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StartseiteNachrichten vertieftDie "sieben Todsünden" der Nachrichten02.11.2015

Aus der NachrichtenredaktionDie "sieben Todsünden" der Nachrichten

Auch die beste Nachrichtenredaktion ist nur ein Mensch und macht schon einmal Fehler. Das macht aus uns aber nicht die "Lügenpresse". "Grundgesetzpresse", so dürfen Sie uns allerdings gerne nennen. Mit sachlicher Kritik haben wir kein Problem und doch wächst der Eindruck, dass wir nicht mehr alle Menschen im Land erreichen können.

Von Marco Bertolaso

Die "Lügenpresse" als T-Shirt auf einer Neonazi-Demo in Hof (Oberfranken) 2012
Die DLF-Nachrichten fühlen sich eher als "Grundgesetz-Presse".

In der DLF-Nachrichtenredaktion bekommen wir viele Reaktionen auf unsere Arbeit. Lob und Zuspruch sind das eine. Fragen und Kritik, das andere. Normal und gut so. Manchmal wird es aber irrational oder aggressiv, hin und wieder sogar beides. Genau davon möchte ich heute berichten.

Wir freuen uns enorm, dass unsere Arbeit im Radio und im Netz derart stark wahrgenommen wird. Zur Wahrnehmung gehört, dass die Menschen sich kritisch mit dem befassen, was sie Monat für Monat mit ihrem Rundfunkbeitrag finanzieren. Das ist selbstverständlich.

Wir antworten auf allen Wegen – außer mit Brieftauben

Wir beantworten all das, was wir aufklären können. Wir antworten per Post und per Mail, über die sozialen Medien, am Telefon und manchmal tatsächlich sogar noch per Fax. Nur Brieftauben haben wir schon länger nicht losgeschickt.

"Warum haben Sie andere Teilnehmer-Zahlen von der Demonstration als die Organisatoren?" "Wieso berichten Sie nicht über die Wahlen in Honduras?" "Weshalb gibt es zu viele oder zu wenige Meldungen aus Sport, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft?" Zu all dem und immer wieder auch zur Nachrichtensprache stehen wir Rede und Antwort. Immer wieder haben wir (leider) auch Anlass, für Fehler um Entschuldigung zu bitten. Dann können wir Lehren daraus ziehen. Kritik macht auch uns in der Regel besser.

Das alles ist eine Menge und das ist auch das Allermeiste. Heute geht es um eine andere Art von Vorwürfen. Die "sieben Todsünden der Nachrichten", so wie sie einige Menschen empfinden. Sie werden sehen, es gibt zwischen den verschiedenen "Todsünden" Überschneidungen. Und je nachdem, ob gerade die Ukraine-Krise dominiert, Griechenland oder die Flüchtlingsfrage, verändert sich auch das Mischungsverhältnis bei den Angriffen.

Wir möchten mit Ihnen ins Gespräch kommen

Hier die Liste der Punkte - mit unseren Anmerkungen und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ihre Meinung dazu ist willkommen, schreiben Sie uns einfach an dienachrichten@deutschlandfunk.de


Todsünde 1: "Ihr seid alle links", "Ihr seid alle rechts"

Symmetrisch und paradox - solche Konstellationen existieren in vielen anderen Varianten. Die einen glauben, wir seien "für die Palästinenser", die anderen sind überzeugt, wir agitierten " für die Israelis". Das geht hin bis zu banalen Versionen wie: "Ihr haltet mit Bayern München!" beziehungsweise "Ihr seid für Borussia Dortmund!" Fast immer sind übrigens als Ausweis der hohen Emotionalität recht viele Ausrufungszeichen dabei.

Einschätzung: Ein Klassiker unter den Vorwürfen. Er unterstellt in vielerlei Ausprägung vorurteilsbeladene und absichtlich verzerrende Berichterstattung. Gibt es wohl schon so lange, wie Medien existieren. In der Regel sind wir ungefähr für die Hälfte der Kritiker zu links oder zu palästinenserfreundlich und für die andere Hälfte zu rechts, zu israelnah etc. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass unsere Nachrichten alles in allem nicht so schlecht liegen.

