gleichen Zeit wie er kommt die Journalistin Annika Bengtzon nach Luleo. Sie recherchiert einen terroristischen Anschlag auf einen Militärflughafen aus den 60er Jahren. Damit beginnt die Geschichte. Es ist eine Geschichte über Terrorismus. Aber auch über die Frage, wohin man gehört, wo man sein geistiges Zuhause hat. Ich halte es für absolut unerläßlich, dass ein Mensch irgendwohin gehört. Zu einer Gruppe, die ihn anerkennt, die ihn wahrnimmt.

Soeben ist Liza Marklunds neuer Krimi um die Reporterin des Stockholmer Abendblatts Annika Bengtzon erschienen. Der rote Wolf heißt er. In Schweden ein enormer Erfolg. So wie alle fünf Annika-Bengtzon Krimis von Liza Marklund. An die sechs Millionen Mal wurden ihre Bücher inzwischen weltweit verkauft, in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ihr Rezept ist einfach: Sie schreibt über ein Milieu, dass ihr vertraut ist – den Journalismus. Den Alltag von Medien, Fernsehstars und Chefredakteuren, von sich durchboxenden Journalisten und intrigengetränkten Redaktionsbüros. Mit Annika Bengtzon, ihrer Protagonistin, einer zweifachen Mutter, gestressten Ehefrau und spitzfedrigen Journalistin hat sie eine Person kreiert, die weit entfernt ist von den toughen US-Detektivinnen, die hardcoremäßig ihre Morde aufdecken, ansonsten aber eher wie einsame Wölfe durch die Städte roden. Bei Annika Bengtzon werden Windel gewechselt, recherchiert die junge Frau per Handy, während sie gleichzeitig die Suppe anrührt.

Ich wollte eine Frau in dieses Genre einführen, mit der ich mich identifizieren kann. Ich liebe Kurt Wallander, aber kann mich nicht mit ihm identifizieren. Tut mir leid. Henning Mankell ist ein sehr guter Freund von mir. Aber in seinen Büchern dreht es sich hauptsächlich um Männer. Wenn eine Frau auftritt, dann wollen alle Typen sie gleich flachlegen. So ergeht es Frauen in fast allen von Männern geschriebenen Krimis. Ich wünschte mir eine Frau, die mir und meinen Freundinnen ähnelt. Ich wollte sie gleichermaßen verletzlich und aggressiv. Denn Frauen sind menschliche Wesen. Auch wenn sie nicht immer so behandelt werden. Ich wollte, dass sie an ihren Kindern hängt und liebevoll zu ihrem Mann ist. Bei der Arbeit sollte sie allerdings ein Feger sein, ehrgeizig und clever. Denn auch das ist menschlich. Frauen haben eine weite Palette verschiedener Charaktereigenschaften. Aber uns gesteht man sie nicht zu. Deshalb wollte ich vor allem jemanden, der nicht wie ein als Frau geschminkter Mann agiert, sondern wie eine wirkliche Frau.


Der rote Wolf ist hochaktuell, auch wenn er in der Vergangenheit spielt. Es ist die Geschichte einer politischen Verirrung, mit Konsequenzen für das ganze Leben. Und es ist die Geschichte von Menschen, die sich außerhalb der Gesellschaft einen Freiraum schufen, der zu Mord und Totschlag führt. Zu Terrorismus und Menschenfeindlichkeit.

Ich habe die Geschichte dieses Buches vor acht Jahren entworfen. Lange vor dem 11. September. Die linken Gruppen der 60er Jahren haben mich schon immer fasziniert. Bei denen Solidarität mit der Dritten Welt ganz groß geschrieben wurde. Damals wollten sie die Welt verbessern. Alle wollten das. Ich war da noch ein Kind. Als Teenager später dann wollte ich nach den Sternen greifen. Wollte Leggings kaufen, zur Gymnastik gehen, schlank und fit sein, um den Jungs zu gefallen. Der eigene Nabel wurde betrachtet, damit bin ich aufgewachsen. Im Gegensatz hierzu haben mich die 60er so fasziniert.

Die Reporterin des Stockholmer Abendblatts, Annika Bengtzon, weiß nicht, was sie erwartet, als sie in den Norden Schwedens fliegt. Der Journalist einer Lokalzeitung hat sie dorthin gelockt. Er hat angeblich neues Hintergrundmaterial über einen Anschlag auf einen Militärflughafen vor über 30 Jahren gefunden. Damals wurde hierbei ein junger Soldat getötet. Der Verdacht fiel auf die Mitglieder einer linken revolutionären Zelle. Doch der Beweis für ihre Verstrickung in die Tat konnte nie erbracht werden.

Als Annika Bengtzon in Luleo ankommt, ist ihr Kollege tot, ermordet. Ein Junge, der mit ansah, wie ein Auto wieder und wieder den Journalistin überfuhr, solange, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab, ist ebenfalls in Gefahr. Annika Bengtzon, dickköpfig, mit ausgeprägtem journalistischem Spürsinn, schnüffelt herum und stößt auf verwickelte Details, die zu guter letzt eine Kultusministerin ebenso wie den gelben Drachen zum Absturz bringen. Eine Situation, die der Autorin Liza Marklund aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit als erfolgreiche Journalistin bestens bekannt ist. Und auch die Konsequenzen kennt sie gut, wenn denn an Skandal aufgedeckt wird.

Ich habe als Reporterin beim schwedischen Tageblatt gearbeitet. Eine Konkurrenzzeitung fand heraus, dass einer der größten Gewerkschaftsbosse in einen Pornoclub gegangen ist. Der Mann hat das abgestritten. Ich fand Beweise dafür, dass er gelogen hat. Also musste er zurücktreten. Die Leute haben mich hierfür gehasst. Die Art und Weise, wie meine Person plötzlich skandalisiert wurde, war mir neu. Da arbeitete ich aber schon zehn Jahre in dem Beruf und konnte damit umgehen. Ich habe einfach zurückgeschlagen. Habe eine Debatte über die journalistische Arbeit angezettelt. Damals dachte ich immer, was wäre eigentlich gewesen, wenn mir das als Neuling in diesem Beruf passiert wäre? Wenn ich mit so etwas nicht hätte umgehen können? Wenn mir keiner geglaubt hätte?

Liza Marklund ist längst kein Neuling mehr. Nicht als Krimi-Autorin, nicht als Journalistin. Sie ist derzeit Schwedens erfolgreichste Schriftstellerin. "Der rote Wolf", ihr neuester Roman, zeigt eine inzwischen arrivierte, aber auch durch traumatisierende Ereignisse schwer erschütterte Annika Bengtzon. Eine Frau, die nicht davor zurückscheut, notfalls mittels Verleumdung ihre Widersacherin aus dem Weg zu räumen. Die gleichermaßen verletzlich und kraftvoll ist. Die betrogen wird und betrügt. Liza Marklund liebt Annika Bengtzon. Das spürt man deutlich im roten Wolf, sicher nach Olympisches Feuer ihr bester, ihr dichtester Krimi. Mit einem Thema, das zwar 30 Jahre alt ist, aber noch immer hochbrisant.

Liza Marklund
Der rote Wolf
Hoffmann und Campe, EUR 22,90

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