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StartseiteMusikjournalSiegfried Wagners Homosexualität20.02.2017

Berliner Ausstellung Siegfried Wagners Homosexualität

Siegfried Wagner war ein Anhänger Hitlers, aber auch mit Juden befreundet. Er gilt als einer der bekanntesten Homosexuellen in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Schwule Museum in Berlin widmet dem einzigen Sohn Richard Wagners eine umfangreiche Ausstellung, die mit Tabus bricht und Pionierarbeit leistet.

Von Dieter David Scholz

Die Gattin des Komponisten Richard Wagner und Tochter Franz Liszts, Cosima Wagner, mit ihrem Sohn Siegfried in einer zeitgenössischen Aufnahme (picture-alliance / dpa)
Bayreuther Thronerbe: Siegfried Wagner mit seiner Mutter Cosima (picture-alliance / dpa)
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Musik: Siegfried Wagner, Ouvertüre "Das Flüchlein, das jeder mitbekam"

Siegfried Wagners letztes, unvollendetes Bühnenwerk, die Oper "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" aus dem Jahre 1929, kreist um einen Räuberhauptmann namens Wolf. Wolf war der Spitzname Hitlers im Haus Wagner. Das Stück kann als verschlüsselte Abrechnung mit Adolf Hitler ver­standen werden, wie Peter Pachl, Biograf Siegfried Wagners und einer der Initiatoren der Ausstellung, meint:

"Dass er nach der Lektüre von 'Mein Kampf' wirklich hellsichtig wurde und eine Oper darüber geschrieben hat, wie es wäre, wenn diese Forderungen von Hitler in die Tat umgesetzt würden, 'Das Flüchlein, das jeder mitbekam', er hat auch wirklich Zivilcourage beses­sen, denn er hat dieses Libretto je­dem der Besucher zu seinem 60. Geburtstag auf den Teller gelegt zu dem Essen, zu dem ein­geladen war. Und das waren natürlich sehr viel Rechte und Nationale und konservative Kreise und allen hat er sozusagen gesagt: Hier nimm und friss! Und es kann keiner sagen, dass er keine Position bezogen hat. Und wir haben hier in der Ausstellung einen Brief, wo Winifred das bestätigt." 

Ausstellung leistet Pionierarbeit 

Und doch war Siegfried Wagners politische Haltung keineswegs eindeutig, wie die Ausstel­lung im Schwulen Museum in Berlin, do­kumentiert. Er war homosexuell, Judenfreund und auch Hitleranhänger. Ein Anti­faschist – zu dem ihn Manche reinwaschen wollen - war er keineswegs. Um so wichtiger ist es, in unseren Rechtsruckzeiten einen genauen Blick auf einen so prominenten homosexuellen Anhänger der Nazi-Bewegung zu werfen, die über­lieferten Fakten und Tatsachen gründlich zu analysieren und zu fragen: Warum und wie konn­te das geschehen? Die Berliner Ausstellung leistet da Pionierarbeit und bricht mit Tabus. Kevin Clarke vom Vorstand des Schwulen Museums:

"Man kann, glaub ich, schon sagen, dass Siegfried Wagner einer der bekann­testen Homosexuellen Deutschlands war Anfang des 20. Jahrhunderts. Das heißt nicht, dass die allgemeine Öffentlichkeit wusste, dass er homosexuell war. Aber der engere Kreis der Musikschaffenden, Freunde, Familie usw. wusste das schon. Siegfried Wagner ist insofern typisch für seine Zeit, als dass er seine Homosexualität im privaten Kreis zwar eini­germaßen offen ausgelebt hat, aber er hat geheiratet und hat Kinder gezeugt. Das war eigent­lich der typische Modus für schwule Männer damals, dass man versucht hat, die Homosexualität zu kaschieren, indem man sie quasi durch diese bürgerliche Fassade versteckte."  

Man darf nicht vergessen, dass Homosexualität bis 1969 in Deutschland strafbar war, danach gab es eine Altersbeschränkung. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 vollständig gestrichen. Die Berliner Ausstellung, die erste ihrer Art, zeigt am Beispiel des Wagner-Sohnes, wie je­mand zwischen 1890 und 1930 ein homosexuelles Leben führte und was es bedeutete, mit der Angst vor Ausgren­zung, mit dem Zwang zum Doppelleben, mit Erpressung, mit schwu­len Freundeskreisen und mit dem Schein einer bürgerlichen Existenz zu leben.