Weitere Anmerkung: die Zeit starker Lagerbildungen im Journalismus, die Jahre des partei-politischen Aktivismus, die Jahre der Ideologie sind vorbei. Das gab es früher und war zum Teil sehr munter, zum Teil sehr verbissen. Ich habe als Jungredakteur in den 1990ern noch die Ausläufer beobachtet. Heute sieht das ganz anders aus. Ich wüsste von den meisten in der Redaktion nicht einmal zu sagen, wen oder was sie wählen. Und der Nahost-Komplex wird in der Redaktion allgemein als kompliziert eingeschätzt. Niemand von uns würde sich ein klares "Der hat angefangen!" zutrauen, wie man es aus der Grundschule kennt oder manchmal auch aus der Politik.

Wir sind immer, immer aufgerufen, Einseitigkeiten zu vermeiden. Wenn es doch einseitig wird, dann ist das ein klarer handwerklicher Fehler. Er wird aber nach meiner Erfahrung nie absichtlich gemacht, auch wenn das im Falle eines Falles kein echter Trost ist.


Todsünde 2: "Ihr macht doch alles, was die Regierung will"

Einige Menschen glauben tatsächlich, Angela Merkel ließe morgens bei uns anrufen und übermittle ihre Anweisungen oder Wünsche für den Tag. Das erstaunt mich immer wieder. Und wird eine Meldung nach einer gewissen Zeit nicht mehr wiederholt, dann denken manche, wir hätten nicht aus Aktualitätsgründen gehandelt. Sie denken, wir wären ausnahmsweise einmal mutig gewesen und dann habe man uns zurückgepfiffen.

Einschätzung: In den 1980er Jahren hat tatsächlich einmal Willy Brandt am Morgen nach einer für die SPD wenig erfreulichen Bundestagswahl in der DLF-Nachrichtenredaktion angerufen. Er wollte von unserem Redakteur, der die Presseschau gemacht hatte, höflich wissen, ob es denn wirklich keine positiven Stimmen für die Sozialdemokraten gebe. "Nein, Herr Bundeskanzler, nicht einmal die 'Frankfurter Rundschau'", so die Antwort, die der Kollege bis zu seiner Rente immer wieder zum Besten gegeben hat.

Andere Anrufe "von ganz oben" sind mir nicht bekannt, auch keine indirekte politische Einflussnahmen aus dem Haus. Wir wären dafür auch nicht zu haben. Im Übrigen gibt es bei uns seit vielen Jahren einen von Journalistinnen und Journalisten gewählten Redakteursausschuss, der durchaus mit einigen Rechten ausgestattet auf die Unabhängigkeit der Arbeit achtet.

Interessant ist, dass der Vorwurf der Regierungshörigkeit jeden Regierungswechsel übersteht, selbst wenn die Nachrichtenschwerpunkte sich nicht ändern.


Todsünde 3: "Ihr macht doch alles, was "das System" will!"

Diese erweiterte, subtilere Version von Nummer zwei vertreten ebenfalls einige Hörerinnen und Hörer. Hier wird angenommen, dass die politischen Parteien letztlich alle ähnlich ticken. Die Vermutung ist, dass die Hauptparteien vor allem und gemeinsam das Überleben ihrer Kaste im Auge haben – und dass sie wegen des Machterhalts und allgemein symbiotisch-verfilzt den Interessen von "Großkapital und Großfinanz" dienen.

Wer das übernimmt und an die Medien denkt, dem öffnet sich der Blick auf einen "politisch-journalistischen Komplex" voller gegenseitiger Abhängigkeiten und voller Komplizenschaft. In dieser Lesart ist das Ziel insbesondere öffentlich-rechtlicher Medien, "den Status quo" zu stabilisieren, damit die eigenen "Posten und Privilegien" erhalten bleiben. Verteidigung des Gesamtsystems also, damit das eigene, bequeme Teilsystem fortbesteht.

Untermauert wird diese Unterstellung in manchen Mails mit der Beitragsfinanzierung, dem Hinweis auf angeblich unkritische Berichterstattung über Politik und Wirtschaft. Angeführt wird in der Hörerpost gerne auch, dass der Sprecher der Regierung Merkel  zuvor ein führender Nachrichtenjournalist beim ZDF war und dass sein Vorgänger nunmehr Intendant des Bayerischen Rundfunks ist.

Einschätzung: Ehrlich gesagt, ich habe es nicht so mit den komplizierten Verschwörungstheorien. Ich gehe davon aus, dass verschiedene Akteure generell unterschiedliche Interessen haben. Ich finde es eher unwahrscheinlich, dass sie sich dauerhaft diszipliniert-abgestimmt verhalten. Aber, das ist so meine Sicht.

Wiederum ganz persönlich möchte ich Ihnen zwei Beispiele aus der Praxis anbieten. Lange Zeit wurde auch uns geschrieben, dass Bundeskanzlerin Merkel "für die Industrie die Atomkraft retten wolle". Ja, und dann hat genau sie die Vollbremsung gemacht. Hat Angela Merkel das für RWE gemacht und für EON? Eher nicht. Der gesellschaftliche Druck war nach Fukushima einfach zu groß. Gut, schreiben uns einige heute, es geht ihr halt nur um Machterhalt. Doch dieselbe Kanzlerin riskiert in diesen Tagen, so wie ich das sehe, politisch eine ganze Menge mit ihrer Flüchtlingspolitik. Wie soll man das stimmig bekommen?

Das "große System" gibt es in dieser schlichten Form nicht. Es gibt Akteure mit Rollen und Interessen. Es gibt aber das Grundgesetz. Das, in der Tat, halten öffentlich-rechtliche Redaktionen hoch. Das ist Teil unseres Auftrags, den die Bürger uns mittelbar erteilt haben. Wer also unsere Nachrichtenredaktion "Grundgesetz-Presse" nennen will, dem geben wir recht.

Die kritisierten Wechsel zwischen Medien und Bundespresseamt gab es auch früher schon. Aus einem einfachen Grund: es werden Journalisten gesucht, und zwar nicht die schlechtesten, gerne mit Kontakten. Journalisten wechseln in ähnlicher Form aber auch zu Firmen, zu Gewerkschaften, zu Nichtregierungsorganisationen bis hin zu den heftigsten Kritikern des angenommen "Systems". Allgemein betrachtet sind solche und andere Wanderungen zwischen Politik, Verbänden, Unternehmen und Medien in Deutschland eher weniger stark ausgeprägt als in vielen anderen Ländern.

Anders als gerne vermutet werden Politiker von Journalisten auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Ich will Ihnen hier nicht mit einfachen Vergleich zu den vielen Diktaturen und autoritären Staaten dieser Welt kommen. Auch in den wenigen freien Demokratien gibt es gesellschaftliche Unterschiede: in Frankreich gibt der Präsident eine Audienz, in Großbritannien oder in den USA müssen sich Politiker wärmer anziehen. Deutschland liegt gefühlt in der Mitte. Meine Kolleginnen und Kollegen in den Magazinsendungen des Deutschlandfunks gehören allerdings nach allgemeiner Einschätzung zu den besten und hartnäckigsten Interviewführern im Land. Unsere Nachrichtenredaktion wertet Glanz, aber auch Elend der Aussagen dieser Interviews oft aus. Wir lassen Sie daran über die sozialen Medien teilhaben – und mitdiskutieren.

Dennoch finde ich einiges an dem "System"-Argument interessant, denkt man es etwas weiter. Sind Journalisten den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zu nahe? Haben sie zu wenig Distanz gegenüber Parteien und Unternehmen, zu Interessen- und Lobbygruppen von der Katholischen Kirche bis Greenpeace? Darüber lohnt es sich nachzudenken, und das tun wir auch.

Nicht minder bedenkenswert: sind Journalisten als Gruppe zu homogen? Studierte Toskana-Urlauber, die mit dem Saab zum Bio-Laden fahren, wie es ein Klischee will? Wer Nachrichten macht, der muss Arbeiter genauso verstehen wie Unternehmer, der sollte die Ängste von Hartz-Vier-Empfängern genauso kennen wie die von Flüchtlingen, der muss wissen, was es bedeuten kann, Frau oder Migrant in Deutschland zu sein. Auch darauf achten wir.