Homo­sexua­lität Siegfrieds schlug sich in der Besetzung nieder

Die Ausstellung veranschaulicht dies durch eine Fülle von zum Teil nie zuvor veröffent­lich­ten Exponaten, darunter viele Briefe, Liebesbriefe auch an intime Liebhaber, Fotos, Fami­lien-, Festspiel- und Nazidokumente. Es wird aber auch deutlich, wie sich die Homo­sexua­lität Siegfrieds in der Besetzung der Bayreuther Festspiele niederschlug und in seinem bis heute im Schatten seines Vaters unterschätzten musik­dramatischen Werk. Peter Pachl:

"Grundsätzlich findet sich sehr viel Biografisches, Autobiografisches im Werk. Und da wäre es ein Unding, wenn man bei der Suche nicht auf Queer-Geschichten sto­ßen wür­de. Die gibt es auch, aber meistens sehr stark verschlüsselt oder auch in die weib­lichen Personen gelegt, wie man das halt damals getan hat, das hat ja Tschaikowsky nicht anders gemacht."

Musik: Siegfried Wagner, Symphonische Dichtung "Sehnsucht"

Durch die Zusam­men­arbeit der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft mit dem Schwu­­­len Museum Berlin und dem Ri­chard Wagner Museum in Bayreuth werden aufschluss­reiche Querverbindungen hergestellt zwischen der Biografie des Wagnersohnes, seiner Tä­tigkeit bei den Bayreuther Festspielen und der Politik. Die Ausstel­lung zeigt den homo­sexu­ellen Wagner­sohn in seiner schillernden Widersprüchlichkeit sachlich und diffe­renziert.

"Siegfried Wagner ist anders gar nicht zu erklären. In diesen Zwängen auch oder in diesen Widersprüchen, scheinbaren Widersprüchen seiner Person, auch gerade poli­tisch. Weil er eben sogar auch aus der eigenen Familie, und auch das belegen wir hier, er­presst wurde, Dinge zu sagen oder Dinge zu tun, die ihm gar nicht lagen. Und deswegen auch immer die Flucht weg von Bayreuth, nach Italien, wo er mit zwei Malern zum Beispiel in einer sehr engen Wohngemeinschaft gelebt hat oder auch eine Flucht in die Kunst."

Wichtige Ausstellung für Wagner-Fans

Um die Durchdringung von Kunst und Leben geht es in keinem der vielen Werke Siegfried Wagners mehr als in der Oper "An allem ist Hütchen Schuld", in der dieser Zusammenhang zentrales Thema ist.

Musik: Siegfried Wagner, "An allem ist Hütchen Schuld", Vorspiel

Wer diese Ausstellung gesehen hat, dem fallen Schuppen von den Augen, und er versteht es eigentlich nicht, warum in der Siegfried-Wagner-Forschung nicht schon längst die Dimension von Siegfrieds Homosexualität offen ausgesprochen und mit reflektiert wurde, denn nur sie ermöglicht ein angemessenes Verständnis von Person, Werk und Lebensleistung des Wagner­erben "aus andersfarbiger Kiste". Peter Pachl:

"Der Erbe aus Bayreuth wurde Siegfried Wagner in den Postillen, Garten­lau­ben usw. lange gehandelt als der begehrteste Junggeselle. Und "aus andersfarbiger Kiste" ist ein Zitat von Harden, der ein bekannter Schwulenjäger war, der gerade den Eulenburg­prozess ausgelöst und Eulenburg zur Strecke gebracht hatte, und der 1914 sich als neues An­griffsziel Siegfried Wagner erwählt hatte, den er als Sozialist oder Heiland aus andersfarbiger Kiste bezeichnet hat."

Diese erste Ausstellung über den homosexuellen Siegfried Wagner im Schwulen Museum Berlin ist eine wichtige Ausstellung, die jeder, der sich für den Wagnerclan interessiert, ge­sehen haben sollte. Ein parallel zu ihr erschienener, äußerst informativer Band in der Schrif­ten­reihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft dokumentiert die Erkennt­nisse und Exponate der Ausstellung, die von Lesungen, Konzerten und Diskus­sionen begleitet wird.

Musik: Siegfried Wagner, Der Bärenhäuter, Teufelswalzer

                                                          

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