Todsünde 4: "Ihr macht doch alles, was "die Amerikaner" oder "die EU" wollen!"

Einschätzung: Beides kommt immer wieder in der Kritik an den Nachrichten vor. Beides ist zum Teil eine Ausweitung bereits genannter Vorwürfe auf die internationale Politik. Es ist aber auch eine Reaktion auf die unübersichtlichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen Verhältnisse der globalisierten Welt, die vielen Menschen Angst machen.

Ehrlich gesagt, die Idee einer Intervention in unserer Redaktion aus Washington oder Brüssel ist noch absurder als der Gedanke an einen "Anruf aus dem Kanzleramt". Bleibt die Vermutung eines vorauseilenden Gehorsams oder einer innerlichen Zustimmung der Journalistinnen und Journalisten, die unsere Nachrichten verzerren könnte.

Hofberichterstattung über Amerika?

Zunächst zu den USA. Fast alle sehen spätestens seit den 1970er Jahren in Deutschland eine gesellschaftlich-politische Emanzipation vom "großen Bruder und Nachkriegs-Beschützer". Sichtbarster Punkt war das deutsche "Nein" zum Irak-Krieg von George W. Bush.

Auch in den Medien gibt es keine US-Hofberichterstattung, sondern eine eher kritische Betrachtung. Afghanistan und Irak, Guantanamo und Drohnen,  TTIP und NSA, US-Waffengesetze und Armut in Amerika – das sind nur einige Beispiele. Ich weiß nicht, ob die US-Botschaft das wichtig nimmt, aber froh sein wird sie nicht jeden Tag, wenn sie den Medienspiegel aus Deutschland nach Washington schickt. Nicht wenige Hörer und Nutzer werfen uns übrigens genau das als Übertreibung vor: wir seien "gegen Amerika". Siehe oben, die "Todsünde eins".

Wie lässt sich diese Theorie erklären? Hier kann ich nur spekulieren. Werden die USA als Blitzableiter und negativer Sinnstifter in einer sehr kompliziert gewordenen Welt gebraucht? Wird Kritik an den USA übertragen auf Medien, die doch eigentlich selbst kritisch berichten? Einigermaßen sicher bin ich, dass es uns in den Redaktionen noch nicht gut genug gelingt, die globalisierte Welt zu erklären. Aber das ist auch alles andere als einfach. Auch wir verstehen nicht alles, was auf der Welt geschieht. Wie sollten wir auch?

Die "Fremdbestimmungsthese"

Noch ein anderer Punkt ist wichtig. Viele der vehementen Vertreter der "Fremdbestimmungsthese" glauben, dass "Deutschland" und "das Deutsche" zu kurz kommen. Dies wird momentan in der Debatte über die Flüchtlinge überdeutlich.

Diese Ängste prägen auch die Reaktionen zu allen möglichen Nachrichten über die Europäische Union. "Immer entscheiden nur die", bekommen wir zu Hören. "Nie geht es um deutsche Interessen". Dazu könnte man jetzt ein ganzes Buch schreiben. Sehr gut möglich, dass unsere Erklärung europäischer Politik noch besser werden muss. Sie ist ähnlich der Vermittlung von Globalisierung eine unserer schwierigsten Aufgaben.

In Europa sieht man andernorts die Deutschen als Hegemon

Vergleichbare nationale Reflexe auf Globalisierung und Brüssel gibt es in beinahe allen übrigen EU-Mitgliedsstaaten. Keine deutsche Besonderheit also. Nur in einem Punkt herrscht überall sonst ein ganz anderer Eindruck. Von Lissabon bis Warschau, von Palermo bis Stockholm sind die meisten sicher, dass gerade die Deutschen so gut wie immer ihren Kopf durchsetzen, politisch und wirtschaftlich. Anders ausgedrückt: in vielen Teilen Europas sind die Deutschen inzwischen die Amerikaner und irgendwie auch "die EU". Kompliziert, das Ganze.

Keine Frage, auch hier können Nachrichtenredakteure besser werden. Das Problem können wir aber nicht lösen. Hier sind Gesellschaft und Politik gefragt, Psychologen, Historiker, Schriftsteller und natürlich Lehrer.


Todsünde 5: "Ihr seid alle gegen Russland!"

Einschätzung: Dies ist eine Zwillings-Schwester von Nummer vier. Alles zu Verunsicherung in Zeiten der Globalisierung Gesagte könnte man wiederholen. Bitte verlangen Sie von mir hier keine umfassende Analyse Russlands und seiner Rolle in der Welt. Für unseren Zweck ist folgendes interessant.

Aus den Reaktionen, die unsere Nachrichtenredaktion erreichen, wird deutlich: Russland eignet sich bestens als Antipode zu den USA. Das ist nicht überraschend. Der Gedanke dockt an der Erfahrung des Kalten Kriegs an und bedient ein diffuses Gefühl von "unser Kontinent" gegen die anderen.

Gerade Präsident Putin wird von einigen gesehen als "starker Führer", der für "nationale Werte" kämpft. Das hätten offenbar einige auch gerne in Deutschland. Die Rolle und die Trolle Russlands haben uns auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise sehr beschäftigt. Nun wird es in Sachen Syrien in dieser Sache wieder lebendig. Ich bin sicher, da kommt noch mehr.

Nachrichtenjournalisten werden aber weiter über Russland würdigend und kritisch berichten – genauso wie über die Ukraine oder die USA. Wir müssen vielleicht noch besser erklären, warum es in Russland viel echte Zustimmung für Putin gibt. Selbstverständlich hat nicht immer "der Westen" Recht. Und natürlich werden wir auch den russischen Außenminister zitieren, wenn es um Syrien geht oder andere internationale Themen. Guter, fairer Journalismus, eben. Viel mehr können Nachrichtenjournalisten hier nicht tun.


Todsünde 6: "Ihr berichtet doch gar nicht über und für die einfachen Menschen!"

Einschätzung: Auch diesen Vorwurf haben wir hin und wieder in der Post. Da kommt oft einiges von dem zusammen, was ich schon beschrieben habe, aber mit einer anderen Zuspitzung. Uns wird ein Bild von Nachrichten vorgehalten, die abgehoben seien, die die Sorgen einfacher Menschen nicht aufnehmen und vielleicht gar nicht kennen. Uns werden Zensur und Manipulation für "ein System" und zu Lasten der Interessen einer unterstellten Mehrheit vorgeworfen. Diese Interessen werden manchmal mehr wirtschaftlich und sozial beschrieben. In anderen Mails geht es eher um eine Vernachlässigung "des Deutschen".

Mit der Flüchtlingsfrage hat dieser Vorwurf in den letzten Wochen deutlich Auftrieb erhalten. In den sozialen Medien hat sich der Ton bekanntlich verschärft und das betrifft auch uns.

Wiederum die Frage: was können wir tun? Bleiben wir beim Thema Flüchtlinge. Wir werden beschreiben, was in Deutschland und Europa geschieht. Wir werden über die Politik der Bundesregierung berichten, aber genauso ihre Kritiker im In- und Ausland zu Wort kommen lassen. Dasselbe gilt für die vielen Verbände, Gruppen und sonstigen Akteure. Wir melden erfolgreiche Schritte der Aufnahme und Integration, aber auch die Probleme. Wir berichten von Übergriffen auf Flüchtlinge, aber auch von Gewalt von beziehungsweise unter Flüchtlingen.

Der Grünen-Politiker Boris Palmer sagte vor kurzem im Deutschlandfunk, wenn viele Menschen in Deutschland ein Problem haben, dann muss die Politik das Problem besprechbar machen. Das gilt natürlich auch für die Medien. Das ist, um kurz in die Wirtschaftssprache zu wechseln, unser Kerngeschäft.

Und so gehen wir auch andere Themen an, im Idealfall alle anderen Themen. Dass eine Nachrichtenredaktion mitten im Leben stehen muss, das hatte ich schon erwähnt. Wie könnten wir sonst im Meer der Nachrichten diejenigen finden, die für unsere Hörer und Nutzer wichtig sind?


Todsünde 7: "Ihr seid die Lügenpresse!"

Einschätzung:  Der Kulminationspunkt dieser Vorwürfe ist bei einigen Menschen das Schlagwort von der "Lügenpresse". Meine Reaktion ist ein tiefer Seufzer. Dann die Bitte um differenziertere Kritik, mit der wir etwas anfangen können. Auch die Bitte um gedanklich-rhetorische Abrüstung. Außerdem, sehen Sie mir das nach, wird es inzwischen etwas langweilig mit der immer gleichen Kurzparole.

Dann kommt der Gedanke, welchen Schaden solche Worte für die Zukunft der Gesellschaft anrichten könnten. Vielleicht lohnt sich der Blick in Geschichtsbücher vom Untergang der römischen Republik bis zur Weimarer Zeit.

Ach, auch das noch: jede Beitragszahlerin und jeder Beitragszahler hat einen Anspruch darauf, dass wir das uns anvertraute Geld angemessen nutzen. Was denn auch sonst? Aber der Beitrag gibt niemandem das Recht auf Beleidigung, Hass oder Drohungen. Wir lassen uns gerne kritisieren und in Frage stellen. Aber auch öffentlich-rechtliche Nachrichten-Journalisten müssen sich nicht anpöbeln oder bedrohen lassen.

Das Wort von der "Lügenpresse" ist ein steter Appell an uns, genau das nicht zu sein, um keinen Preis und auch nicht in Details. Es ist auch der Aufruf, zu erklären und zu begründen, dass wir es nicht sind. Es ist sicher auch ein Hinweis, noch mehr im Internet präsent zu sein, wo sich die Parallelwelten informieren, organisieren und radikalisieren. "Lügenpresse", das ist aber vor allem ein politisch-gesellschaftliches Warnsignal. Es sind auch Politik und Gesellschaft gefordert, beileibe nicht nur die Medien.

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch folgende klare Botschaft: Ob unsere Nachrichten noch alle und jeden in diesem Land erreichen können, da bin ich mir nicht mehr sicher, wenn ich mir manche Facebook-Kommentare anschaue. Das ist kein schöner Gedanke. Doch was ich in einem meinem Nebenberuf als Moderator in den Sozialen Medien erlebe, das hat meinen Blick auf die Menschen, sagen wir, präzisiert. Immerhin: auch über dieses Phänomen berichten wir, wie es unserem Informationsauftrag entspricht.

 Zwei Anmerkungen und ein Versprechen

Vielleicht haben Sie es gemerkt, es war mir ein Bedürfnis einmal über den schwierigen Teil des Hörerdialogs zu schreiben, mit dem ich täglich zu tun habe. Es ist nicht gesund, so etwas immer nur herunter zu schlucken. Weitaus härter trifft es in dieser Sache übrigens die Kolleginnen und Kollegen in unserem "Hörerservice", denen ich auch an dieser Stelle danken möchte.

Der Text ist aus der Perspektive der Nachrichtenredaktion geschrieben. Unser gesamtes Programm bietet mehr. Vom Interview bis zur Diskussion, vom Feature bis zum Hörspiel findet sich im Deutschlandfunk Tag für Tag ein enormer Reichtum an unterschiedlichen Zugängen zu allen Themen. All das ergibt im Ganzen eine vielfältige und differenzierte Berichterstattung, die weit über die hier diskutierten Möglichkeiten des Nachrichtengeschäfts hinausgeht.

Sie wissen nun, welche harschen Vorwürfe uns neben aller sachlichen Kritik erreichen und wie ich darüber denke. Und jetzt noch das Versprechen: demnächst wollen wir mehr über unsere Arbeit berichten, einen Blick hinter unsere Kulissen geben und mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Wie diskutiert die Redaktion über Inhalte und Quellen, wo sehen wir die Probleme im Nachrichtengeschäft, was wollen wir verändern und was bedeutet der digitale Wandel? Welche Kritik der Hörer und Nutzer trifft uns zurecht? Das sind einige Beispiele. Wir melden uns!

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